Israel-Wahl, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Netanjahu liegt vorn, verfehlt aber Mehrheit

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 10:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach der AuszĂ€hlung eines Großteils der Stimmen fehlt beiden politischen Lagern die Mehrheit von 61 Sitzen. Die Regierungsbildung hĂ€ngt nun von KoalitionsgesprĂ€chen und der Rolle arabischer Parteien ab.

Herzog entscheidet ĂŒber den Regierungsauftrag

  • Nach acht Tagen sollen die offiziellen Wahlergebnisse vorliegen.
  • PrĂ€sident Izchak Herzog beauftragt den Kandidaten mit den besten Aussichten.
  • Bei einem Scheitern der GesprĂ€che könnte eine Übergangsregierung bis zu Neuwahlen amtieren.
  • Weder das Lager von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu noch das Lager seiner Gegner kommt nach der Parlamentswahl auf eine Mehrheit. - Bild: Erik Marmor/dpa
  • Bei der letzten Wahl im Jahr 2022 konnte sich der Block von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu noch eine Mehrheit sichern. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa
  • Netanjahus wichtigster Herausforderer Gadi Eisenkot, Ex-Generalstabschef, gilt als sicherheitspolitisch konservativ und integer, zugleich aber als wenig charismatisch. - Bild: Baz Ratner/AP/dpa
Weder das Lager von MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu noch das Lager seiner Gegner kommt nach der Parlamentswahl auf eine Mehrheit. - Bild: Erik Marmor/dpa Bei der letzten Wahl im Jahr 2022 konnte sich der Block von MinisterprÀsident Benjamin Netanjahu noch eine Mehrheit sichern. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa Netanjahus wichtigster Herausforderer Gadi Eisenkot, Ex-Generalstabschef, gilt als sicherheitspolitisch konservativ und integer, zugleich aber als wenig charismatisch. - Bild: Baz Ratner/AP/dpa

Israels Wahl lÀsst Regierungsmehrheit offen

Nach der Parlamentswahl in Israel liegt die Likud-Partei von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu vorn, doch sein rechtsreligiöses Lager erreicht ebenso wenig eine Mehrheit wie der Block des frĂŒheren MilitĂ€rchefs Gadi Eisenkot. FĂŒr eine Regierungsbildung sind 61 der 120 Sitze in der Knesset erforderlich.

Beide Lager liegen nach der AuszĂ€hlung eines Großteils der Stimmen unter dieser Schwelle. Damit stehen schwierige Koalitionsverhandlungen bevor.

Herzog vergibt den Regierungsauftrag

Nach der Veröffentlichung der offiziellen Ergebnisse in acht Tagen soll PrĂ€sident Izchak Herzog den Kandidaten mit den besten Aussichten mit der Regierungsbildung beauftragen. Sowohl Netanjahu als auch Eisenkot beanspruchen den Auftrag fĂŒr sich.

Wer den nĂ€chsten Regierungschef stellen wird, ist deshalb noch offen. Herzog muss die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse und die Empfehlungen der Parteien berĂŒcksichtigen.

Arabische Parteien könnten entscheidend werden

Rechnerisch könnte Eisenkots Lager mit arabischen Parteien eine Mehrheit erreichen. Mansur Abbas, Vorsitzender der arabischen Raam-Partei, Ă€ußerte die Hoffnung auf eine gemeinsame Mehrheit mit der Opposition.

Mehrere Parteien aus dem Oppositionslager lehnen eine solche Zusammenarbeit jedoch ab. Der linksliberale Demokraten-Chef Jair Golan rief dagegen zu einer Koalition mit arabischen Parteien auf.

Netanjahu lehnt arabische UnterstĂŒtzung ab

Netanjahu erklĂ€rte unmittelbar nach der Wahl, es dĂŒrfe keine Regierung geben, die sich auf arabische Parteien stĂŒtze. Zwischen rechten jĂŒdischen Parteien und arabischen Parteien besteht in Israel seit Langem eine politische Trennlinie.

Auch eine gemeinsame Regierung aus Parteien der gegnerischen Lager ist nicht vollstÀndig ausgeschlossen. Eisenkot hat eine Koalition mit Netanjahu bislang abgelehnt; zugleich wurde ein solches Modell im Wahlkampf öffentlich diskutiert.

Neuwahlen bleiben möglich

Scheitern die KoalitionsgesprĂ€che, könnte Netanjahu zunĂ€chst an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben. Danach wĂ€ren neue Parlamentswahlen möglich.

Israel erlebte zwischen 2019 und 2022 bereits fĂŒnf Wahlen. Eine erneute politische Blockade kĂ€me fĂŒr das Land in einer Phase ungelöster Konflikte in Gaza, im Libanon und im Westjordanland.

Sicherheitsfragen prÀgen die nÀchste Regierung

Im Wahlkampf ging es neben der Sicherheitslage um die Zukunft der liberalen Demokratie, die Wehrpflicht fĂŒr Ultraorthodoxe, den geplanten Justizumbau und Netanjahus politische Verantwortung fĂŒr den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023. Gegen den MinisterprĂ€sidenten lĂ€uft zudem ein Korruptionsprozess.

Ein grundlegender Kurswechsel in der PalÀstinenserpolitik gilt auch bei einem Regierungswechsel als unwahrscheinlich. Im Westjordanland könnte eine neue Regierung jedoch gegen gewalttÀtige Siedler vorgehen und beim festgefahrenen Gaza-Plan neue Fortschritte ermöglichen.

Konflikte mit Iran und Hisbollah

Beobachter rechnen unabhĂ€ngig vom Wahlausgang mit einem weiteren Krieg mit dem Iran. Im Libanon-Konflikt fordert auch Eisenkot, dass die Hisbollah vor einem israelischen Abzug aus dem SĂŒden des Landes entwaffnet wird.

Die Wahl entscheidet damit nicht nur ĂŒber die Zusammensetzung der nĂ€chsten Regierung. Sie beeinflusst auch den Handlungsspielraum Israels in mehreren regionalen Konflikten.

Die Wahl zeigt ein bekanntes strukturelles Problem des israelischen Parteiensystems: Entscheidend ist nicht allein, welche Partei stĂ€rkste Kraft wird, sondern welcher Block mindestens 61 Abgeordnete hinter sich versammeln kann. Likud liegt zwar vorn, doch Netanjahus rechtsreligiöses Lager verfehlt diese Schwelle ebenso wie das BĂŒndnis um Gadi Eisenkot.

Damit gewinnen kleinere Parteien und insbesondere arabische Abgeordnete an Gewicht. Eine Zusammenarbeit mit ihnen könnte Eisenkots Lager rechnerisch zur Mehrheit verhelfen, ist politisch aber umstritten. Netanjahu lehnt eine Regierung ab, die auf arabische Parteien angewiesen wĂ€re; zugleich gibt es in Eisenkots BĂŒndnis Widerstand gegen ein solches Modell.

Koalitionspoker unter Zeitdruck

Nach der offiziellen Ergebnisfeststellung soll PrĂ€sident Izchak Herzog den Kandidaten mit den besten Aussichten mit der Regierungsbildung beauftragen. Die GesprĂ€che könnten sich dennoch ĂŒber Wochen hinziehen. Scheitern sie, bliebe eine Übergangsregierung im Amt und Israel könnte erneut wĂ€hlen – ein Szenario, das angesichts der wiederholten Wahlen zwischen 2019 und 2022 politisch nicht beispiellos ist.

FĂŒr die regionale Politik wĂ€re eine lĂ€ngere Blockade besonders folgenreich. Die Regierung mĂŒsste Entscheidungen zum Gaza-Krieg, zum VerhĂ€ltnis zur Hisbollah im Libanon, zur Sicherheitslage im Westjordanland und zum Streit ĂŒber die Wehrpflicht treffen. Ein Regierungswechsel könnte den Umgang mit gewalttĂ€tigen Siedlern verĂ€ndern und beim Gaza-Wiederaufbau neue SpielrĂ€ume eröffnen, wĂŒrde aber voraussichtlich keinen grundlegenden Kurswechsel in der PalĂ€stinenserpolitik bedeuten.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

ZDFheute: „Wahl in Israel: Netanjahu fordert starke rechte Regierung“ (28.10.2026)

Der Liveblog bestĂ€tigt das Patt und berichtet, dass Netanjahus Lager nach einem Zwischenstand bei 56 Sitzen und Eisenkots BĂŒndnis bei 49 Sitzen liegt. Einen eigenen Schwerpunkt setzt der Beitrag auf Netanjahus Forderung nach einer Regierung ohne arabische Parteien sowie auf den Vorstoß des Demokraten-Chefs Jair Golan fĂŒr eine Kooperation mit ihnen.

Frankfurter Rundschau: „Rekordandrang an den Urnen, aber kein klarer Sieger: Wer Israel jetzt regiert, ist völlig offen“ (28.10.2026)

Der Beitrag hebt die hohe Wahlbeteiligung und die mögliche SchlĂŒsselrolle arabischer Parteien hervor. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich stĂ€rker auf den politischen Machtpoker und die innenpolitische Bedeutung der Wahl als Abstimmung ĂŒber Netanjahus AmtsfĂŒhrung.

Beide BeitrĂ€ge stimmen darin ĂŒberein, dass kein Lager die erforderliche Mehrheit erreicht hat. Offen bleibt, ob eine Koalition mit arabischen Parteien, eine Einheitsregierung oder letztlich eine Neuwahl den Ausweg bildet.

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