Frieden, Ukraine

Suche nach Frieden in der Ukraine - zunÀchst ohne Russland

15.06.2024 - 21:15:21 | dpa.de

Friedensgipfel ist ein Wort, das große Erwartungen weckt. Aber von Frieden ist die Ukraine noch sehr weit entfernt. Kanzler Scholz nennt den Gipfel in der Schweiz deswegen ein «zartes PflĂ€nzchen».

Der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj nimmt am Friedensgipfel in der Schweiz teil. - Foto: Urs Flueeler/KEYSTONE/EDA/POOL/dpa
Der ukrainische PrÀsident Wolodymyr Selenskyj nimmt am Friedensgipfel in der Schweiz teil. - Foto: Urs Flueeler/KEYSTONE/EDA/POOL/dpa

Nach mehr als zwei Jahren Ukraine-Krieg suchen in der Schweiz gut 90 Staaten nach Wegen zum Frieden - aber zunĂ€chst ohne Russland. Das Land, das die Ukraine angegriffen und teilweise besetzt hat, muss beim sogenannten Friedensgipfel auf einem BergrĂŒcken ĂŒber dem VierwaldstĂ€ttersee draußen bleiben. Mehrere Teilnehmer - darunter Bundeskanzler Olaf Scholz - sprachen sich zum Auftakt aber dafĂŒr aus, den Aggressor bei einem kĂŒnftigen Treffen an dem Prozess zu beteiligen.

«Es ist wahr, dass der Frieden in der Ukraine nicht erreicht werden kann, ohne Russland mit einzubeziehen», sagte Scholz. Er machte aber gleichzeitig deutlich, was aus seiner Sicht die Bedingungen fĂŒr Frieden sind: «Russland könnte diesen Krieg heute oder zu jedem beliebigen Zeitpunkt beenden, wenn es seine Angriffe einstellt und seine Truppen aus der Ukraine abzieht.»

Harris: Putin will Kapitulation

Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin hatte unmittelbar vor dem Gipfel seinerseits Bedingungen fĂŒr Friedensverhandlungen aufgestellt, darunter der vollstĂ€ndige Verzicht der Ukraine auf die Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja und die Schwarzmeer-Halbinsel Krim - etwas mehr als ein FĂŒnftel des ukrainischen Staatsgebiets.

US-VizeprĂ€sidentin Kamala Harris wies die Forderung als abwegig zurĂŒck. «Wir mĂŒssen die Wahrheit sagen. Er ruft nicht zu Verhandlungen auf, er ruft zur Kapitulation auf», sagte sie an die Adresse Putins und sicherte der Ukraine anhaltende UnterstĂŒtzung im Abwehrkampf gegen Russland zu. «Amerika steht nicht aus NĂ€chstenliebe an der Seite der Ukraine, sondern weil es in unserem strategischen Interesse ist.»

Die Initiative fĂŒr den Gipfel ging von der Schweizer Regierung und dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj aus. «Wir haben es geschafft, der Diplomatie eine Chance zu geben», sagte Selenskyj vor der Eröffnung des Gipfels.

Bis morgen soll ĂŒber erste Schritte in Richtung Frieden beraten werden. Auch wird es um die Sicherheit des von Russland besetzten Atomkraftwerks Saporischschja und die Absage an den Einsatz von Atomwaffen gehen. Außerdem soll ĂŒber den gerade fĂŒr den sogenannten globalen SĂŒden wichtigen Getreideexport der Ukraine ĂŒber das Schwarze Meer und Gefangenenaustausch gesprochen werden.

Biden lieber bei Wahlkampfveranstaltung

Die Schweizer Gastgeber hatten sich monatelang darum bemĂŒht, möglichst viele Staaten zur Teilnahme an dem Gipfel zu bewegen. 160 wurden eingeladen, mehr als 90 sagten zu und sind zu einem großen Teil mit Staats- und Regierungschefs vertreten waren. Scholz reiste direkt vom G7-Gipfel in SĂŒditalien in die Schweiz. US-PrĂ€sident Joe Biden klinkte sich dagegen zugunsten eines Termins zum Sammeln von Wahlkampfspenden in Los Angeles aus und lĂ€sst sich nun von seiner Stellvertreterin Harris vertreten.

Auch wenn sie Russland nicht einluden, bemĂŒhten sich die Schweizer Gastgeber darum, möglichst viele mit Russland befreundete LĂ€nder mit an den Tisch zu bekommen. Das Ergebnis ist ernĂŒchternd. Mit China sagte der wichtigste VerbĂŒndete Russlands ganz ab. Der brasilianische PrĂ€sident Luiz InĂĄcio Lula da Silva und der indische MinisterprĂ€sident Narendra Modi nahmen zwar die lange Reise nach Europa auf sich, um am Freitag am G7-Gipfel teilzunehmen. Die gleich daran anschließende Schweizer Konferenz schenkten sie sich aber. Brasilien ist nun nur als Beobachter dabei, Indien schickte laut Teilnehmerliste nur einen StaatssekretĂ€r aus dem Außenministerium. FĂŒr SĂŒdafrika ist der nationale Sicherheitsberater dabei.

NĂ€chste Konferenz in Saudi-Arabien?

Der hochrangigste Vertreter aus den LĂ€ndern, die trotz des Angriffskriegs immer noch mit Russland befreundet sind, ist nun Saudi-Arabiens Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud. Sein Land gilt als möglicher Ausrichter einer Nachfolgekonferenz, an der dann auch Russland teilnehmen könnte.

Es ist aber noch völlig unklar, wann die Zeit reif dafĂŒr ist. «Wir sind da noch weit weg von», sagte Scholz noch vor Beginn des Gipfels. Der Friedensprozess sei ein zartes PflĂ€nzchen, dass jetzt gegossen werden mĂŒsse. «Aber wir wollen, dass der Garten blĂŒht und gedeiht.»

Die Schweizer Ausrichter des Treffens hoffen, dass eine weiterfĂŒhrende Konferenz noch in diesem Jahr beschlossen wird. «Als internationale Gemeinschaft können wir dazu beitragen, das Terrain fĂŒr direkte GesprĂ€che zwischen den Kriegsparteien vorzubereiten», sagte PrĂ€sidentin Viola Amherd.

Ernsthafte BemĂŒhungen um eine Friedenslösung gab es zwischen Russland und der Ukraine bisher nur kurz nach der Invasion 2022. Vor der Schweizer Konferenz veröffentlichte die US-Zeitung «New York Times» die damaligen VertragsentwĂŒrfe. Putin hatte am Freitag versucht, sie als unterschriftsreife Vereinbarung darzustellen.

Den Dokumenten nach war die Ukraine damals bereit, auf einen Nato-Beitritt zu verzichten und blockfrei zu bleiben. Die Frage der von Russland annektierten Halbinsel Krim sollte vertagt werden. Moskau versuchte aber, die von Kiew erhofften Sicherheitsgarantien anderer LÀnder wie der USA auszuhebeln. Wie die «New York Times» berichtete, sind in den vergangenen Monaten schon mehrere Zeithistoriker zu dem Schluss gekommen, dass beide Seiten 2022 weit von einer Einigung entfernt waren.

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