EU-Kanada-Gipfel: Merz stoppt Sonderstatus fĂŒr Kanada
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 12:21 Uhr | dpa, AD HOC NEWSGipfeltext setzt auf Allianz
- Die EU-Staaten verabschiedeten den Entwurf am Mittwochabend im schriftlichen Verfahren.
- Die AbschlusserklÀrung soll am Freitag nach dem zweitÀgigen Gipfel in Montreal veröffentlicht werden.
- Kanada und die EU wollen Handelshemmnisse abbauen und die Versorgung mit Rohstoffen, Medikamenten und Technologien sichern.
EU-Staaten streichen Sonderstatus aus Gipfeltext
Bundeskanzler Friedrich Merz und mehrere EU-Regierungen haben Ursula von der Leyens Vorschlag einer assoziierten EU-Mitgliedschaft Kanadas vorerst ausgebremst. Die entsprechenden Begriffe wurden aus dem Entwurf fĂŒr die AbschlusserklĂ€rung des EU-Kanada-Gipfels in Montreal gestrichen.
Engere Anbindung bleibt geplant
In dem von den EU-Staaten angenommenen Text ist stattdessen vorgesehen, bis zum nĂ€chsten Gipfel ein Konzept fĂŒr eine âimmer engere Anbindung Kanadas an die EUâ zu entwickeln. Die AbschlusserklĂ€rung soll am Freitag zum Ende des zweitĂ€gigen Treffens veröffentlicht werden.
Von der Leyens VorstoĂ
Die KommissionsprÀsidentin hatte die Idee im September im Beisein des kanadischen Premierministers Mark Carney vorgestellt. Sie wollte damit eine besonders enge Zusammenarbeit mit einem Nicht-EU-Land ermöglichen, das keine Beitrittsperspektive hat.
Geplant sind engere Abstimmungen bei Energie, Klimaschutz, Technologie und Sicherheit. Kanada soll auĂerdem umfassender an EU-Programmen fĂŒr Forschung, Bildung und Verteidigung beteiligt werden.
Mitgliedstaaten pochen auf klare Regeln
EU-Diplomaten begrĂŒndeten den Widerstand mit der unklaren Bedeutung des Sonderstatus und der aus ihrer Sicht unzureichenden Abstimmung der Kommission mit dem Rat der Mitgliedstaaten. Zudem werde der Begriff âassoziierte Mitgliedschaftâ bereits im Zusammenhang mit dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine verwendet.
Merz hatte im Juni fĂŒr die Ukraine eine assoziierte Mitgliedschaft als möglichen Zwischenschritt zu einem spĂ€teren Beitritt vorgeschlagen. Von der Leyen nutzte den Begriff dagegen fĂŒr Kanada in einem anderen Sinne.
Wirtschaftliche Zusagen abgeschwÀcht
Neben Deutschland Ă€uĂerten laut Diplomaten auch Italien und Frankreich Bedenken gegen den ursprĂŒnglichen Entwurf. Vorgesehene Zusagen zur Finanzmarktintegration und zur gegenseitigen Vorzugsbehandlung bei wirtschaftlichen SicherheitsmaĂnahmen wurden abgeschwĂ€cht oder gestrichen.
Erhalten blieb das Ziel einer âAllianz fĂŒr die Zukunftâ. Damit wollen EU und Kanada Handelshemmnisse abbauen, Investitionen erleichtern und die Versorgung mit wichtigen Rohstoffen, Medikamenten und Technologien auch in Krisen sichern. Zudem soll geprĂŒft werden, ob zusĂ€tzliche FlĂŒssigerdgas-Exporte aus Kanada nach Europa möglich sind.
Von der Leyen hÀlt am Begriff fest
Carney erklĂ€rte, entscheidend seien nicht Bezeichnungen, sondern die konkreten Auswirkungen der Zusammenarbeit auf das Leben der Kanadierinnen und Kanadier. Von der Leyen bekrĂ€ftigte dagegen, Kanada enger als je zuvor an die EU binden zu wollen, und verwendete weiterhin den Ausdruck âassoziiertes Mitglied der EUâ.
Der VorstoĂ steht auch im Zeichen des angespannten VerhĂ€ltnisses zwischen Kanada, Europa und den USA. Zollkonflikte und territoriale Forderungen von US-PrĂ€sident Donald Trump haben Zweifel an der bisherigen VerlĂ€sslichkeit des Partners verstĂ€rkt. Trump bezeichnete die Idee einer assoziierten EU-Mitgliedschaft Kanadas als lĂ€cherlich und drohte fĂŒr den Fall eines aus seiner Sicht feindseligen Akts mit hohen Zöllen oder EinschrĂ€nkungen des Handels.
Der Streit um die Bezeichnung fĂŒr die kĂŒnftige EU-Kanada-Beziehung verweist auf ein institutionelles und politisches Problem: Die EU verfĂŒgt bislang ĂŒber kein klar definiertes Modell fĂŒr eine dauerhafte, besonders enge Anbindung eines Nichtmitglieds ohne Beitrittsperspektive. Der Begriff âassoziierte Mitgliedschaftâ kann zudem unterschiedliche Erwartungen wecken, weil er im Zusammenhang mit LĂ€ndern verwendet wird, die langfristig EU-Mitglieder werden könnten.
FĂŒr Kanada steht weniger ein formaler Status als die praktische Vertiefung der Zusammenarbeit im Vordergrund. Dazu gehören engere Verbindungen bei Energie, kritischen Rohstoffen, Technologie, Forschung und Sicherheit. Die geplante âAllianz fĂŒr die Zukunftâ kann diese Felder abdecken, bleibt institutionell aber deutlich unverbindlicher als die ursprĂŒnglich vorgeschlagene Formulierung.
Transatlantische Interessen
Der Vorstoà fÀllt in eine Phase, in der EU und Kanada ihre wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit ausbauen wollen. Beide Seiten versuchen, Lieferketten widerstandsfÀhiger zu machen und AbhÀngigkeiten zu verringern. Eine stÀrkere Partnerschaft mit Kanada könnte deshalb strategische Bedeutung gewinnen, ohne eine Mitgliedschaft im engeren Sinn zu ersetzen.
Die AbschwĂ€chung des Entwurfs zeigt zugleich, dass die Mitgliedstaaten bei Tempo, Verfahren und politischer Symbolik nicht vollstĂ€ndig ĂŒbereinstimmen. Bis zum nĂ€chsten EU-Kanada-Gipfel soll nun ein Konzept fĂŒr eine engere Anbindung entstehen. Entscheidend wird sein, ob daraus konkrete Vorteile bei Handel, Investitionen, Energie und gemeinsamen Programmen folgen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Der Artikel bestÀtigt, dass Merz und weitere EU-Regierungen die Streichung der Begriffe aus dem Gipfelentwurf durchgesetzt hÀtten. Er setzt den Schwerpunkt auf den inneren Konflikt zwischen dem Bundeskanzler und der KommissionsprÀsidentin.
tagesschau: âEU-Kanada-Gipfel: Kanada wird vorerst kein "assoziiertes EU-Mitglied"â (29.10.2026)
Die Meldung bestÀtigt, dass die Bezeichnung nicht mehr verwendet werden solle. Im Mittelpunkt steht dort die geplante engere Partnerschaft, wÀhrend die konkrete institutionelle Ausgestaltung offenbleibt.
Beide BeitrĂ€ge stimmen beim gestoppten Begriff ĂŒberein, setzen aber unterschiedliche Akzente: Im Vordergrund stehen einmal der Machtkonflikt in BrĂŒssel und einmal die kĂŒnftige Form der EU-Kanada-Zusammenarbeit.
