Paläobiologe kritisiert halbherzige Klimapolitik
Veröffentlicht am: 21.08.2026 um 02:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur.de"Dieses Halbherzige bringt gar nichts", sagte der Professor für Paläobiologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen den Zeitungen der Mediengruppe Bayern (Freitagausgabe). Jedes Zehntelgrad, das sich an Erwärmung verhindern lasse, zähle.
Die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klimaabkommens sei aus seiner Sicht bereits nicht mehr zu halten. Weltweit und auch in Europa gehe die Entwicklung derzeit eher zurück. Wirtschaftliche Interessen würden gegen Klimaschutz ausgespielt, obwohl die Folgekosten des Klimawandels deutlich höher seien.
Wenn alle derzeit beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt würden, steuere die Welt auf eine Erwärmung von etwa 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu. "Für die Ökosysteme wird es furchtbar, aber für uns Menschen wird es genauso furchtbar", sagte er.
Bei einer Erwärmung um zwei Grad würden Küstenökosysteme wie Korallenriffe wahrscheinlich weltweit kollabieren und damit auch als Küstenschutz ausfallen, so Kießling. Rund 500 Millionen Menschen seien zudem von Fischbeständen abhängig, die an Korallenriffe gebunden seien.
"100 Prozent des Klimawandels sind menschengemacht", erklärte der Wissenschaftler, der zwischen 2016 und 2022 dem Weltklimarat IPCC angehörte und einer der Hauptautoren des Weltklimaberichts 2022 war. Zwar habe es auch früher erhebliche Klimaveränderungen gegeben. Historische Ereignisse wie die mittelalterliche Warmzeit oder die Kleine Eiszeit seien jedoch überwiegend regional begrenzt gewesen. Heute finde die Erwärmung dagegen weltweit statt.
Besonders bedroht seien Kießling zufolge endemische Arten, die nur in kleinen Verbreitungsgebieten vorkommen. Im Meer wanderten Arten derzeit im Schnitt etwa fünf Kilometer pro Jahr polwärts, an Land etwa einen Kilometer. Als bislang eindeutig auf den Klimawandel zurückgeführtes Aussterbeereignis nannte Kießling die Mosaikschwanzratte. Ihr Lebensraum auf einer kleinen Insel zwischen Australien und Neuguinea sei durch Meeresspiegelanstieg, Versalzung und den Verlust der Vegetation zerstört worden.
Neben dem Klimaschutz müsse sich die Gesellschaft stärker an die bereits unvermeidbaren Folgen anpassen. Deutschland habe dabei eine "Anpassungslücke", sagte Kießling. Städte müssten etwa mehr Grünflächen und Kühlräume schaffen und Versiegelungen aufbrechen. Die Vorbereitung von Pflege- und Altenheimen auf Hitzewellen sei unzureichend.
Das Ausheben einzelner Flüsse zur Verbesserung der Schiffbarkeit bezeichnete Kießling als "ökologischen Schwachsinn". Es löse das eigentliche Problem des Wassermangels nicht. Stattdessen müsse die Infrastruktur an die klimatischen Bedingungen der Zukunft angepasst werden.
