Hendrik Wüst: Erdo?an empfängt NRW-Ministerpräsidenten überraschend in Ankara
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 14:06 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer türkische Präsident Recep Tayyip Erdo?an will Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Hendrik Wüst noch am Montagnachmittag in seinem Palast in Ankara empfangen.
Gespräch über Beziehungen und Politik
Bei dem Gespräch soll es nach Angaben aus Wüsts Delegation um die engen Beziehungen zwischen Nordrhein-Westfalen und der Türkei, die wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie aktuelle politische Fragen gehen. Ein Empfang eines regionalen Regierungschefs durch einen Staatspräsidenten ist ungewöhnlich und verleiht dem Besuch besondere Bedeutung.
65 Jahre Anwerbeabkommen
Hauptanlass der dreitägigen Reise ist der 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens. Mit ihm begann die Zuwanderung hunderttausender türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik.
Es ist die erste Reise eines nordrhein-westfälischen Regierungschefs in die Türkei und zugleich Wüsts erster Besuch in dem Land. Der CDU-Politiker sprach sich zu Beginn für ein „neues Kapitel“ in den deutsch-türkischen Beziehungen aus. Der Blick solle auf eine gestärkte Zusammenarbeit in der Zukunft gerichtet werden.
Wüst will Landeschef bleiben
Wüst reist mit einer großen Delegation, darunter eine hochrangige Wirtschaftsdelegation und mehr als 30 Journalisten. Er war am Montagmorgen mit einem Linienflug von Düsseldorf nach Ankara aufgebrochen.
Der Ministerpräsident wird seit Wochen als möglicher Nachfolger des unter Druck stehenden Bundeskanzlers Friedrich Merz gehandelt. Gemeinsam mit den sieben weiteren CDU-Ministerpräsidenten stärkte er Merz jedoch den Rücken und wandte sich gegen Personaldebatten. Am Vorabend seiner Abreise sagte Wüst im ZDF: „Ich möchte Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bleiben.“
Neue Tonlage in den Beziehungen
Die deutsch-türkischen Beziehungen waren lange von offenen Differenzen geprägt. Die Antrittsbesuche von Kanzler Merz und Außenminister Johann Wadephul vor einem Jahr führten nach Darstellung der dpa zu einer neuen Tonlage. Wadephul warb damals für eine Positivagenda; Merz besuchte Ankara mit seiner Frau Charlotte, um die strategische Partnerschaft mit der Türkei wiederzubeleben.
Besondere symbolische Bedeutung
Der geplante Empfang Wüsts durch Erdo?an hebt die Reise über einen gewöhnlichen Besuch eines Landeschefs hinaus. Nordrhein-Westfalen ist wegen seiner großen türkischstämmigen Bevölkerung, seiner engen Wirtschaftsbeziehungen und seiner Rolle als bevölkerungsreichstes deutsches Bundesland ein besonders wichtiger Ansprechpartner für Ankara.
Der 65. Jahrestag des Anwerbeabkommens verweist zugleich auf eine Verbindung, die längst über Arbeitsmigration hinausgeht. Aus den damaligen Vereinbarungen entstand eine dauerhaft verflochtene Gesellschaft: Türkischstämmige Menschen prägen Nordrhein-Westfalen wirtschaftlich, kulturell und politisch. Für Wüst bietet die Reise deshalb die Möglichkeit, Außenbeziehungen und Landespolitik miteinander zu verbinden.
Diplomatie zwischen Nähe und Konflikten
Die angekündigte Positivagenda schafft Spielraum für Handel, Investitionen, Wissenschaft und kommunale Kooperationen. Sie ändert jedoch nichts daran, dass Deutschland und die Türkei bei Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, Migration und dem Umgang mit politischen Gegnern unterschiedliche Positionen vertreten. Wüsts Hinweis, kritische Themen in einer engen Partnerschaft leichter ansprechen zu können, beschreibt den diplomatischen Kern des Besuchs.
Für Erdo?an ist der Termin ebenfalls nützlich: Er kann die Beziehungen zu einem wichtigen deutschen Bundesland stärken und zugleich die Bedeutung der Türkei als Partnerin Europas unterstreichen. Für die Menschen in Nordrhein-Westfalen dürfte entscheidend sein, ob aus den symbolischen Gesten konkrete Fortschritte bei Wirtschaftsprojekten, Austauschprogrammen und den Beziehungen zwischen den Gesellschaften entstehen.
