Knesset-Wahl: 7,3 Millionen Israelis vor engem Rennen
Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 16:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWSWahlablauf und Regierungsbildung
- Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte bestimmen die 120 Mitglieder der Knesset.
- Die Stimmen von Soldaten und Reservisten werden ab Mittwoch ausgezÀhlt.
- Mit vorlÀufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet.
Israel stimmt ĂŒber 120 Knesset-Sitze ab
Bei der Parlamentswahl in Israel zeichnet sich eine hohe Wahlbeteiligung sowie ein enges Rennen zwischen dem Lager von MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu und seinen politischen Gegnern ab. Die Abstimmung gilt als Schicksalswahl fĂŒr die innenpolitische Ausrichtung des Landes, ein Kurswechsel in der PalĂ€stinenserpolitik scheint nach Aussagen fĂŒhrender Politiker jedoch unwahrscheinlich.
Mehr als sieben Millionen Wahlberechtigte
Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten der Knesset zu bestimmen. Die Wahllokale sollen um 21.00 Uhr MEZ schlieĂen, anschlieĂend werden erste Prognosen auf Grundlage von Nachwahlbefragungen erwartet.
Beteiligung liegt deutlich ĂŒber 2022
Nach Angaben der zentralen Wahlkommission zeichnet sich die höchste Wahlbeteiligung seit Beginn der Erfassung 1973 ab. Um 15.00 Uhr MEZ lag sie bei 55,7 Prozent und damit rund acht Prozentpunkte höher als bei der Wahl 2022.
Vor Wahllokalen in Tel Aviv und in arabisch geprÀgten StÀdten bildeten sich lange Schlangen. Medienberichten zufolge reisten mehr als 70.000 Israelis aus dem Ausland an, um ihre Stimme abzugeben.
Netanjahu mobilisiert rechte WĂ€hler
Netanjahu rief seine AnhĂ€nger auf der Plattform X zur Stimmabgabe auf. Er begrĂŒndete den Aufruf wie bei frĂŒheren Wahlen mit einer aus seiner Sicht ĂŒberdurchschnittlich hohen Beteiligung arabischer StaatsbĂŒrger und sprach von einem âNotrufâ, weil die Beteiligung im rechten Lager geringer ausfalle.
Soldatenstimmen werden spÀter ausgezÀhlt
Die Stimmen von Hunderttausenden israelischen Soldaten und Reservisten werden turnusmĂ€Ăig erst einen Tag spĂ€ter, ab Mittwoch, ausgezĂ€hlt. Dieser WĂ€hlergruppe wird eine starke UnterstĂŒtzung rechter Parteien zugeschrieben.
Mit vorlÀufigen Endergebnissen wird am Donnerstag gerechnet. Die offiziellen Ergebnisse sollen acht Tage nach der Wahl veröffentlicht werden.
Herzog vergibt Auftrag zur Regierungsbildung
Nach der Veröffentlichung beauftragt PrÀsident Izchak Herzog den Kandidaten mit der Regierungsbildung, dem die besten Chancen eingerÀumt werden. Dieser hat zunÀchst vier Wochen Zeit, eine Koalition zu schmieden.
Kein Block vor sicherer Mehrheit
Den letzten Umfragen vom Freitag zufolge zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Netanjahu und seinem wichtigsten Herausforderer Gadi Eisenkot ab. Der frĂŒhere MilitĂ€rchef fĂŒhrt die Mitte-Partei Jaschar.
Voraussichtlich wird kein Block die fĂŒr eine Regierung erforderlichen 61 Stimmen erreichen. Eine lange Koalitionssuche oder eine Pattsituation sind deshalb möglich; Netanjahu könnte dann zunĂ€chst an der Spitze einer Ăbergangsregierung im Amt bleiben.
Sicherheit und Demokratie prÀgen Wahlkampf
Es ist die erste Wahl seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gaza-Krieg. Nach der Wahl von 2022 bildete Netanjahu mit religiösen und rechtsextremen KrÀften die bislang am weitesten rechts stehende Regierung in der Geschichte Israels.
Ein von der Regierung vorangetriebener Umbau der Justiz und der Streit ĂŒber die Wehrpflicht fĂŒr Ultraorthodoxe spalteten die Gesellschaft. Im Wahlkampf standen zudem Sicherheit, Demokratie und Netanjahus persönliche Verantwortung fĂŒr den Terrorangriff im Mittelpunkt.
Eisenkot wirbt fĂŒr anderen Politikstil
Eisenkot kĂŒndigte fĂŒr den Fall eines Regierungswechsels einen neuen Politikstil an. Israel solle nicht durch Spaltung und Panikmache, sondern durch Einheit gefĂŒhrt werden.
Wie Netanjahus Likud lehnen die meisten Oppositionsparteien die GrĂŒndung eines palĂ€stinensischen Staates ab. Bei einem Regierungswechsel könnte die Gewalt im Westjordanland nach EinschĂ€tzung von Beobachtern dennoch eingedĂ€mmt werden.
Folgen fĂŒr Gaza und Libanon offen
Beim festgefahrenen Gaza-Plan könnten sich nach EinschĂ€tzung von Experten mit einer neuen Regierung Fortschritte ergeben. Der Plan sieht ein vollstĂ€ndiges Ende des Krieges und den Wiederaufbau des groĂflĂ€chig zerstörten Gazastreifens vor.
Im Libanon-Konflikt fordert auch Eisenkot, dass die Hisbollah zunĂ€chst entwaffnet wird, bevor Israel seine Truppen aus dem SĂŒden des Nachbarlandes abzieht. Ein weiterer Konflikt mit dem Iran wird unabhĂ€ngig vom Wahlausgang erwartet.
Die Wahl ist der erste landesweite Urnengang in Israel seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 und dem anschlieĂenden Gaza-Krieg. Damit verbindet sich die Abstimmung nicht nur mit der Frage, wer kĂŒnftig regiert, sondern auch mit der politischen Verantwortung fĂŒr SicherheitsversĂ€umnisse und den Umgang mit dem Krieg.
Innenpolitisch stehen sich zwei sehr unterschiedliche Lager gegenĂŒber. Benjamin Netanjahu setzt auf seine sicherheitspolitische Erfahrung und die UnterstĂŒtzung rechter und religiöser Parteien. Gadi Eisenkot verspricht dagegen einen anderen politischen Stil sowie eine Untersuchung der VorgĂ€nge rund um den 7. Oktober. Ein Regierungswechsel wĂŒrde jedoch nicht automatisch einen grundlegenden Kurswechsel in der AuĂen- und Sicherheitspolitik bedeuten.
Koalitionen entscheiden ĂŒber den Ausgang
Entscheidend ist, dass nach den Umfragen kein Block die erforderliche Mehrheit von 61 der 120 Knesset-Sitze erreichen dĂŒrfte. Selbst ein Wahlsieg eines Lagers könnte deshalb zunĂ€chst nur den Auftrag zur Regierungsbildung bringen. PrĂ€sident Izchak Herzog wird den Kandidaten beauftragen, dem die besten Chancen zugerechnet werden; danach beginnen die Koalitionsverhandlungen.
Die hohe Beteiligung kann die KrĂ€fteverhĂ€ltnisse verĂ€ndern, ohne den Ausgang vorherzubestimmen. Besonders wichtig sind die Stimmen arabischer BĂŒrger, der Soldaten und Reservisten sowie der Israelis, die zur Wahl aus dem Ausland anreisten. FĂŒr die Bevölkerung bedeutet das: Mit einem vorlĂ€ufigen Ergebnis ist zu rechnen, eine belastbare Regierungsentscheidung dĂŒrfte aber erst nach weiteren AuszĂ€hlungen und Verhandlungen feststehen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Frankfurter Rundschau: âWahlen in Israel 2026: Erste Zahlen deuten historischen Rekordwert anâ (27.10.2026)
Der Artikel ordne die Wahl als enges Rennen ein und stelle Netanjahus lange Amtszeit sowie den politischen Druck nach dem Hamas-Angriff heraus. Einen zusÀtzlichen Schwerpunkt bilde die Forderung nach einem Regierungswechsel ohne rechtsextreme Minister.
Euronews: âWelt blickt auf Israel: Erste Parlamentswahl seit 7. Oktober 2023â (27.10.2026)
Euronews hebe ebenfalls das Kopf-an-Kopf-Rennen und die erwarteten langen Koalitionsverhandlungen hervor. Der Beitrag betone zusÀtzlich die internationale Bedeutung der Wahl und die mögliche Rolle arabischer Parteien bei einem knappen Ergebnis.
Beide BeitrÀge bestÀtigten die offene Ausgangslage und die schwierige Mehrheitsbildung. Unterschiede lÀgen vor allem beim Schwerpunkt: WÀhrend die Frankfurter Rundschau stÀrker Netanjahus innenpolitischen Druck und deutsche Reaktionen beleuchte, richte Euronews den Blick stÀrker auf internationale Folgen und mögliche Koalitionsarithmetik.
