Warum Europa Trump nicht einfach den Stinkefinger zeigt
22.01.2026 - 03:38:04 | dpa.deDrohen, erpressen und einschĂŒchtern - bis die EuropĂ€er unter dem Druck einknicken und ZugestĂ€ndnisse machen: Das ist die Strategie von Donald Trump, seit er vor einem Jahr wieder als PrĂ€sident ins WeiĂe Haus eingezogen ist. Nachdem der Republikaner Deutschland und den anderen Alliierten im Streit ĂŒber Zölle und Verteidigungsausgaben teure ZugestĂ€ndnisse abgetrotzt hat, kommt er nun offensichtlich auch beim Thema Grönland seinen Zielen nĂ€her - auch wenn sich sein Wunsch nach einem Kauf der ganzen Arktisinsel nicht verwirklichen lassen sollte.
Bei einem EU-Sondergipfel wollen die EuropĂ€er heute Abend darĂŒber beraten, wie sie am besten mit den dramatischen Entwicklungen in den transatlantischen Beziehungen umgehen. Denn die Erleichterung ĂŒber Trumps jĂŒngsten RĂŒckzieher bei der Zolldrohung im Grönland-Konflikt kann ĂŒber eines nicht hinwegtĂ€uschen: Das VerhĂ€ltnis zwischen der EU und den USA ist durch die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen beispiellos erschĂŒttert worden.
Doch können Bundeskanzler Friedrich Merz & Co. dem PrĂ€sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wirklich wirksam etwas entgegensetzen? FĂŒnf GrĂŒnde, die pessimistisch stimmen:
Die Angst vor dem Nato-Austritt
Als Horrorszenario in Europa gilt, dass Trump im Streit um Grönland oder ein anderes Thema einen Austritt der Vereinigten Staaten aus der Nato ankĂŒndigt â und sich Russland dadurch eingeladen fĂŒhlt, seinen Eroberungsfeldzug beispielsweise auf die EU-Staaten im Baltikum auszudehnen. Die europĂ€ischen VerbĂŒndeten GroĂbritannien und Frankreich sind zwar auch AtommĂ€chte, ihr Sprengkopf-Arsenal ist allerdings sehr begrenzt und wird nicht als ausreichend angesehen, um fĂŒr ganz Europa wirksame Abschreckung zu bieten.
Die Angst vor einem Verlust der Ukraine
Kann die Ukraine dem russischen Angriffskrieg weiter standhalten, wenn die USA ihre UnterstĂŒtzung vollstĂ€ndig einstellen? Zahlreiche EU-Spitzenpolitiker beantworten diese Frage zumindest hinter verschlossenen TĂŒren mit einem klaren Nein. Grund dafĂŒr ist zum Beispiel, dass amerikanische Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot auf absehbare Zeit als unverzichtbar gelten, um den ukrainischen Luftraum gegen russische Drohnen und Raketenangriffe zu verteidigen. Ăhnliches gilt fĂŒr US-Geheimdienstinformationen und weitreichende Raketenwerfer.
Die Angst vor einem Handelskrieg
Trump hat in den vergangenen Monaten immer wieder den Eindruck erweckt, er wĂŒrde ohne Weiteres auch einen Handelskrieg mit den EuropĂ€ern in Kauf nehmen, um seine Interessen durchzudrĂŒcken - zuletzt als er am vergangenen Wochenende im Grönland-Konflikt Strafzölle auf Waren aus DĂ€nemark und alliierten LĂ€ndern wie Deutschland ankĂŒndigte. Diese Zölle scheinen seit Mittwochabend zwar vorerst wieder vom Tisch zu sein, die Furcht vor einem mit wirtschaftlichen Druckmitteln ausgetragenen Konflikt bleibt aber weiter groĂ.
Als besonders verwundbar in einem Handelskrieg gilt die stark exportorientierte deutsche Wirtschaft. Nach einer Analyse der Bundesbank ist fast jeder vierte Arbeitsplatz hierzulande vom Export abhĂ€ngig. Zuletzt warnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), neue US-Zölle könnten das Wirtschaftswachstum in Deutschland «erheblich drĂŒcken».
Die Angst vor Digital-Sanktionen
Europa hat sich in den vergangenen 30 Jahren zu einer Art «digitalen Kolonie» der USA entwickelt. Die AbhĂ€ngigkeit ist strukturell, denn sie betrifft das gesamte Fundament der digitalen Wirtschaft, also Infrastruktur, Betriebssysteme und das Hardware-Design. Besonders auffĂ€llig ist die AbhĂ€ngigkeit bei Cloud-Diensten: Der europĂ€ische Markt wird fast vollstĂ€ndig von den drei US-«Hyperscalern» dominiert: Amazon AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. EuropĂ€ische Anbieter wie die Schwarz-Gruppe (Kaufland/Lidl), OVHcloud oder T-Systems spielen global kaum eine Rolle.Â
Fallen die US-Plattformen aus oder entscheidet die US-Regierung, den Zugriff zu sperren, steht ein GroĂteil der europĂ€ischen Digitalwirtschaft still. Digital-Sanktionen der Trump-Regierung gegen Europa wĂŒrden allerdings auch der US-Wirtschaft massiv schaden. SchlieĂlich werden auf dem alten Kontinent groĂe Teile der Lizenzerlöse fĂŒr Microsoft und Co. erwirtschaftet.
Bislang gibt es in Europa nur zaghafte Versuche, sich aus der digitalen AbhĂ€ngigkeit von den USA zu lösen. Als Vorreiter wird öfter Schleswig-Holstein genannt. Das nördlichste Bundesland gilt als Pionier dabei, echte IT-UnabhĂ€ngigkeit von den USA zu erreichen - weg von Microsoft, AWS oder Google, hin zu Open-Source-Software und lokalen Anbietern.Â
Die Angst vor Populisten
WĂŒrden es die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger in Deutschland und den anderen EU-Staaten gutheiĂen, wenn die EU auf Konfrontationskurs zu den USA ginge? Vor allem dann, wenn dieser Kurs erst einmal Unsicherheit, wirtschaftliche Zumutungen und vielleicht sogar noch Schlimmeres zur Folge haben könnte? Auch diese Frage beschĂ€ftigt Politiker in den Debatten um die richtige Reaktion auf Trumps Politik.
BefĂŒrchtet wird, dass sich WĂ€hlerinnen und WĂ€hler beim nĂ€chsten Urnengang Parteien zuwenden könnten, die Trumps nationalistische Politik gutheiĂen und als Vorbild betrachten. Bislang gibt es im Kreis der Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten abgesehen vom ungarischen MinisterprĂ€sidenten Viktor Orban aber kaum jemanden, der als eingefleischter Trump-Fan gilt.
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