Brasilien-Wahl, Flávio Bolsonaro

Brasilien-Wahl: Flávio Bolsonaro liegt vor Lula und zieht als Favorit in Stichwahl ein

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 05:09 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Flávio Bolsonaro liegt nach dem ersten Wahlgang der brasilianischen Präsidentenwahl knapp vor Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva. Am 25. Oktober entscheidet die Stichwahl über den politischen Kurs des größten Landes Lateinamerikas.

  • Lula tritt gegen Flávio Bolsonaro in einer Stichwahl Ende Oktober an. - Bild: Marcelo Camargo/Lucas Landau/Agencia Brazil/AP/dpa
    Lula tritt gegen Flávio Bolsonaro in einer Stichwahl Ende Oktober an. - Bild: Marcelo Camargo/Lucas Landau/Agencia Brazil/AP/dpa
  • Rund 159 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa
    Rund 159 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa
  • Amtsinhaber Lula will zum vierten Mal Präsident werden. - Bild: Andre Penner/AP/dpa
    Amtsinhaber Lula will zum vierten Mal Präsident werden. - Bild: Andre Penner/AP/dpa
  • Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro geht als Sieger der ersten Wahlrunde hervor. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa
    Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro geht als Sieger der ersten Wahlrunde hervor. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa
  • Menschen verfolgen die Auszählung. - Bild: Ettore Chiereguini/AP/dpa
    Menschen verfolgen die Auszählung. - Bild: Ettore Chiereguini/AP/dpa
Lula tritt gegen Flávio Bolsonaro in einer Stichwahl Ende Oktober an. - Bild: Marcelo Camargo/Lucas Landau/Agencia Brazil/AP/dpa Rund 159 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa Amtsinhaber Lula will zum vierten Mal Präsident werden. - Bild: Andre Penner/AP/dpa Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro geht als Sieger der ersten Wahlrunde hervor. - Bild: Eraldo Peres/AP/dpa Menschen verfolgen die Auszählung. - Bild: Ettore Chiereguini/AP/dpa

Flávio Bolsonaro liegt nach vorläufiger Auszählung knapp vor dem brasilianischen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und tritt am 25. Oktober in der Stichwahl um die Präsidentschaft an.

Bolsonaro-Sohn liegt vorn

Der 45-jährige Senator von der Liberalen Partei PL kam bei der Wahl am Sonntag auf rund 47 Prozent der Stimmen, Lula erreichte etwa 45 Prozent. Keiner der zwölf Kandidaten erhielt die absolute Mehrheit. Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Wahl aufgerufen.

Bolsonaro wertete sein Abschneiden als Auftrag für einen politischen Wandel und erklärte, die Ära von Lulas Arbeiterpartei PT sei beendet. Lula räumte ein, mit einem Sieg im ersten Wahlgang gerechnet zu haben. Nun beginne eine neue Kampagne, sagte der 80-Jährige.

Historische Ausgangslage

Der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel sieht Bolsonaro als klaren Favoriten. Lula müsse einen großen Teil der Wähler der ausgeschiedenen, überwiegend konservativen Bewerber gewinnen. Das halte Stuenkel angesichts ihrer politischen Ausrichtung und ihrer Anhänger für unwahrscheinlich.

Seit der Rückkehr zu direkten Präsidentschaftswahlen im Jahr 1989 gewann bei allen sieben Stichwahlen der Kandidat, der im ersten Wahlgang vorn gelegen hatte. 2022 lag zunächst Lula hinter Jair Bolsonaro, setzte sich aber in der Stichwahl knapp durch.

Zwei Lager und ein starkes rechtes Parlament

Lula steht für Sozialprogramme, öffentliche Investitionen und eine stärkere Rolle des Staates. In seiner dritten Amtszeit sanken Arbeitslosigkeit und Abholzung im Amazonasgebiet. Gleichzeitig belasten steigende Lebenshaltungskosten, hohe Staatsausgaben und Schulden seine Regierung.

Flávio Bolsonaro verspricht Ausgabenkürzungen, einen schlankeren Staat und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität. Er knüpft an das politische Erbe seines Vaters Jair Bolsonaro an, der wegen seiner Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Ein zentrales Wahlkampfversprechen Flávios ist eine Amnestie für seinen Vater.

Auch andere Mitglieder der Bolsonaro-Familie waren erfolgreich: Die frühere First Lady Michelle Bolsonaro gewann einen Senatssitz im Bundesdistrikt Brasília, Carlos Bolsonaro einen Sitz im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. Das rechte Lager stellt künftig die größte Fraktion im Senat.

Sicherheit als zentrales Thema

Drogenbanden wie das Primeiro Comando da Capital und das Comando Vermelho kontrollieren in Teilen Brasiliens Gebiete und sind in Drogenhandel sowie weitere illegale Geschäfte verwickelt. Gewalt gegen Frauen bleibt ebenfalls ein großes Problem.

Flávio Bolsonaro kündigte rund eine halbe Million zusätzliche Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors an. Lula setzt stärker auf die Bekämpfung der finanziellen Strukturen organisierter Kriminalität.

Streit um Justiz und AuĂźenpolitik

Im Wahlkampf spielten außerdem die Beziehungen zu den USA und der Streit über das Oberste Gericht eine wichtige Rolle. US-Präsident Donald Trump hatte Jair Bolsonaro unterstützt und die strafrechtliche Verfolgung des früheren Staatschefs kritisiert. Flávio Bolsonaro näherte sich Trumps politischem Lager an, während Lula die brasilianische Souveränität betont.

Im Zentrum eines Justizkonflikts steht der Fall um Daniel Vorcaro, den früheren Eigentümer der Banco Master. Die Bundespolizei ermittelt wegen milliardenschwerer Finanzdelikte und Korruptionsvorwürfen. Bekannt wurden zudem Nachrichten Vorcaros an den Richter Alexandre de Moraes sowie ein Vertrag über rund 131 Millionen Real zwischen der Bank und der Kanzlei von Moraes’ Ehefrau. Moraes weist Vorwürfe des Fehlverhaltens zurück.

Auch Flávio Bolsonaro geriet im Zusammenhang mit der Finanzierung des Films „Dark Horse“ über seinen Vater in den Fokus der Ermittler. Dabei geht es unter anderem um Zahlungen Vorcaros. Flávio Bolsonaro bestreitet Unregelmäßigkeiten.

Stichwahl als Richtungsentscheidung

Die Stichwahl am 25. Oktober entscheidet nicht nur über die Nachfolge im Präsidentenamt, sondern auch über den politischen Kurs der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Flávio Bolsonaro steht für einen schlankeren Staat, strengere Sicherheitsmaßnahmen und eine engere politische Nähe zu Washington. Lula wirbt dagegen für Sozialprogramme, öffentliche Investitionen und eine eigenständigere Außenpolitik.

Besondere Bedeutung hat die neue Mehrheitslage im Senat. Das rechte Lager verfügt dort künftig über die größte Fraktion. Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde ihm damit bessere Voraussetzungen für Gesetzesvorhaben und für die Besetzung wichtiger Institutionen verschaffen. Der künftige Präsident kann bis zu vier der elf Richter des Obersten Gerichtshofs ernennen; die Bestätigung liegt beim Senat.

Sicherheit, Justiz und AuĂźenpolitik

Die Sicherheitslage gehört zu den Themen, die viele Wähler unmittelbar betreffen. Organisierte Kriminalität prägt Teile des Landes, während die politischen Lager unterschiedliche Antworten anbieten: Flávio Bolsonaro setzt auf mehr Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse, Lula auf den Angriff auf die Finanzstrukturen krimineller Gruppen.

Auch das Verhältnis zu den USA und der Streit um die Justiz dürften den zweiten Wahlgang prägen. Ein Sieg Lulas würde Brasilien als Gegengewicht zum regionalen Rechtsruck positionieren. Unter Flávio Bolsonaro wäre eine stärkere Annäherung an konservative Regierungen und an das politische Umfeld Donald Trumps zu erwarten. Für Brasilien selbst bleiben daneben Lebenshaltungskosten, Staatsfinanzen und der Schutz des Amazonas zentrale innenpolitische Belastungsproben.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Tagesspiegel: „Präsidentenwahl: Bolsonaro-Sohn fordert Brasiliens Präsidenten Lula heraus“ (03.10.2026)

Der Bericht habe die politischen Gegensätze bei Sicherheit, Sozialstaat, Justiz, Außenbeziehungen und Amazonas-Schutz herausgearbeitet. Er bestätige die enge Ausgangslage vor der Wahl und setze einen stärkeren Schwerpunkt auf die institutionellen Folgen, insbesondere auf die Rolle des Obersten Gerichts und des künftigen Senats.

Deutschlandfunk: „Lateinamerika – Präsidentschaftswahl in Brasilien beendet – Stichwahl erwartet“ (04.10.2026)

Der Bericht bestätige den Einzug von Lula und Flávio Bolsonaro in die Stichwahl und ordne die Entscheidung stärker regionalpolitisch ein. Ein Sieg Lulas erhalte Brasilien demnach als linke Bastion in Lateinamerika, während ein Erfolg Bolsonaros den Rechtsruck der Region verstärke; offen bleibe, wie die neue Zusammensetzung des Senats die künftige Justizpolitik beeinflusse.

Beide Berichte stellten den Zweikampf als Richtungsentscheidung dar. Der Tagesspiegel fokussiere stärker auf innere Konflikte und Institutionen, während der Deutschlandfunk die Folgen für Lateinamerika und die Besetzung des Obersten Gerichtshofs hervorhebe.

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