Israel-Wahl: Netanjahus Lager verfehlt Mehrheit im Parlament
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 13:57 Uhr | dpa, AD HOC NEWSParlamentarische Kräfteverhältnisse nach der Wahl
- Netanjahus Lager verfehlt die absolute Mehrheit im israelischen Parlament.
- Die arabischen Parteien erreichen nach bisherigem Stand 17 Sitze.
- Ohne Einigung könnte Netanjahu bis zu Neuwahlen eine Übergangsregierung führen.
Israel steht vor schwierigen Koalitionsverhandlungen
Nach der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich eine schwierige Regierungsbildung ab. Weder Ministerpräsident Benjamin Netanjahu noch die oppositionellen Kräfte erreichten eine absolute Mehrheit im Parlament.
Arabische Parteien werden entscheidend
Die arabischen Parteien kamen nach bisherigem Stand auf 17 Sitze und könnten damit über die Regierungsbildung mitentscheiden. Der Vorsitzende der Vereinten Liste, Jussef Dschabarin, erklärte sich bereit, den Weg für eine Ablösung Netanjahus zu ebnen.
Eine Zusammenarbeit gilt politisch als heikel, weil rechte jüdische Parteien Bündnisse mit arabischen Parteien traditionell ablehnen. Auch Mansur Abbas von der pragmatisch geltenden Raam-Partei äußerte die Hoffnung auf eine gemeinsame Mehrheit mit Eisenkots Lager.
Eisenkot braucht Unterstützung
Der Vorsitzende der linksliberalen Demokraten, Jair Golan, rief zu einer Koalition mit den arabischen Parteien auf. Er sagte, die Opposition habe insgesamt mehr Stimmen erhalten als das rechtsreligiöse Lager.
Rechnerisch kämen Eisenkots Lager und die arabischen Parteien gemeinsam auf 66 Sitze. Der Politikexperte Jonathan Rynhold hält jedoch eine Regierungsmehrheit für unsicher, weil innerhalb der Vereinten Liste offen antizionistische Kräfte vertreten seien.
Netanjahu wirbt für rechte Regierung
Netanjahu sprach sich für eine starke rechtsgerichtete Regierung aus. Eine Koalition, die auf arabische, antizionistische Parteien angewiesen sei, dürfe es nicht geben.
Auch innerhalb von Eisenkots möglichem Bündnis gibt es Vorbehalte gegen eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien. Netanjahus Lager könnte zudem versuchen, weitere Abgeordnete für sich zu gewinnen.
Neuwahlen bleiben möglich
Scheitert die Bildung einer Koalition, könnte Israel in eine Phase politischer Instabilität zurückfallen. Netanjahu würde bis zu möglichen Neuwahlen an der Spitze einer Übergangsregierung im Amt bleiben.
Ein ähnliches Szenario hatte Israel bereits zwischen 2019 und 2022 erlebt, als wegen fehlender stabiler Mehrheiten fünfmal ein neues Parlament gewählt wurde.
Iran-Frage belastet politische Lage
Netanjahu betonte zugleich, die Bedrohung durch den Iran sei weiterhin nicht gebannt. Israel und die USA haben seit vergangenem Jahr bereits zwei Kriege gegen den Iran geführt; den jüngsten begannen sie im Februar mit Angriffen auf die Islamische Republik.
Im Wahlkampf hatte Netanjahu mit der Veröffentlichung der Illustration eines Atompilzes über Tel Aviv irritiert und einen Sturz der iranischen Führung als ausdrückliches Ziel der israelischen Sicherheitskräfte bezeichnet.
Die Wahl markiert keinen klaren Regierungsauftrag, sondern verschiebt das politische Gewicht auf die arabischen Parteien. Mit 17 Sitzen können sie rechnerisch entscheidend sein, obwohl eine formelle Koalition mit ihnen für viele jüdische Parteien weiterhin eine politische und ideologische Grenze darstellt.
Für Gadi Eisenkot eröffnet sich damit ein möglicher Weg zur Ablösung Netanjahus, der jedoch mehrere Hürden umfasst. Selbst wenn arabische Abgeordnete eine Regierung unterstützen, muss Eisenkot zugleich die unterschiedlichen Positionen innerhalb des arabischen Lagers und die Vorbehalte möglicher jüdischer Partner zusammenführen.
Mehrheit bleibt unsicher
Eine Duldung statt einer Koalition könnte politisch leichter durchsetzbar sein. Sie würde eine Minderheitsregierung allerdings von wechselnden Abstimmungen abhängig machen und besonders bei Sicherheitsfragen unter erheblichen Druck geraten. Die Haltung der arabischen Parteien zu einem möglichen Vorgehen gegen Hamas oder die Hisbollah könnte dabei zum Belastungstest werden.
Netanjahus Lager bleibt trotz des verfehlten Mehrheitsziels handlungsfähig und kann versuchen, einzelne Abgeordnete oder Parteien auf seine Seite zu ziehen. Scheitern beide Lager, droht Israel erneut eine längere Übergangsphase mit einer geschäftsführenden Regierung und möglicherweise weiteren Wahlen. Angesichts der im Wahlkampf betonten Iran-Bedrohung könnte zudem die Sicherheits- und Außenpolitik die Koalitionsverhandlungen zusätzlich erschweren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: „Schicksalswahl in Israel: Noch kein klarer Sieger in Sicht“ (28.10.2026)
Der Beitrag bestätigt, dass kein Lager die Mehrheit erreicht habe, und nennt eine Prognose von 56 Sitzen für Netanjahus Lager, 49 für das Oppositionsbündnis und 15 für arabische Parteien. Damit setzt er den Schwerpunkt auf die rechnerische Pattsituation, während die dpa-Meldung die möglichen Koalitionsfolgen ausführlicher beschreibt.
Frankfurter Rundschau: „Wie weiter in Israel? Wahl-Patt zwischen Eisenkot und Netanjahu“ (28.10.2026)
Der Artikel hebt hervor, dass Eisenkots Bündnis ohne arabische Parteien die notwendige Mehrheit von 61 Sitzen nicht erreiche. Er bestätigt damit die Schlüsselrolle der arabischen Abgeordneten; offen bleibt auch dort, ob daraus eine tragfähige Regierung entstehen kann.
Übergreifend besteht Einigkeit über das fehlende Mehrheitslager und die zentrale Rolle der arabischen Parteien. Unterschiede ergeben sich vor allem bei den Sitzprognosen und bei der Gewichtung der Koalitionsoptionen.
