Brasilien-Wahl: Flávio Bolsonaro zieht vor Lula in die Stichwahl ein
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 14:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer rechte Senator Flávio Bolsonaro geht am 25. Oktober als Erstplatzierter in die Stichwahl um die brasilianische Präsidentschaft gegen den linken Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva.
Bolsonaro liegt nach erster Runde vorn
Nach vorläufiger Auszählung fast aller Stimmen kam der 45-jährige Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro auf rund 47 Prozent. Lula erreichte etwa 45 Prozent und damit mehr als zwei Millionen Stimmen weniger.
Da keiner der beiden die absolute Mehrheit erzielte, muss die Stichwahl entscheiden. Rund 159 Millionen Brasilianer waren zur Wahl von insgesamt zwölf Kandidaten aufgerufen.
„Brasilien will Veränderung“
Flávio Bolsonaro wertete sein Abschneiden als Vertrauensbeweis für einen politischen Wandel und erklärte das Ende der Ära von Lulas Arbeiterpartei PT für besiegelt. „Brasilien will Veränderung“, sagte er nach der Wahl.
Lula räumte ein, er sei überzeugt gewesen, die Wahl bereits im ersten Wahlgang zu gewinnen. Nun beginne eine neue Kampagne, sagte der 80-Jährige: „Das Spiel beginnt. Wir sind in der Verlängerung.“
Historische Bilanz spricht fĂĽr den Herausforderer
Der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel sieht Bolsonaro als klaren Favoriten. Die ausgeschiedenen Kandidaten seien im Grunde konservativ gewesen, sagte er der dpa. Lula müsse deshalb einen großen Teil ihrer Wähler für sich gewinnen.
Auch die historische Bilanz spricht für Bolsonaro: Seit der Rückkehr zu direkten Präsidentschaftswahlen 1989 gewann bei allen sieben Stichwahlen der Kandidat, der im ersten Wahlgang vorn gelegen hatte. Zuletzt war dies 2022 Lula, der Jair Bolsonaro in der Stichwahl knapp besiegte.
Zwei politische Lager
Lula steht für die Fortsetzung seiner seit 2023 betriebenen Politik mit Sozialprogrammen, öffentlichen Investitionen und einer stärkeren Rolle des Staates. In seiner dritten Amtszeit sanken Arbeitslosigkeit und Abholzung im Amazonasgebiet. Zugleich belasten steigende Lebenshaltungskosten, hohe Staatsausgaben und Schulden seine Regierung.
Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL verspricht einen schlankeren Staat, Ausgabenkürzungen und eine härtere Linie gegen Kriminalität. Er knüpft an das politische Erbe seines Vaters an, der wegen seiner Beteiligung an einem versuchten Staatsstreich zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Flávio Bolsonaro hat eine Amnestie für seinen Vater in Aussicht gestellt.
Erfolge fĂĽr die Bolsonaro-Familie
Neben dem Präsidenten wurden Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt. Die frĂĽhere First Lady Michelle Bolsonaro wurde im Bundesdistrikt BrasĂlia in den Senat gewählt. Carlos Bolsonaro, ein weiterer Sohn des frĂĽheren Präsidenten, gewann ebenfalls einen Senatssitz im sĂĽdlichen Bundesstaat Santa Catarina.
Das rechte Lager um Bolsonaro errang mit Abstand die meisten Sitze im Senat und stellt dort künftig die größte Fraktion.
Sicherheit als Wahlkampfthema
Die öffentliche Sicherheit gehörte zu den wichtigsten Themen. Drogenbanden wie das Primeiro Comando da Capital und das Comando Vermelho kontrollieren in Teilen des Landes Gebiete und sind in Drogenhandel und weitere illegale Geschäfte verwickelt. Auch Gewalt gegen Frauen bleibt ein großes Problem.
Flávio Bolsonaro kündigte rund eine halbe Million zusätzliche Haftplätze und Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild in El Salvador an. Lula setzt stärker auf die Bekämpfung der finanziellen Strukturen organisierter Kriminalität.
AuĂźenpolitischer Einfluss
Auch die Beziehungen zu den USA prägten den Wahlkampf. US-Präsident Donald Trump lobte die schnelle Auszählung und kritisierte zugleich das Wahlsystem in den Vereinigten Staaten. Flávio Bolsonaro näherte sich im Wahlkampf Trumps politischem Lager an und traf ihn im Weißen Haus.
Lula setzt dagegen stärker auf die Verteidigung der brasilianischen Souveränität und versucht, trotz Konflikten mit Washington die Beziehungen zu den USA zu stabilisieren. Brasilien ist als größte Volkswirtschaft und bevölkerungsreichstes Land Lateinamerikas ein wichtiger politischer Akteur der Region.
Streit ĂĽber Justiz und Korruption
Der Wahlkampf war zudem vom Streit über das Oberste Gericht geprägt. Im Mittelpunkt stand der Fall um Daniel Vorcaro, den früheren Eigentümer der Banco Master, gegen den wegen milliardenschwerer Finanzdelikte und Korruptionsvorwürfen ermittelt wird.
Bekannt wurden Nachrichten Vorcaros an STF-Richter Alexandre de Moraes sowie ein Vertrag über rund 131 Millionen Real zwischen der Bank und der Anwaltskanzlei von Moraes’ Ehefrau. Moraes weist Vorwürfe des Fehlverhaltens zurück. Flávio Bolsonaro kritisierte ihn und das Gericht scharf, geriet aber selbst wegen der Finanzierung eines Films über seinen Vater in den Fokus der Ermittler. Er bestreitet Unregelmäßigkeiten.
Stichwahl als Richtungsentscheidung
Die Abstimmung entscheidet nicht nur über die politische Führung Brasiliens, sondern auch über den Kurs der größten Volkswirtschaft Lateinamerikas. Lula steht für Sozialprogramme, öffentliche Investitionen und eine stärkere Rolle des Staates. Flávio Bolsonaro verbindet den Namen seiner Familie mit einem wirtschaftlich schlankeren Staat, Ausgabenkürzungen und einer harten Sicherheitspolitik.
Das Ergebnis der ersten Runde verschafft dem rechten Lager zusätzlichen Rückenwind. Neben Flávios Vorsprung bei der Präsidentschaftswahl gewannen Bolsonaro-Verbündete wichtige Mandate und stärkten damit die konservative Präsenz im Kongress. Ein Wahlsieg Flávios könnte ihm deshalb größere politische Spielräume eröffnen; ein erneuter Erfolg Lulas würde voraussichtlich eine konfrontative Zusammenarbeit mit einem rechts geprägten Parlament erfordern.
Regionale und internationale Bedeutung
Für die Stichwahl werden die Stimmen der ausgeschiedenen Kandidaten und die Mobilisierung der Nichtwähler entscheidend. Zugleich reicht die Bedeutung des Duells über Brasilien hinaus: Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde den Rechtsruck in Lateinamerika verstärken und die Annäherung an konservative Kräfte in Washington fördern. Lula könnte Brasilien dagegen als Gegengewicht zu dieser Entwicklung positionieren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
BR: „Brasilien: Lula muss in die Stichwahl gegen Flávio Bolsonaro“ (05.10.2026)
Der Bericht bestätige den Vorsprung Flávio Bolsonaros und hebe hervor, dass das rechte Lager zugleich im Kongress an Einfluss gewonnen habe. Er betone, Lula müsse vor allem Nichtwähler mobilisieren, während die ausgeschiedenen Kandidaten überwiegend dem konservativen Spektrum zugerechnet würden.
tagesschau.de: „Präsidentschaftswahl in Brasilien: Bolsonaro und Lula ziehen in Stichwahl ein“ (05.10.2026)
Der Bericht bestätige ebenfalls die Stichwahl und den Vorsprung des Herausforderers, setze aber einen stärkeren Schwerpunkt auf die regionale Tragweite des Ergebnisses. Ein Erfolg Bolsonaros könne den Rechtsruck in Lateinamerika vorantreiben, während ein Sieg Lulas Brasilien als linke Bastion neben Mexiko erhalten würde.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass Flávio Bolsonaro mit einem Vorsprung in die Stichwahl gehe und die Entscheidung am 25. Oktober falle. Unterschiede gebe es vor allem bei der Gewichtung: Der BR fokussiere auf Kongressmehrheit und Mobilisierung, tagesschau.de auf die regionale und internationale Bedeutung.
