Netanjahu entlÀsst unbequemen Verteidigungsminister Galant
05.11.2024 - 23:35:22 | dpa.deMit einem riskanten Schachzug hat sich Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu seines widerspenstigen Verteidigungsministers Joav Galant entledigt und damit einen Sturm der EntrĂŒstung ausgelöst. Politische Beobachter, die Opposition und Tausende Demonstranten reagierten mit Entsetzen. Diese Entlassung mitten in einem Mehrfrontenkrieg, den Netanjahu immer wieder als Kampf um seine Existenz beschreibt, und kurz vor einem erwarteten weiteren GroĂangriff des Irans sei «rĂŒcksichtslos, spaltend und gefĂ€hrlich fĂŒr Israel», lautete der vernichtende Kommentar der Zeitung «Times of Israel».
Entlassung wÀhrend US-PrÀsidentenwahl kein Zufall
Dass die Entlassung wĂ€hrend der laufenden PrĂ€sidentenwahl in den USA kam, sei kein Zufall, schrieb der US-BĂŒrochef der Zeitung Jacob Magid auf der Plattform X. Das zeige, dass Netanjahu einem RĂŒffel aus Washington aus dem Weg gehen wollte, schrieb Magid unter Berufung auf einen Vertrauten von US-PrĂ€sident Joe Biden. Der wichtigste VerbĂŒndete Israels sei von dem Schritt völlig ĂŒberrumpelt worden.Â
Die Kritik an Netanjahu ist verheerend. Die US-Regierung lobte in einer ersten Reaktion den Entlassenen in höchsten Tönen. Der Nationale Sicherheitsrat des WeiĂen Hauses erklĂ€rte laut «Washington Post», Galant sei ein wichtiger Partner gewesen «in allen Angelegenheiten, die die Verteidigung Israels betreffen». Man werde aber auch «weiterhin mit dem nĂ€chsten israelischen Verteidigungsminister zusammenarbeiten», dem bisherigen israelischen AuĂenminister Israel Katz. Galant galt als wichtiger Verbindungsmann zur Biden und VizeprĂ€sidentin Kamala Harris.Â
Galant warnt vor «moralischer Finsternis»
Galant sagte, er sei aus drei GrĂŒnden entlassen worden: wegen seiner Forderung nach einer gerechten Verteilung der Verteidigungslasten auch auf die Schultern ultraorthodoxer MĂ€nner, wegen der Notwendigkeit, die Geiseln aus dem Gazastreifen zurĂŒckzubringen und wegen seiner Forderung nach einer Untersuchung, wie die Hamas Israel am 7. Oktober 2023 ĂŒberraschen konnte.Â
Ex-Regierungschef nennt Entlassung «verrrĂŒckt»
Der ehemalige israelische MinisterprĂ€sident Naftali Bennett sagte, Israel habe eine «kranke und verrĂŒckte FĂŒhrung». Er schrieb bei X: «Nicht verzweifeln, der Wandel wird kommen!» Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, bezeichnete die Entlassung als besorgniserregend. OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid sprach von einem «Akt des Wahnsinns». Er rief die Israelis zu Protesten auf. «Geht auf die StraĂe», schrieb auch der Vorsitzende der oppositionellen Arbeitspartei, Jair Golan, auf der Plattform X. In Jerusalem und Tel Aviv folgten sofort Zehntausende dem Aufruf, wie eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete.Â
Zuspruch aus dem ultrarechten LagerÂ
Lob bekam Netanjahu hingegen vom rechtsgerichteten Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, der schon wiederholt die Entlassung des Verteidigungsministers gefordert hatte. Mit Galant sei es «unmöglich, einen vollstĂ€ndigen Sieg zu erringen», sagte er. Mit dem neuen Verteidigungsminister Israel Katz, der vor allem durch extrem konfrontative Posts in sozialen Medien aufgefallen ist, dĂŒrften Gvir und andere ultrarechte Regierungspartner Netanjahus besser zurechtkommen. Galant hatte immer wieder auf einen Deal zur Freilassung der Geiseln im Gazastreifen gedrĂ€ngt. Kritiker warfen Netanjahu vor, eine solche Vereinbarung vermieden zu haben, um den Zusammenhalt seiner Koalition mit den ultrarechten Partnern nicht zu gefĂ€hrden.
Galant galt seit langem als unbequem, hat Netanjahu in politischen und militĂ€rischen Fragen immer wieder Kontra gegeben. Er unterstĂŒtzte auch vehement die BemĂŒhungen, mehr ultraorthodoxe MĂ€nner fĂŒr den Wehrdienst zu verpflichten. Noch am Tag seiner Entlassung forderte er, Tausende Ultraorthodoxe einzuziehen. HĂ€tte Netanjahu dem nachgegeben, hĂ€tte er seine Koalition mit streng religiösen Parteien gefĂ€hrdet, die strikt gegen den Wehrdienst sind. Galant wurde da mehr und mehr zu einem Störfaktor fĂŒr Netanjahu. Katz hingegen wird eher als treuer WeggefĂ€hrte Netanjahus angesehen, der sich Entscheidungen des Regierungschefs nicht widersetzen wird.
Netanjahu misstraute GalantÂ
Netanjahu begrĂŒndete die Entlassung mit einem zerrĂŒtteten VertrauensverhĂ€ltnis. «Obwohl in den ersten Monaten des Krieges Vertrauen herrschte und die Arbeit sehr fruchtbar war, ist dieses Vertrauen zwischen mir und dem Verteidigungsminister in den vergangenen Monaten leider zerbrochen», schrieb er. Galant habe Entscheidungen getroffen und ErklĂ€rungen abgegeben, die den Entscheidungen des Kabinetts widersprochen hĂ€tten, fĂŒgte der MinisterprĂ€sident hinzu.Â
Demonstranten in Tel Aviv: «Bibi ins GefÀngnis»
In der Mittelmeermetropole Tel Aviv und anderswo gingen spontan Tausende Menschen auf die StraĂe, um gegen die Entlassung und gegen Netanjahu zu demonstrieren. In Tel Aviv blockierten sie die wichtige Stadtautobahn Ajalon mit brennenden Autoreifen und skandierten «Bibi ist ein VerrĂ€ter», «Bibi ins GefĂ€ngnis» und «kriminelle Regierung», wie eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete.
Möglicherweise auch Ablenkung von SkandalenÂ
Demonstranten Ă€uĂerten die Vermutung, Netanjahu wolle mit der Entlassung Galants auch von dem Skandal um Geheiminformationen ablenken, die von Mitarbeitern im Umfeld seines BĂŒros an die Presse durchgestochen worden waren. Der TV-Sender Channel 12 berichtete am Abend von einer Razzia der Polizei in Netanjahus BĂŒro. Es sei nicht klar, ob diese Durchsuchung mit dem Skandal um Geheimnisverrat oder mit einem weiteren Ermittlungsverfahren im Umfeld des BĂŒros des Regierungschefs zusammenhĂ€nge.
So schÀtzen die Börsenprofis Aktien ein!
FĂŒr. Immer. Kostenlos.
