Krise in Ceuta - Kann Spanien aus dem Schengenraum fliegen?
Veröffentlicht am: 31.07.2026 um 18:11 Uhr | dpa.deZehntausende Menschen drĂ€ngen irregulĂ€r in die spanische Exklave Ceuta auf dem afrikanischen Kontinent und stĂŒrzen das Land in eine Krise. Aus anderen EU-LĂ€ndern hagelt es Kritik an Spanien. Angebote der UnterstĂŒtzung kommen stattdessen ausgerechnet aus dem Vereinigten Königreich.Â
Dabei sollte die vor wenigen Wochen in Kraft getretene EU-Asylreform (Geas) eigentlich fĂŒr mehr Zusammenarbeit und SolidaritĂ€t zwischen den MitgliedslĂ€ndern sorgen - stattdessen fordern manche Regierungen sogar Konsequenzen fĂŒr Spanien als Teil des kontrollfreien Schengen-Raums. Geht das? Und welche Möglichkeiten hat Spanien nach den neuen Asylregeln? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Ăberblick:Â
Was ist der Schengen-Raum?
Der Schengen-Raum ist ein Gebiet in Europa, in dem Menschen grundsĂ€tzlich ohne Grenzkontrollen reisen können. Derzeit gehören 25 der 27 EU-LĂ€nder dazu, sowie Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz. Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla - in die ebenfalls Migranten eindrangen - gehören nicht zum Schengen-Raum.Â
Kann Spanien aus dem Schengen-Raum ausgeschlossen werden?Â
Die Bilder der Menschenmassen in Ceuta haben sich gerade verbreitet, da werden in anderen EU-LĂ€ndern Forderungen nach harten Konsequenzen laut. So bringt Italiens rechte MinisterprĂ€sidentin Giorgia Meloni mit einem Post auf der Plattform X den vorĂŒbergehenden Ausschluss des Landes aus dem kontrollfreien Raum ins Spiel.Â
DafĂŒr bekommt sie Zuspruch der finnischen Innenministerin Mari Rantanen: Sie schrieb auf X, LĂ€nder, die nicht in der Lage seien, die Grenzen zu schĂŒtzen, könnten nicht Mitglieder des Schengen-Raums sein. Auch AfD-Chefin Alice Weidel wirft dieses Szenario auf.Â
Doch der dauerhafte Ausschluss eines Landes aus dem Schengen-Raum gegen dessen Willen ist in den EU-Regeln schlicht nicht vorgesehen. Der ehemalige EU-AuĂenbeauftragte und Spanier Josep Borrell schreibt dazu auf X: «Nach EU-Recht darf kein Mitgliedstaat die Teilnahme eines anderen Mitgliedstaats am Schengen-Raum einseitig aussetzen.»
Was ist mit Grenzkontrollen?Â
Statt einem Ausschluss Spaniens verweisen mehrere EU-LĂ€nder auf die Möglichkeit, das kontrollfreie Reisen im Schengen-Raum weiter einzuschrĂ€nken und mehr Binnengrenzkontrollen einzufĂŒhren - wie Deutschland sie bereits praktiziert. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kĂŒndigt mit Verweis auf Ceuta sogar an, die umstrittenen Kontrollen der Bundesrepublik an den Grenzen zu verlĂ€ngern. Auch Frankreich hat bereits angekĂŒndigt, seine seit Jahren bestehenden Kontrollen an der Grenze zu Spanien zu verstĂ€rken.
Was in den Reaktionen in den Hintergrund tritt: Die Migranten befinden sich weder im Schengen-Raum noch auf europĂ€ischem Festland. Sollten sie versuchen, das Mittelmeer zu ĂŒberqueren, wĂŒrden sie zunĂ€chst an einer EU-AuĂengrenze ankommen - in Binnengrenzkontrollen können sie also zunĂ€chst gar nicht geraten.
Laut EU-Kommission gibt es aber bisher ohnehin keine Anzeichen dafĂŒr, dass die FlĂŒchtlinge diesen Versuch unternehmen. «Wir haben bislang keinerlei Weiterbewegungen von Ceuta aus auf das spanische Festland oder in andere Mitgliedstaaten gesehen», sagte eine hochrangige EU-Beamtin. Die spanischen Behörden kontrollierten die AuĂengrenzen, um sicherzustellen, dass es keine solchen Weiterbewegungen gebe. DarĂŒber hinaus deutet derzeit nichts darauf hin, dass die spanischen Behörden die Menschen aufs Festland bringen wollen.Â
Was muss Spanien nach EU-Regeln machen?Â
Spanien soll nach den EU-Asylregeln zunĂ€chst dafĂŒr sorgen, dass Asylbewerber nicht weiterziehen und die Schutzersuchen vor Ort prĂŒfen. Da die EU Marokko als sicheres Herkunftsland betrachtet, gibt es dafĂŒr insbesondere die Möglichkeiten der beschleunigten Grenzverfahren. Diese sind auf zwölf Wochen beschrĂ€nkt und sollen schnellere Abschiebungen ermöglichen.Â
Die europĂ€ische Asylreform (Geas) sieht im Falle von Massenmigration zudem einen Krisenmechanismus vor. Der soll explizit auch greifen, wenn ein Drittstaat Migranten zu politischen Zwecken instrumentalisiert. Die spanische Regierung könnte um Hilfe bitten. Dann sollten sich die 27 EU-LĂ€nder der Idee zufolge solidarisch zeigen, Asylsuchende fair untereinander verteilen und die europĂ€ische Grenzregion mit Ressourcen unterstĂŒtzen, um AsylantrĂ€ge schneller zu bearbeiten.Â
Was bedeutet die Krise fĂŒr die EU-Asylreform?Â
Doch statt Angeboten der UnterstĂŒtzung hagelt aus anderen MitgliedslĂ€ndern bisher vor allem Kritik. Bundeskanzler Friedrich Merz forderte die spanische Regierung auf, die Situation schnellstmöglich wieder in den Griff zu bekommen. «Der Schutz der AuĂengrenzen der EuropĂ€ischen Union ist entscheidend fĂŒr die BekĂ€mpfung illegaler Migration», betonte der CDU-Politiker. Ăhnlich Ă€uĂerten sich die Regierungsspitzen anderer MitgliedslĂ€nder.Â
Das neue EU-Asylsystem steht damit nur sieben Wochen nach seinem Start unter Druck. Eigentlich sollte es einen jahrelangen Streit zwischen den MitgliedslĂ€ndern beenden. Staaten mit besonders vielen AnkĂŒnften von FlĂŒchtlingen - also Spanien, Zypern, Italien und Griechenland - sollten ihre AuĂengrenzen besser schĂŒtzen und AsylantrĂ€ge möglichst an den Grenzen abwickeln. Da sie damit verhindern, dass FlĂŒchtlinge etwa nach Deutschland, Ăsterreich oder Frankreich weiterziehen, haben sie Anspruch auf UnterstĂŒtzung der anderen EU-LĂ€nder. Doch der Fall Spanien zeigt, dass diese gegenseitige SolidaritĂ€t auf wackligen Beinen stehen könnte.Â
Wieso steht Spaniens Migrationspolitik ohnehin in der Kritik?Â
Schon vor der Krise in Ceuta war die spanische Migrationspolitik manchen Regierungen in der EU ein Dorn im Auge. Vor einigen Monaten leitete Spanien als MaĂnahme gegen den ArbeitskrĂ€ftemangel die Legalisierung von rund 500.000 irregulĂ€ren Migranten ein. Profitieren sollen davon Asylbewerber, die ihren Antrag vor Ende 2025 gestellt haben - keine Neuankömmlinge.
Die deutsche Bundesregierung hatte dazu mitgeteilt, dass sie das Modell nicht als Vorbild sehe. Angesichts der BemĂŒhungen auf EU-Ebene, unerwĂŒnschte irregulĂ€re Migration einzudĂ€mmen, sorgte die MaĂnahme auch in BrĂŒssel fĂŒr Stirnrunzeln.
