G20-Gipfel droht Scheitern wegen Streit um Russland
08.09.2023 - 14:28:45 | dpa.deDer G20-Gipfel der fĂŒhrenden WirtschaftsmĂ€chte in Indien droht am Streit um eine klare Verurteilung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zu scheitern. Es sei schwierig vorherzusagen, ob es möglich sein werde, sich zu verstĂ€ndigen, sagte EU-RatsprĂ€sident Charles Michel am Freitag vor Beginn des Treffens in der Hauptstadt Neu Delhi an diesem Samstag. Ein Grund sei, dass es anders als im vergangenen Jahr auf Bali fĂŒr einige Staaten schwieriger scheine, einer klaren Verurteilung zuzustimmen.
Aus Delegationen wurde von einem harten Ringen der UnterhĂ€ndler um die Formulierungen fĂŒr eine AbschlusserklĂ€rung berichtet. Den Angaben zufolge stand dem Westen eine Allianz aus China und Russland gegenĂŒber. Peking gilt als international wichtigster Partner Moskaus und hat den Angriffskrieg auf die Ukraine bisher nicht verurteilt.
Gastgeber Indien hofft auf eine gemeinsame AbschlusserklĂ€rung. «Wir arbeiten weiter an einem Konsens», sagte der indische UnterhĂ€ndler Amitabh Kant. Indiens Fokus liege auf Anliegen des globalen SĂŒdens.
Zur G20 gehören - neben der EU - 19 der stĂ€rksten Volkswirtschaften der Erde. Die Runde ist ein zentrales Forum fĂŒr die internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, beschĂ€ftigt sich inzwischen aber auch mit vielen anderen globalen Themen von der TerrorbekĂ€mpfung bis zum Klimaschutz.
Modi empfÀngt Biden
Der indische Premierminister Narendra Modi empfing US-PrÀsident Joe Biden am Freitagabend kurz nach dessen Landung in Neu Delhi. Bidens Regierung versucht, Indien als wichtigen Akteur stÀrker an sich zu binden. Ziel ist es, dem Machtstreben Chinas etwas entgegenzusetzen. Ergebnisse des Treffens wurden zunÀchst nicht bekannt.
UN-GeneralsekretĂ€r AntĂłnio Guterres rief in der indischen Hauptstadt zum Kampf gegen die Krisen in der Welt auf. «Wir mĂŒssen zusammenkommen und geeint agieren fĂŒr das gemeinsame Wohl.» Es bestehe die Gefahr zunehmender Konfrontation. Die G20 könnten helfen, den Ăbergang zu einer multipolaren Ordnung zu begleiten. Als eine der wichtigsten Aufgaben nannte er den Kampf gegen die Klimakrise.
EU betont UnterstĂŒtzung fĂŒr Kiew und Druck auf Moskau
EU-RatsprĂ€sident Michel sagte: «Russland greift die Ukraine weiterhin an, tötet die Menschen und zerstört ihre StĂ€dte.» Deshalb werde die EU die Ukraine weiterhin unterstĂŒtzen und Druck auf Russland ausĂŒben. Der russische Krieg treffe auch andere Weltregionen. Mehr als 250 Millionen Menschen seien mit ErnĂ€hrungsunsicherheit konfrontiert. Indem der Kreml ukrainische HĂ€fen fĂŒr den Getreideexport angreife, nehme er ihnen das Essen, das sie dringend brĂ€uchten.
US-Finanzministerin Janet Yellen sagte auf die Frage, ob sie eine Einigung auf eine ErklÀrung mit einem Teil zum Ukraine-Krieg erwarte: «Wir sind bereit, mit Indien zusammenzuarbeiten, um ein Kommuniqué zu verfassen, das dieses Anliegen erfolgreich adressiert.» Es sei aber «eine Herausforderung».
Moskau wirft Westen Druck auf Indien vor
Russland warf den fĂŒhrenden demokratischen WirtschaftsmĂ€chten (G7) Druck auf Indien vor. Der Westen versuche, dem G20-Abschlussdokument seine «einseitige Herangehensweise bei der Lage um die Ukraine» aufzuzwingen, teilte das AuĂenministerium in Moskau mit. Geopolitische Fragen, die «Krise in der Ukraine» und andere bewaffnete Konflikte sollten auf Ebene der Vereinten Nationen (UN) behandelt werden. Die UN kommen ĂŒbernĂ€chste Woche zur Generalversammlung in New York zusammen.
Zur G7-Runde gehören neben Deutschland auch Frankreich, Italien, Japan, Kanada, die USA und GroĂbritannien. Die G7 verurteilen den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und wollen diese Position auch in der G20-ErklĂ€rung widergespiegelt sehen.
Beim vorherigen Gipfel auf der indonesischen Ferieninsel Bali hatte sich Moskau 2022 offensichtlich auf Druck Chinas einverstanden erklÀrt, in die AbschlusserklÀrung den Satz aufzunehmen: «Die meisten Mitglieder verurteilten den Krieg in der Ukraine aufs SchÀrfste.» Russlands Position wurde mit den Worten abgebildet: «Es gab andere Auffassungen und unterschiedliche Bewertungen der Lage und der Sanktionen.»
Russland: Konzentration auf Weltwirtschaft und Entwicklung
Das russische AuĂenministerium betonte nun: «Wir sind ĂŒberzeugt, dass die Entscheidungen der G20 nur auf Konsens beruhen sollten, ohne dass auch nur einziges ihrer Mitglieder ausschert.» PrioritĂ€t habe eine ErklĂ€rung, die der Gesundung der Weltwirtschaft, der nachhaltigen Entwicklung und damit den Interessen aller LĂ€nder diene. Russland werde gegen Versuche des Westens kĂ€mpfen, die wirtschaftlichen und humanitĂ€ren Probleme der Welt mit der Ukraine in Verbindung zu bringen.
Vertreten wird Russland in Neu Delhi von AuĂenminister Sergej Lawrow - er traf am Freitag ein. Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin hatte den Krieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen. Er bleibt dem Gipfel wie 2022 fern. Auch Chinas Staatschef Xi Jinping kommt nicht und lĂ€sst sich durch MinisterprĂ€sident Li Qiang vertreten.
USA: Mehr Geld fĂŒr Entwicklungsbank
US-Finanzministerin Yellen setzt auf Zusagen fĂŒr eine stĂ€rkere UnterstĂŒtzung Ă€rmerer LĂ€nder. «Wir hoffen, dass andere LĂ€nder sich je nach ihren finanziellen Möglichkeiten uns anschlieĂen werden.» Es soll auch um Geld fĂŒr die Weltbank gehen. Die Entwicklungsbank leiht armen LĂ€ndern Geld zu gĂŒnstigen Konditionen. So soll deren Wirtschaft gestĂ€rkt und Armut bekĂ€mpft werden. US-PrĂ€sident Joe Biden hatte den US-Kongress zuletzt um die Bewilligung von gut zwei Milliarden US-Dollar fĂŒr die Weltbank gebeten.
«Diese Woche bietet auch die Gelegenheit, einen Schuldenerlass zu diskutieren» sagte Yellen angesichts der Schuldenkrise Ă€rmerer LĂ€nder. Schon lange steht China unter internationalem Druck, Schuldenerleichterungen fĂŒr arme Staaten zuzustimmen - nachdem diese Kredite in Peking aufgenommen hatten.
Geisterstadt Neu Delhi - Affen und Hunde vertrieben
Massive Sicherheitsvorkehrungen schrĂ€nkten das öffentliche Leben in der Metropole Neu Delhi schon einen Tag vor Beginn des G20-Gipfels stark ein - Teile des Zentrums erinnerten an eine Geisterstadt. Viele GeschĂ€fte, Schulen und BĂŒros waren geschlossen. Mehr als 100.000 SicherheitskrĂ€fte sollten in den StraĂen patrouillieren. Vor dem Gipfel hatten sich die Behörden auch bemĂŒht, die in Neu Delhi zahlreich lebenden Affen und StraĂenhunde aus dem Stadtzentrum zu vertreiben.
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