Schuldenbremse, LĂ€ndern

Schuldenbremse: So lÀuft es in anderen LÀndern

24.11.2023 - 10:23:29 | dpa.de

Die EU hat Schuldenregeln, viele nationale Regierungen ebenfalls. Nicht alle sehen eine fest verankerte Schuldenbremse als Lösung gegen hohe Staatsverschuldung.

Ein Plakat mit der Aufschrift «Mit Geld und Verstand. Schulden bremsen, Chancen schaffen. Unser Bundeshaushalt» hĂ€ngt ĂŒber dem Eingang zum Bundesministerium der Finanzen in Berlin. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
Ein Plakat mit der Aufschrift «Mit Geld und Verstand. Schulden bremsen, Chancen schaffen. Unser Bundeshaushalt» hĂ€ngt ĂŒber dem Eingang zum Bundesministerium der Finanzen in Berlin. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

Wie umgehen mit Staatsverschuldung? Das ist nicht nur in der Diskussion um die Schuldenbremse in Deutschland ein Thema. International gibt es verschiedene Regeln - oder auch nicht. Ein paar Beispiele:

EU

Die Schuldenregeln auf EU-Ebene sehen im Kern vor, dass der Schuldenstand eines Mitgliedstaates 60 Prozent der Wirtschaftsleistung nicht ĂŒberschreiten darf. Zudem gilt es, das gesamtstaatliche Finanzierungsdefizit - also die vor allem durch Kredite zu deckende Differenz zwischen den Einnahmen und Ausgaben des öffentlichen Haushalts - unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu halten. Wegen der Corona-Krise sowie der Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine sind die Regeln bis 2024 ausgesetzt.

Derzeit wird ĂŒber eine Reform der EU-Schuldenregeln beraten. Ein Vorschlag der EuropĂ€ischen Kommission sieht vor, hochverschuldeten LĂ€ndern wegen der Folgen der Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs mehr FlexibilitĂ€t beim Abbau von Schulden und Haushaltsdefiziten einzurĂ€umen. Dabei soll es individuelle Wege fĂŒr jedes Land geben, um Schulden und Defizite langfristig zu senken. In den europĂ€ischen HauptstĂ€dten sind die VorschlĂ€ge umstritten. Die Bundesregierung etwa fordert strenge und einheitliche Mindestvorgaben, wĂ€hrend sich Frankreich gegen einheitliche Regeln ausgesprochen hat.

Frankreich

Denn anders als Deutschland hat Frankreich keine in der Verfassung verankerte Schuldenbremse und setzt traditionell stĂ€rker auf schuldenfinanzierte Investitionen statt auf sparsames Haushalten. Das Durchboxen strikter Sparauflagen ist im Nachbarland seit jeher unpopulĂ€r. Auch wĂ€hrend der Corona-Epidemie und des Ukraine-Kriegs stĂŒtzte Paris Firmen sowie die Kaufkraft der Bevölkerung mit ĂŒppigen Milliardenhilfen. Mit einer Verschuldungsquote von 111,6 Prozent der Wirtschaftsleistung Ende 2022 gehört Frankreich in der EU zu den Tabellenletzten.

LĂ€ngst mahnt Frankreichs Rechnungshof daher eine Konsolidierung der Staatsfinanzen an. Die Regierung möchte das Defizit bis zum Ende ihrer Amtszeit 2027 wieder unter die EU-Grenze von drei Prozent drĂŒcken. Im laufenden Jahr wird noch ein Defizit von 4,9 Prozent erwartet, die Verschuldungsquote soll auf 109,7 Prozent sinken.

USA

In den USA legt der Kongress in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden eine Schuldenobergrenze fest und bestimmt, wie viel Geld sich der Staat leihen darf. Die Grenze wurde seit ihrer EinfĂŒhrung vor mehr als hundert Jahren dutzendfach erhöht, da sonst das Geld ausgegangen wĂ€re. Über die Anhebung der Schuldenobergrenze kommt es zwischen Republikanern und Demokraten regelmĂ€ĂŸig zum Streit. In diesem Jahr sind die USA, die grĂ¶ĂŸte Volkswirtschaft der Welt, wieder einmal nur knapp an einem Zahlungsausfall vorbeigeschlittert. Der Schuldendeckel von rund 31,4 Billionen Dollar (etwa 28,9 Billionen Euro) war Anfang des Jahres erreicht worden. Das Finanzministerium musste die Kapitalreserven anzapfen, um den eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen.

Nach einer wochenlangen Zitterpartie einigten sich beide Parteien darauf, dass die Schuldenobergrenze in den USA bis 2025 ausgesetzt wird und im Gegenzug der Umfang des Bundeshaushalts, den die Demokraten von US-PrĂ€sident Joe Biden vergrĂ¶ĂŸern wollten, faktisch eingefroren wird. Ein Zahlungsausfall hĂ€tte eine globale Finanzkrise und einen wirtschaftlichen Abschwung auslösen können. US-Finanzministerin Janet Yellen hat mehrfach gefordert, die Schuldenobergrenze in ihrer jetzigen Form ganz abzuschaffen.

Italien

Auch in Italien ist Haushaltsdisziplin eigentlich in der Verfassung verankert. Dort heißt es seit 2012: «Die öffentlichen Verwaltungen sorgen im Einklang mit dem EU-Recht fĂŒr ausgeglichene Haushalte und eine tragfĂ€hige Staatsverschuldung.» Der Mechanismus Ă€hnelt der deutschen Schuldenbremse mit Raum fĂŒr Ausnahmen und Interpretationen. So ist eine höhere Neuverschuldung bei «außergewöhnlichen Ereignissen» erlaubt, wenn das Parlament mit absoluter Mehrheit zustimmt.

In der Praxis der italienischen Politik ist die Selbstverpflichtung zu mehr Disziplin jedoch lĂ€ngst nicht angekommen. Der Schuldenberg ist seit 2012 nicht niedriger geworden, sondern deutlich höher. Nach jĂŒngsten Zahlen der EU-Kommission werden die Staatsschulden zum Ende dieses Jahres 139,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen. Bis 2025 sagen die Experten sogar einen Bruttoschuldenstand von 140,9 Prozent voraus. Der Haushalt der Regierung von MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni sieht zudem fĂŒr 2024 16 Milliarden Euro Neuverschuldung vor. Das Haushaltsdefizit wĂŒrde nach der Prognose der Regierung von derzeit 3,6 auf 4,3 Prozent des BIP steigen.

Großbritannien

In Großbritannien gibt es keine gesetzliche Schuldenbremse, jedoch fiskalische Ziele. Dazu gehört, dass die Nettokreditaufnahme der öffentlichen Hand im fĂŒnften Jahr einer SchĂ€tzungsperiode nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen soll. Dieses Ziel kann nach EinschĂ€tzung der Wirtschaftsaufsicht OBR (Office for Budget Responsibility) bei derzeitigem Kurs eingehalten. Zudem gibt es einen Deckel fĂŒr Sozialausgaben. Beide Ziele können jedoch im Falle eines «erheblichen Negativschocks fĂŒr die britische Wirtschaft» vom Finanzministerium ausgesetzt werden.

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