Israel-Wahl, Benjamin Netanjahu

Israel-Wahl: Netanjahus Lager verfehlt Mehrheit mit 53 Sitzen

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 16:25 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach der Parlamentswahl fehlen beiden politischen Lagern die nötigen 61 Sitze für eine eigene Mehrheit. Die arabischen Parteien könnten den Ausschlag geben, doch ein Bündnis mit ihnen stößt auf erhebliche politische Widerstände.

Die nächsten Schritte nach der Wahl

  • Nach mehr als 85 Prozent ausgezählter Stimmen kommt Netanjahus Lager auf 53 der 120 Parlamentssitze.
  • Die arabischen Parteien erreichen 19 Sitze und könnten damit rechnerisch eine Regierungsmehrheit ermöglichen.
  • Staatspräsident Izchak Herzog will in der kommenden Woche Konsultationen zur Regierungsbildung beginnen.
  • Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gibt sich trotz eines knappen Wahlausgangs siegesgewiss. - Bild: Olivier Fitoussi/dpa
  • Ex-Militärchef Gadi Eisenkot will Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ablösen. - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa
  • Ein arabisch geprägtes Wahlbündnis macht sich eine Ablösung der rechtsreligiösen Regierung in Israel zum Ziel. - Bild: Oren Ziv/dpa
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gibt sich trotz eines knappen Wahlausgangs siegesgewiss.  - Bild: Olivier Fitoussi/dpa Ex-Militärchef Gadi Eisenkot will Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ablösen.  - Bild: Gil Cohen-Magen/dpa Ein arabisch geprägtes Wahlbündnis macht sich eine Ablösung der rechtsreligiösen Regierung in Israel zum Ziel.  - Bild: Oren Ziv/dpa

Israel sucht nach der Wahl eine Regierungsmehrheit

In Israel zeichnet sich nach der Parlamentswahl eine schwierige Regierungsbildung ab. Weder das Lager des bisherigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu noch die oppositionellen Kräfte um Ex-Militärchef Gadi Eisenkot erreichten eine absolute Mehrheit im Parlament.

Netanjahus Lager liegt vorn

Nach Auszählung von mehr als 85 Prozent der Stimmen kam Netanjahus Lager auf 53 der 120 Sitze. Eisenkots Lager erreichte 48 Sitze.

Die arabischen Parteien kamen nach dem genannten Zwischenstand auf 19 Sitze. Damit könnten sie bei der Regierungsbildung zum entscheidenden Faktor werden.

Arabische Parteien vor schwieriger Entscheidung

Der Vorsitzende der Vereinten Liste, Jussef Dschabarin, erklärte sich bereit, den Weg für eine Ablösung Netanjahus zu ebnen. Eine Zusammenarbeit gilt als politisch heikel, weil rechte jüdische Parteien Bündnisse mit arabischen Parteien traditionell ablehnen.

Dschabarin bezeichnete die Unterstützung für die arabischen Parteien als „historisch“. Auch Mansur Abbas, Vorsitzender der pragmatisch geltenden Raam-Partei, äußerte die Hoffnung auf eine gemeinsame Mehrheit mit Eisenkots Lager.

Opposition wirbt für Koalition

Der Vorsitzende der linksliberalen Demokraten, Jair Golan, rief zur Bildung einer Koalition mit den arabischen Parteien auf. Er sagte, Netanjahu habe die Wahl verloren und die Opposition insgesamt mehr Stimmen erhalten als das rechtsreligiöse Lager.

Golan appellierte an Eisenkot und die übrigen Oppositionskräfte, gemeinsam mit den arabischen Bürgern Israels eine Regierung des Wandels zu bilden. Eine solche Mehrheit käme rechnerisch auf 67 Sitze.

Höhere Beteiligung unter arabischen Wählern

Netanjahu hatte am Wahltag wiederholt vor einer hohen Wahlbeteiligung unter den arabischen Israelis gewarnt und seine Anhänger zum Urnengang aufgerufen. Dschabarin warf ihm deshalb Hetze gegen die arabische Bevölkerung vor.

Rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist arabisch. Rechte jüdische Parteien grenzen sich traditionell von arabischen Parteien ab und betrachten sie teils als innere Bedrohung.

Mehrheit bleibt politisch unsicher

Der Politikexperte Jonathan Rynhold hält eine Regierungsmehrheit aus Eisenkots Lager und den arabischen Parteien für fraglich. Denkbar sei die Duldung einer Eisenkot-Minderheitsregierung durch die pragmatischere Raam-Partei.

Innerhalb der Vereinten Liste gebe es jedoch offen antizionistische Kräfte. Diese könnten eine Eisenkot-Regierung im Fall einer Konfrontation mit der Hamas oder der Hisbollah umgehend stürzen. Auch zwei Partner Eisenkots, die ein Bündnis mit arabischen Parteien bislang ablehnten, müssten einer solchen Lösung zustimmen.

Neuwahl bleibt möglich

Scheitert eine neue Regierungskoalition, könnte Israel in eine Phase politischer Instabilität zurückfallen. Netanjahu bliebe dann bis zu einer möglichen Neuwahl zunächst an der Spitze einer Übergangsregierung.

Zwischen 2019 und 2022 hatten ausbleibende stabile Mehrheiten bereits fünf Parlamentswahlen ausgelöst. Staatspräsident Izchak Herzog sagte, bei den für die kommende Woche angekündigten Konsultationen müsse alles unternommen werden, um eine weitere Wahl zu vermeiden.

Iran-Frage erhöht den Druck

Netanjahu betonte zugleich, die Bedrohung durch Iran sei weiterhin nicht gebannt. Israel und die USA haben seit vergangenem Jahr bereits zwei Kriege gegen den Iran geführt.

Das Wall Street Journal berichtete unter Berufung auf informierte Kreise, die USA hätten mehrere arabische Golfstaaten aufgefordert, sich auf einen kurzen, intensiven Militäreinsatz nach den US-Zwischenwahlen am 3. November einzustellen. Die außenpolitische Lage könnte damit zusätzlich auf die ohnehin schwierigen Koalitionsverhandlungen einwirken.

Das Wahlergebnis zwingt Israels Parteien zu einem ungewöhnlich breiten Bündnispoker. Für eine Mehrheit im Parlament sind mindestens 61 der 120 Sitze nötig; rechnerisch könnten Eisenkots 48 Sitze und die 19 Mandate der arabischen Parteien diese Schwelle überschreiten. Politisch ist eine solche Konstellation jedoch deutlich schwieriger als ihre mathematische Grundlage.

Die arabischen Parteien sind kein einheitlicher Block. Zwischen der pragmatischeren Raam-Partei und den Kräften der Vereinten Liste liegen Unterschiede beim Verhältnis zum jüdischen Staat, zur Sicherheitsfrage und zur Zusammenarbeit mit zionistischen Parteien. Eine formelle Koalition ist deshalb nicht der einzige Weg: Denkbar wäre auch, dass einzelne arabische Abgeordnete eine Minderheitsregierung dulden oder sie bei wichtigen Abstimmungen unterstützen.

Koalitionspoker mit Sicherheitsrisiken

Für Eisenkot wäre ein Bündnis mit arabischen Parteien zugleich politischer Ausweg und Belastungsprobe. Rechte und religiöse Parteien könnten eine solche Regierung als sicherheitspolitisch unzuverlässig darstellen. Umgekehrt erhöht die starke arabische Beteiligung den Einfluss einer Bevölkerungsgruppe, die rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ausmacht und sich von der bisherigen Regierung vielfach ausgegrenzt sieht.

Die nächsten Schritte liegen bei den Konsultationen des Staatspräsidenten, die in der kommenden Woche beginnen sollen. Scheitern die Verhandlungen, bliebe Netanjahu zunächst als Chef einer Übergangsregierung im Amt; eine erneute Wahl würde die politische Instabilität verlängern. Zusätzlich verschärft die Iran-Frage den Druck, weil außenpolitische Entscheidungen und mögliche militärische Spannungen die Haltbarkeit einer fragilen Mehrheit unmittelbar testen könnten.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Frankfurter Rundschau: „Rekordbeteiligung, kein Sieger: In Israel könnten arabische Parteien über Netanjahus Zukunft entscheiden“ (28.10.2026)

Der Artikel betone das fehlende klare Wahlergebnis und die gestärkte Rolle der arabischen Parteien. Wie die dpa-Meldung stelle er die Frage in den Mittelpunkt, ob diese Parteien einer Koalition zur Mehrheit verhelfen könnten; der Schwerpunkt liege stärker auf der Bedeutung ihrer Wahlbeteiligung und ihres Ergebnisses.

ZDFheute: „Wahl in Israel: Netanjahu fordert starke rechte Regierung“ (26.10.2026)

Der Liveblog ordne die schwierige Mehrheitsbildung ebenfalls als Kernproblem ein, nenne beim damaligen Zwischenstand jedoch andere Sitzverteilungen als die dpa-Meldung. Gemeinsam ist beiden Beiträgen der Blick auf die arabischen Parteien als mögliche Mehrheitsbeschaffer; offen bleibt, ob daraus eine formelle Koalition oder lediglich eine punktuelle Unterstützung entsteht.

Die Beiträge stimmen darin überein, dass keine Seite allein regieren kann. Unterschiede ergeben sich vor allem aus dem jeweiligen Auszählungsstand und der Gewichtung von Wahlbeteiligung, Koalitionsmodellen und den politischen Hürden einer Zusammenarbeit mit arabischen Parteien.

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