Dutzende Tote nach Angriff auf Munitionslager bei Kiew
Veröffentlicht am: 30.08.2026 um 14:13 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei einem russischen Angriff auf ein ukrainisches Munitionsdepot nahe Kiew haben schwere Explosionen Dutzende Menschen in einem Wohngebiet in den Tod gerissen. Von 38 Toten und noch 4 Vermissten sprach PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj. In dem Dorf Myla rund fĂŒnf Kilometer westlich von Kiew gingen die Arbeiten zur Beseitigung der Folgen des russischen Angriffs und die Suche nach weiteren Opfern demnach weiter.
Es gebe 20 Verletzte, darunter zwei Kinder, teilte Selenskyj bei Telegram mit. «Den RettungskrĂ€ften ist es gelungen, die meisten BrĂ€nde zu löschen», sagte Selenskyj. Sprengstoffexperten seien im Einsatz, um die durch die Explosionen weggeschleuderte Munition aufzuspĂŒren. Das kontaminierte GelĂ€nde sei groĂ.
Russland hatte das Depot, wo auch Granaten und Minen gelagert waren, am Freitagabend angegriffen. Erst am Samstag wurde bekannt, dass das Munitionslager - entgegen den ukrainischen Vorschriften - in einem Wohngebiet lag. Bei den meisten Opfern handelte es sich um Bewohner eines Altenheims.
Strafverfahren wegen Munitionslager in Wohngebiet eingeleitet
Der Staatschef hatte am Vortag angekĂŒndigt, die Verantwortlichen fĂŒr die NachlĂ€ssigkeit zur Verantwortung zu ziehen. «Es gibt Vorschriften: Munition darf es nicht neben HĂ€usern und anderen WohngebĂ€uden geben», betonte er. Die Ermittlungen zu dem Fall dauern an. «Es gibt erhebliche SchĂ€den an der umliegenden Infrastruktur: WohnhĂ€user sowie ein Senioren- und Behindertenheim wurden beschĂ€digt», sagte Selenskyj. Fast 400 Menschen seien in Sicherheit gebracht worden.Â
Regierungschef Serhij Korezkyj verwies auf einen Ă€hnlichen Vorfall Anfang Juli in Wyschnewe am sĂŒdwestlichen Stadtrand von Kiew. «Im fĂŒnften Kriegsjahr werden ein und dieselben Fehler begangen - das ist kriminelle FahrlĂ€ssigkeit», schrieb er bei Telegram. Nach offiziellen Angaben wurden damals bei der Explosion eines Munitionsdepots mindestens neun Menschen getötet.
Kiew und das Umland kommen seit Tagen aufgrund stÀndigen Luftalarms nicht zur Ruhe. Dabei wurden den Behörden zufolge am Wochenende auch ein 2 Jahre und ein 14 Jahre altes MÀdchen getötet.
Selenskyj: Tausende russische Angriffe in dieser Woche
Selenskyj sagte, dass die Ukraine mehr Schutz vor russischem Terror brauche. «Insgesamt haben die Russen allein in dieser Woche fast 2.000 Angriffsdrohnen, ĂŒber 1.600 Bomben und 31 Raketen verschiedener Typen, darunter nordkoreanische ballistische Raketen, gegen unsere Bevölkerung abgefeuert», sagte er. Es gebe rund um die Uhr Angriffe auf Gemeinden in Front- und Grenzgebieten.
Zugleich wehrte sich die Ukraine mit neuen Gegenangriffen auf Ziele im russischen Hinterland. Selenskyj zog dazu erneut zufrieden Bilanz. Es seien Lager-, Vorbereitungs- und Abschussstellen fĂŒr Angriffsdrohnen in den Regionen Orjol und Rostow getroffen worden. «Es gab Treffer auf einen MilitĂ€rflugplatz in Jeisk und im Schwarzen Meer», sagte Selenskyj. Im Leningrader Gebiet sei eine Ălraffinerie Ziel gewesen, «die monatlich Millionen Dollar in den MilitĂ€rhaushalt einbringt».
«Russland muss tĂ€glich spĂŒren, dass der Krieg dorthin zurĂŒckkehrt, woher er gekommen ist», erklĂ€rte Selenskyj. Russland mĂŒssten die Ressourcen genommen werden fĂŒr den Krieg. DafĂŒr brauche es auch weitere Sanktionen des Westens und einen Kampf gegen die Umgehung der StrafmaĂnahmen. Russland beziehe weiter viele Komponenten, chemische Stoffe und Maschinen fĂŒr seine Kriegswirtschaft aus dem Ausland, sagte Selenskyj.
Russland will nun verstÀrkt ukrainische Energieanlagen angreifen
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte dem russischen Staatsfernsehen, dass die Ukraine mit den «terroristischen Angriffen» auf russische wirtschaftliche Ziele selbst den Weg der Eskalation gewĂ€hlt habe und darauf die Antwort bekomme. «Jeden Tag nĂ€hert sich die Niederlage des Landes. Kiew versteht das sehr gut», sagte Peskow. Die SchĂ€den in dem Land durch die russischen Angriffe seien mit bloĂem Auge sichtbar.Â
Das russische Verteidigungsministerium teilte am Morgen mit, in der Hauptstadt Kiew sei ein Betrieb getroffen worden, in dem Bauteile und Sprengstoff fĂŒr Drohnen gelagert gewesen seien. Die Angaben sind von unabhĂ€ngiger Seite nicht ĂŒberprĂŒfbar. Die Angriffe auf RĂŒstungsbetriebe wĂŒrden fortgesetzt. Die russischen StreitkrĂ€fte kĂŒndigten zudem an, sich auf massive SchlĂ€ge gegen die ukrainische Energieinfrastruktur zu rĂŒsten.
Russland fĂŒhrt seit mehr als viereinhalb Jahren seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Kiew wehrt sich dagegen mit westlicher Hilfe.
Russischer Abgeordneter fordert Atomschlag gegen Ukraine
Der russische Parlamentsabgeordnete Alexej Schuraljow erwog in einer Videobotschaft einen Schlag gegen die Ukraine mit einer taktischen Atomwaffe. «Es gibt Diskussionen darĂŒber, ob wir taktische Atomwaffen einsetzen dĂŒrfen oder nicht», sagte er. «Im Bedarfsfall sind wir verpflichtet, sie einzusetzen.» Die russische Armee komme zwar voran in der Ukraine. Es seien aber hĂ€rtere SchlĂ€ge nötig.Â
«Man muss so zuschlagen, dass der Feind versteht, dass er kapitulieren sollte», sagte der Politiker der kremlnahen Partei Rodina (auf Deutsch: Heimat) wenige Wochen vor der Duma-Wahl, die vom 18. bis 20. September geplant ist. Als Beispiel nannte er den Einsatz der Atombombe durch die USA in Japan im Zweiten Weltkrieg.
Der Kreml hatte stets betont, dass Atomwaffen nur im Fall einer existenziellen Bedrohung fĂŒr Russland eingesetzt werden könnten. Kremlchef Wladimir Putin hatte die SchĂ€den durch ukrainische Angriffe zwar eingerĂ€umt, aber als «unter Kontrolle» heruntergespielt.
