Putin spricht von ukrainischer Spur bei Anschlag nahe Moskau
23.03.2024 - 14:37:33 | dpa.deNach einem der schwersten TerroranschlĂ€ge der russischen Geschichte mit mehr als 130 Toten sind weiter viele Fragen nach TĂ€tern, HintermĂ€nnern und Motiven offen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) veröffentlichte verpixelte Fotos der angeblichen AttentĂ€ter, nachdem sie bereits am Freitagabend den Angriff auf die Konzerthalle Crocus City Hall fĂŒr sich reklamiert hatte.
Kremlchef Wladimir Putin hingegen behauptete nach der Festnahme mehrerer MĂ€nner, es gebe eine Spur, die in die Ukraine fĂŒhre. Auch russische Propagandisten sparten nicht mit unbelegten Schuldzuweisungen in Richtung Ukraine, gegen die Russland seit mehr als zwei Jahren einen brutalen Angriffskrieg fĂŒhrt. Kiew wiederum hat eine Beteiligung klar zurĂŒckgewiesen.
VerdÀchtige zum Verhör in Moskau
Die vier HauptverdĂ€chtigen sind am Abend zum Verhör in die russische Hauptstadt gebracht worden. Wie die Staatsagentur Tass weiter berichtete, waren die vier MĂ€nner in einer streng abgesicherten Wagenkolonne aus der Region Brjansk im SĂŒden des Landes, wo sie festgenommen worden waren, zum sogenannten Ermittlungsausschuss gefahren worden. In den kommenden Tagen solle vor Gericht ein Antrag auf Haftbefehl gestellt werden. Ihnen allen drohe eine lebenslange Haftstrafe, hieĂ es bei Tass weiter.
Trauer am Tatort
Der Tag nach dem grausamen Verbrechen in der Stadt Krasnogorsk nordwestlich von Moskau ist grau und trĂŒbe. Vor der Konzerthalle, die bis vor kurzem ein beliebter Veranstaltungsort fĂŒr russische HauptstĂ€dter war, patrouillieren schwer bewaffnete SicherheitskrĂ€fte. Immer wieder fĂ€llt leichter Nieselregen. Mehrere Ăberlebende sind zur Crocus City Hall zurĂŒckgekehrt, um zu trauern und Blumen abzulegen. Auf Leuchttafeln flackert anstelle von Werbung die Aufnahme einer Kerze und darunter die Aufschrift: «Wir trauern. 22.03.2024.»
Als die bewaffneten Angreifer den Konzertsaal stĂŒrmten, habe sie gerade mit ihrem Mann auf einer der oberen BesuchertribĂŒnen gestanden, erzĂ€hlte die 30 Jahre alte Margarita. «Wir wollten ein Erinnerungsfoto machen.» Im ersten Moment habe sie die ExplosionsgerĂ€usche fĂŒr lauten BegrĂŒĂungsapplaus fĂŒr die KĂŒnstler gehalten, erinnerte sie sich. «Aber es knallte weiter. Da habe ich sofort verstanden, dass etwas nicht stimmt.»Â
Die Zahl der Toten bei dem Anschlag steigt auf mindestens 133, unter ihnen mindestens 3 Kinder. Beim WegrĂ€umen der TrĂŒmmer in der Konzerthalle des Zentrums hĂ€tten EinsatzkrĂ€fte weitere Leichen gefunden, teilte das Moskauer Ermittlungskomitee mit. AuĂerdem gingen die Behörden von mehr als 100 Verletzten aus.
Die Suche nach möglichen weiteren Opfern dauere an, heiĂt es. Elf VerdĂ€chtige wurden festgenommen, mindestens vier von ihnen seien direkt an dem Angriff auf das Veranstaltungszentrum beteiligt gewesen, sagte FSB-Chef Alexander Bortnikow.
Putin: GrenzĂŒbertritt der TĂ€ter in Ukraine vorbereitet
Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin sprach in einer vom Staatsfernsehen ĂŒbertragenen Rede von einer angeblichen Verwicklung der Ukraine in den Terroranschlag. Mit Blick auf vier der festgenommenen MĂ€nner sagte er: «Sie haben versucht, sich zu verstecken und haben sich in Richtung Ukraine bewegt, wo fĂŒr sie ein Fenster fĂŒr einen GrenzĂŒbertritt vorbereitet worden war.» Zuvor hatte Russlands Inlandsgeheimdienst FSB bereits ĂŒber Festnahmen in der Grenzregion Brjansk berichtet.
Die Ukraine, gegen die Russland seit mehr als zwei Jahren einen brutalen Angriffskrieg fĂŒhrt, hat GerĂŒchte ĂŒber eine Beteiligung deutlich zurĂŒckgewiesen. Der ukrainische MilitĂ€rgeheimdienst konterte Putin und wies darauf hin, dass die Grenze seit langem vermint sei.
Weiterhin gibt es ein Bekennerschreiben der Terrormiliz Islamischer Staat, das von mehreren Experten bereits als echt eingestuft wurde. Trotzdem sind weiter viele Fragen offen. Russische Propagandisten wiederum behaupteten recht schnell, dass hinter dem blutigen Verbrechen die Ukraine stecke. Beweise dafĂŒr legten sie nicht vor.
Warnung vor einem Anschlag
Die Geheimdienste der USA und anderer westlicher LĂ€nder hatten bereits Anfang MĂ€rz vor einem drohenden Anschlag gewarnt. Die US-Botschaft in Moskau schrieb am 7. MĂ€rz, sie verfolge Berichte, wonach Extremisten unmittelbar bevorstehende PlĂ€ne haben, groĂe Versammlungen in Moskau anzugreifen, darunter auch Konzerte. Sie forderte Landsleute auf, Menschenmengen zu vermeiden und sich auch sonst achtsam zu verhalten.
Putin tat die Warnungen als westliche Provokation ab. Ziel solcher Warnungen des Westens sei es, die Lage in Russland zu destabilisieren, behauptete er Anfang der Woche bei einer Rede beim FSB.
Viele Fragen noch offen
Der IS-Propagandakanal Amak veröffentlichte ein Bild mit vier Personen, deren Gesichter unkenntlich gemacht worden waren. Die KĂ€mpfer hĂ€tten bewaffnet mit Sturmgewehren, Pistolen und Bomben Russland einen «schweren Schlag» versetzt, hieĂ es in der Mitteilung. Der Angriff habe «Tausenden Christen in einer Musikhalle» gegolten. Der IS bekĂ€mpft AnhĂ€nger des Christentums und betrachtet sie als UnglĂ€ubige.Â
Die russischen Ermittler haben sich dazu allerdings nicht geĂ€uĂert. Nicht gesichert sind Berichte, dass es sich bei den mutmaĂlichen TĂ€tern um StaatsbĂŒrger der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan handeln soll. Die in ihrem Fluchtauto gefundenen PĂ€sse könnten gefĂ€lscht sein. Tadschikistan, das an Afghanistan grenzt, ist bekannt als ein RĂŒckzugsort islamistischer Terroristen.Â
Bisher waren schwere IS-AnschlĂ€ge auf russische Ziele selten. Seit einigen Jahren haben die Islamisten jedoch auch Moskaus Politik auf dem Radar. Vor allem Russlands MilitĂ€reinsatz in Syrien ist der Gruppe laut Experten ein Dorn im Auge. Putin zĂ€hlt als wichtigster VerbĂŒndeter des syrischen Herrschers Baschar al-Assad. Nach Ausbruch des BĂŒrgerkriegs hatte der IS zwischen 2014 und 2017 weite Teile im Osten Syriens und Nordirak beherrscht. Ein regionaler Ableger der Terrormiliz ist zudem im Kaukasus aktiv, in Russland vor allem in den mehrheitlich muslimischen Republiken Dagestan und Tschetschenien. Global hat der IS seine Sympathisanten immer wieder zum Kampf gegen Nichtmuslime aufgerufen.
Immer wieder schwere TerroranschlÀge
In Russland ist es in der Vergangenheit immer wieder zu schweren TerroranschlĂ€gen gekommen. Im September 2004 endete ein Geiseldrama in einer Schule in Beslan (Nordossetien) mit 360 Toten. Tschetschenische Rebellen hatten auĂerdem im Oktober 2002 in einem Moskauer Musicaltheater mehr als 800 Geiseln genommen. Bei der Befreiungsaktion starben 129 Geiseln und rund 40 Terroristen. Im Herbst 1999 wurden bei mehreren tschetschenischen BombenanschlĂ€gen auf WohnhĂ€user in Dagestan mehr als 300 Menschen getötet.
Der Anschlag nun auf die Crocus City Hall wurde international verurteilt. Der französische PrÀsident Emmanuel Macron schrieb auf Twitter, Frankreich verurteile den Terroranschlag aufs SchÀrfste. Er bekundete seine SolidaritÀt «mit den Familien der Opfer, den Verletzten und dem russischen Volk.» Auch die Bundesregierung verurteilte «den schrecklichen Terrorangriff auf unschuldige Konzertbesucher in Moskau. Unsere Gedanken sind mit den Angehörigen der Opfer und allen Verletzten», schrieb Bundeskanzler Olaf Scholz auf der Plattform X.
Die ĂŒberlebende Margarita wirkte gefasst, aber auch sichtlich mitgenommen, als sie noch weitere Details von dem Anschlag erzĂ€hlte. Nachdem sie und ihr Mann nach einem SpieĂrutenlauf durch Korridore und unter Gewehrfeuer in einem unteren Geschoss in einem dunklen Raum angekommen seien, womöglich einem Lager, hĂ€tten sie ein Schild mit der Aufschrift «Ausgang» entdeckt - und sich ins Freie retten können. Putin hat nach dem Terroranschlag fĂŒr diesen Sonntag einen nationalen Trauertag fĂŒr Russland angesetzt.
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