Netanjahu in den USA - Geisel-Angehörige hoffen auf Abkommen
23.07.2024 - 05:16:43 | dpa.deWĂ€hrend das BlutvergieĂen im Gazastreifen andauert, richten die Angehörigen der Geiseln in der Gewalt der islamistischen Hamas ihre Hoffnung auf den in den USA eingetroffenen israelischen MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu. «Wir gehen fest davon aus, dass seine Rede vor dem Kongress am Mittwoch die AnkĂŒndigung des Geiselabkommens sein wird, auf das wir alle gewartet haben», zitierte die Zeitung «Times of Israel» den Vater einer amerikanisch-israelischen Geisel in Washington.Â
Ein fĂŒr heute geplantes Treffen zwischen Netanjahu und US-PrĂ€sident Joe Biden stand wegen Bidens Covid-Infektion auf der Kippe. Biden will sich in den verbleibenden Monaten als PrĂ€sident fĂŒr ein Abkommen einsetzen: «Ich werde sehr eng mit den Israelis und den PalĂ€stinensern zusammenarbeiten, um herauszufinden, wie wir den Gaza-Krieg beenden, den Frieden im Nahen Osten sichern und all die Geiseln nach Hause bringen können», sagte er telefonisch beim Besuch von Kamala Harris in der Wahlkampfzentrale der Demokraten.
«Ich glaube, wir stehen kurz davor, das zu erreichen», fĂŒgte Biden hinzu, der sich bei dem Besuch seiner Vize-PrĂ€sidentin zugeschaltet hatte. Sein VerhĂ€ltnis zu Netanjahu ist wegen dessen Handhabung des Krieges angespannt. Am Donnerstag sollen die indirekten Verhandlungen, bei denen die USA, Katar und Ăgypten zwischen Israel und der Hamas vermitteln, fortgesetzt werden. Auf dem Tisch liegt ein dreistufiger Plan, der den Austausch der Geiseln gegen palĂ€stinensische HĂ€ftlinge sowie Wege hin zu einer dauerhaften Waffenruhe vorsieht.Â
Berichte: Auch Israels Sicherheitschefs fĂŒr Abkommen
Israelischen Medien zufolge sollen sich alle ranghohen Sicherheitschefs des Landes einig sein, dass sich das MilitĂ€r in einer ersten sechswöchigen Phase eines möglichen Abkommens vollstĂ€ndig aus dem Gazastreifen zurĂŒckziehen könnte. Die relativ kurze Zeitspanne wĂŒrde es der Hamas nicht erlauben, sich neu zu gruppieren, hĂ€tten Israels Verteidigungsminister Joav Galant, Generalstabschef Herzi Halevi sowie die Chefs der Geheimdienste Netanjahu gesagt. Demnach hĂ€tten sie ihm mitgeteilt, dass sie ein Geiselabkommen unterstĂŒtzen.Â
In seiner Rede vor beiden Kammern des US-Kongresses will sich Netanjahu am Mittwoch zum Vorgehen in Gaza Ă€uĂern. Sollte die Rede nicht die AnkĂŒndigung der Unterzeichnung eines Geiselabkommens beinhalten, wĂ€re dies ein «totaler Fehlschlag», wurde der Vater der amerikanisch-israelischen Geiseln weiter zitiert. In dem abgeriegelten KĂŒstenstreifen werden noch rund 120 Geiseln vermutet, viele von ihnen dĂŒrften aber nicht mehr am Leben sein. Israels Armee erklĂ€rte gerade erst zwei weitere Geiseln in der Gewalt der Hamas fĂŒr tot.
Berichte ĂŒber erneut viele Tote in Gaza
Bei einem neuerlichen VorstoĂ der israelischen StreitkrĂ€fte im sĂŒdlichen Gazastreifen gab es unterdessen palĂ€stinensischen Berichten zufolge viele Tote. Die Armee habe im Osten der Stadt Chan Junis angegriffen, sagten Augenzeugen. Mindestens 71 PalĂ€stinenser, unter ihnen Frauen und Kinder, seien ums Leben gekommen, weitere 200 hĂ€tten Verletzungen erlitten, berichtete die palĂ€stinensische Nachrichtenagentur Wafa unter Berufung auf Krankenhausmitarbeiter. Die Angaben lieĂen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.Â
Die israelische Armee hatte zuvor die Bewohner im östlichen Teil der Stadt dazu aufgerufen, das Gebiet unverzĂŒglich zu verlassen. Nachrichtendienstliche Erkenntnisse hĂ€tten ergeben, dass die Hamas von dort Raketenangriffe auf Israel durchfĂŒhrte. Augenzeugen zufolge machten sich Tausende Zivilisten auf die Flucht. Viele von ihnen waren bereits zuvor vor dem Krieg aus anderen Teilen Gazas hierher geflĂŒchtet. Die hĂ€ufigen Evakuierungsbefehle fĂŒhrten zur weiteren Zerstörung des Gesundheitssystems, beklagte das UN-NothilfebĂŒro OCHA.
UN-NothilfebĂŒro beklagt WassermangelÂ
Laut Hilfsorganisationen litten die Menschen in dem abgeriegelten KĂŒstengebiet weiterhin unter schwerem Wassermangel, teilte OCHA mit. Zwischen dem 8. und 21. Juli habe die durchschnittliche tĂ€gliche Wassermenge etwa 90.000 Kubikmeter betragen - das sei etwa ein Viertel der Menge, die vor Beginn des Krieges vor fast zehn Monaten produziert worden sei. SchĂ€den an der Infrastruktur, Mangel an Strom, Treibstoff, Ersatzteilen und Chlor behinderten die Wasserproduktion und -aufbereitung sowie das Abpumpen von Abwasser.
Auslöser des Kriegs war das Massaker mit mehr als 1.200 Toten, das Terroristen der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober in Israel verĂŒbt hatten. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer und der katastrophalen Lage im Gazastreifen steht Israel international immer stĂ€rker in der Kritik. FĂŒr Empörung sorgt auch die Gewalt radikaler Siedler im israelisch besetzten Westjordanland. Der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, kritisierte einen erneuten Ăbergriff.Â
Botschafter kritisiert Gewalt radikaler SiedlerÂ
«Internationale und israelische Aktivisten, unter ihnen ein deutscher StaatsbĂŒrger, sind von extremistischen Siedlern im Westjordanland angegriffen worden, als sie auf friedliche Weise PalĂ€stinensern in ihren Olivenhainen halfen», schrieb Seibert am Montag auf der Plattform X. «Diese Attacken stellen ein gut dokumentiertes kriminelles Verhalten dar, sie sind mit allen legalen Mitteln zu verfolgen.» Dazu postete er ein Video, das den Angriff zeigen soll.Â
Nach Medienberichten hatte sich der Vorfall am Sonntag in der Ortschaft Kusra nahe der palĂ€stinensischen Stadt Nablus ereignet. Eine Gruppe von Freiwilligen hatte palĂ€stinensische Bauern demnach zu ihren Olivenhainen begleitet. Durch ihre PrĂ€senz wollten die Freiwilligen fĂŒr den Schutz der PalĂ€stinenser sorgen. In dem Video, das aus der Aktivistengruppe heraus aufgenommen wurde, ist zu sehen, wie Maskierte mit HolzprĂŒgeln auf sie einschlagen. Mehrere Opfer, unter ihnen ein junger Deutscher, wurden danach im Krankenhaus behandelt.Â
Bericht: Israels Armee bestÀtigt Angriff
Unter anderem berichteten die «Tagesschau» und der US-Sender CNN ĂŒber den Vorfall, deren Reporter mit den Opfern sprachen. Die israelische Armee bestĂ€tigte CNN den Angriff. Sie habe am Tatort WarnschĂŒsse in die Luft abgegeben und verurteile grundsĂ€tzlich jede Gewalt. Laut den Berichten sagten die Aktivisten hingegen, das MilitĂ€r habe SchĂŒsse in Richtung eines PalĂ€stinensers abgegeben. Seit Beginn des Gaza-Kriegs hat die Gewalt militanter Siedler gegen PalĂ€stinenser im Westjordanland deutlich zugenommen.
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute inmitten von drei Millionen PalĂ€stinensern rund 700.000 israelische Siedler. Erst am Freitag hatte der Internationale Gerichtshof in einem nicht verbindlichen Rechtsgutachten die israelische Besatzung und den Siedlungsbau fĂŒr illegal erklĂ€rt.Â
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