Letzter, Diktator

«Letzter Diktator Europas»: Lukaschenko feiert JubilÀen

09.07.2024 - 09:00:36 | dpa.de

Seit drei Jahrzehnten regiert der als letzter Diktator Europas bekannte Lukaschenko in Belarus. In seinem JubilÀumssommer feiert er 30 Jahre im Amt und 70. Geburtstag. Und wie lange bleibt er noch?

  • Seit 30 Jahren ist in Belarus der als etzter Diktator Europas bezeichnete Alexander Lukaschenko schon an der Macht. (Arrchivbild) - Foto: Mikhail Metzel/Sputnik Kremlin Pool via AP/dpa
    Seit 30 Jahren ist in Belarus der als etzter Diktator Europas bezeichnete Alexander Lukaschenko schon an der Macht. (Arrchivbild) - Foto: Mikhail Metzel/Sputnik Kremlin Pool via AP/dpa
  • Kremlchef Wladimir Putin (links) gilt als wichtiger Garant dafĂŒr, dass sich der vor 30 Jahren erstmals zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlte Alexander Lukaschenko weiter an der Macht hĂ€lt. (Archivbild) - Foto: Dmitriy Azarov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
    Kremlchef Wladimir Putin (links) gilt als wichtiger Garant dafĂŒr, dass sich der vor 30 Jahren erstmals zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlte Alexander Lukaschenko weiter an der Macht hĂ€lt. (Archivbild) - Foto: Dmitriy Azarov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa
  • Seit Jahrzehnten beobachtet der Politanalyst Waleri Karbalewitsch den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, bis er aus Angst um seine Sicherheit ins Ausland floh. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa
    Seit Jahrzehnten beobachtet der Politanalyst Waleri Karbalewitsch den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, bis er aus Angst um seine Sicherheit ins Ausland floh. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa
  • Mit Massenkundgebungen gegen Machthaber Alexander Lukaschenko traten die Menschen 2020 fĂŒr einen Wandel ein, bis die Proteste gewaltsam niedergeschlagen wurden. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa
    Mit Massenkundgebungen gegen Machthaber Alexander Lukaschenko traten die Menschen 2020 fĂŒr einen Wandel ein, bis die Proteste gewaltsam niedergeschlagen wurden. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa
Seit 30 Jahren ist in Belarus der als etzter Diktator Europas bezeichnete Alexander Lukaschenko schon an der Macht. (Arrchivbild) - Foto: Mikhail Metzel/Sputnik Kremlin Pool via AP/dpa Kremlchef Wladimir Putin (links) gilt als wichtiger Garant dafĂŒr, dass sich der vor 30 Jahren erstmals zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlte Alexander Lukaschenko weiter an der Macht hĂ€lt. (Archivbild) - Foto: Dmitriy Azarov/Pool Sputnik Kremlin/AP/dpa Seit Jahrzehnten beobachtet der Politanalyst Waleri Karbalewitsch den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, bis er aus Angst um seine Sicherheit ins Ausland floh. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa Mit Massenkundgebungen gegen Machthaber Alexander Lukaschenko traten die Menschen 2020 fĂŒr einen Wandel ein, bis die Proteste gewaltsam niedergeschlagen wurden. (Archivbild) - Foto: Ulf Mauder/dpa

 

Minsk (dpa) – Der Personenkult um Machthaber Alexander Lukaschenko kennt im Staatsfernsehen in Belarus kaum noch Grenzen. TĂ€glich ist der «PrĂ€sident», wie er da noch hochachtungsvoll genannt wird, prĂ€sent in den Nachrichten und in den Dokumentationen aus Anlass seines Sommers der JubilĂ€en. 

Der als letzter Diktator Europas bezeichnete Autokrat wurde vor 30 Jahren – am 10. Juli - erstmals ins PrĂ€sidentenamt gewĂ€hlt. In einem Land, das mit der neugewonnenen UnabhĂ€ngigkeit haderte, versprach der ehemalige Direktor eines staatlichen Landwirtschaftsbetriebes (Sowchose), am sowjetischen Lebensstil festzuhalten. Seine erste AmtseinfĂŒhrung jĂ€hrt sich am 20. Juli. Und nĂ€chsten Monat, am 30. August, wird er 70 Jahre alt.

«Lukaschenko sitzt dank des RĂŒckhalts von Kremlchef Wladimir Putin fest im Sattel. Und er bereitet sich augenscheinlich auf die nĂ€chste PrĂ€sidentenwahl in einem Jahr vor», sagt der belarussische Politologe Waleri Karbalewitsch der Deutschen Presse-Agentur. «Ich sehe keine Bedrohung seiner Macht. Das Ende der Diktatur ist nicht in Sicht.» 

Karbalewitsch, der aus Angst vor politischer Verfolgung im Ausland lebt, spricht von einem «eisernen und totalitÀrem Regime», das nur auf eine Person ausgerichtet sei.

LĂ€ngst vergessen ist, dass Lukaschenko 2020 erklĂ€rte, diese jetzt laufende sechste Amtszeit werde seine letzte sein. Damals, nach einem Vierteljahrhundert an der Macht, ließ er Proteste Hunderttausender wĂŒtender Belarussen gegen die von beispiellosen ManipulationsvorwĂŒrfen ĂŒberschattete PrĂ€sidentenwahl gewaltsam niederschlagen.

Trotz Amnestie weiter viele politische Gefangene

Bis heute zĂ€hlen Menschenrechtler mehr als 1000 politische Gefangene in dem Land. Zwar versprach Lukaschenko Anfang dieses Monats, dass er in einer humanitĂ€ren Geste im Zuge einer großen Amnestie auch einige seiner Kritiker freilassen wolle. TatsĂ€chlich ist es ein gutes Dutzend bisher. «Aber es gibt noch immer viele Festnahmen Andersdenkender», wie auch das in Belarus verbotene Menschenrechtszentrum Wjasna festgestellt.

Der Experte Karbalewitsch hĂ€lt Belarus fĂŒr deutlich unfreier als Russland. «Menschen werden festgenommen, weil sie etwa auf ihrem Handy Nachrichten unabhĂ€ngiger Medien abonnieren», sagt er. Der schon zu Sowjetzeiten wegen seiner BrutalitĂ€t gefĂŒrchtete Geheimdienst KGB hĂ€lt das Land, das als letztes in Europa noch die Todesstrafe vollstreckt, an der Kandare.

Vor allem die im Exil arbeitende Opposition um Swetlana Tichanowskaja prangert politische Verfolgung, Folter und andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Belarus an. Tichanowskaja galt damals als eigentliche Siegerin der PrÀsidentenwahl. Ihr Mann Sergej sitzt weiter in Haft.

Die von Minsk als Extremistin zur Fahndung ausgeschriebene Politikerin baut im Ausland mit einer Art Exilregierung aus profilierten Experten strategische Kontakte auf fĂŒr den Fall eines Machtwechsels in Belarus. Und sie setzt sich bei Treffen mit westlichen Staatenlenkern vor allem fĂŒr Sanktionen ein, dafĂŒr, dass die Strafmaßnahmen bleiben und verschĂ€rft werden.

UnterstĂŒtzung fĂŒr Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine

Lukaschenko lĂ€chelt die Konfrontation mit dem Westen weg – und ist lĂ€ngst weitgehend wirtschaftlich und politisch abhĂ€ngig vom großen Nachbarn Russland. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine gehört Lukaschenko zu den wichtigsten VerbĂŒndeten von Kremlchef Putin. Belarus ĂŒberließ den russischen StreitkrĂ€ften nicht nur sein Staatsgebiet fĂŒr Angriffe auf die Ukraine. Das lange Zeit industriell schwache Land gilt inzwischen als wichtiger RĂŒstungsproduzent fĂŒr Putins Invasion.

Zwar sehen Experten wie Karbalewitsch weiter keinen Hinweis, dass Belarus auch eigene Truppen in dem Krieg einsetzt. Das MilitĂ€r sei schlecht aufgestellt, die Ablehnung des Krieges in der Bevölkerung groß, sagt er. NĂŒtzlich fĂŒr den Krieg gegen die Ukraine sei Lukaschenko aus russischer Sicht dennoch. Der Machthaber von Minsk ĂŒbernimmt auch eins zu eins Russlands Lesart, wonach der Krieg vor allem eine Konfrontation mit den USA und dem Westen ist.

Und wie Putin stĂ¶ĂŸt auch Lukaschenko bisweilen atomare Drohungen aus. Russland, das mit Belarus einen bisher kaum aktiven Unionsstaat schuf, stationierte auch unweit der polnischen Grenze mit atomaren Sprengköpfen bestĂŒckbare Iskander-Raketen. Lukaschenko brĂŒstet sich seither, dass Belarus nach der Abgabe seiner Nuklearwaffen nach dem Zerfall der Sowjetunion heute wieder Atommacht sei. Die Kontrolle ĂŒber die Waffen hat aber Putin.

Personelle Erneuerung in Minsk

«Lukaschenkos AbhĂ€ngigkeit von Putin ist gewachsen. Aber ich wĂŒrde nicht sagen, dass er eine Marionette Putins ist», sagt Karbalewitsch. Er zeige durch Reisen etwa nach Afrika oder China, dass er außenpolitisch aktiv ist. 

Neuer Außenminister ist Maxim Ryschenkow. Ryschenkow, der zuletzt quasi die PrĂ€sidialverwaltung leitete, löste Sergej Alejnik ab, der als unorganisiert und schwach galt.

FĂŒr Aufsehen sorgte Lukaschenko zuletzt innenpolitisch, als er nach massiver Kritik an der Ineffizienz des Staatsapparats mehrere Hardliner mit Wurzeln im Sicherheitsapparat durch vergleichsweise gemĂ€ĂŸigte Beamte ersetzte. So holte er fĂŒr die wichtigste Schaltstelle seines Machtapparats aus Moskau Botschafter Dmitri Krutoj zurĂŒck, um ihn zum neuen Chef der PrĂ€sidialverwaltung zu machen. Der erst 43 Jahre alte Ökonom war einst der jĂŒngste Wirtschaftsminister des Landes und hatte auch in Moskau als belarussischer Statthalter die Vollmachten eines Vizeregierungschefs. Er gilt als durchsetzungsstarker Manager.

Vorbereitung auf siebte Amtszeit – und gesundheitliche Probleme

Experten sehen diese personellen Erneuerungen auf mehreren Ministerposten, aber auch die Amnestie als widersprĂŒchliche Signale Lukaschenkos. «Im Westen wurde die Freilassung der ersten politischen Gefangenen begrĂŒĂŸt, trotzdem gibt es weiter eine antiwestliche Rhetorik. Eine Liberalisierung ist nicht zu erwarten», sagt Karbalewitsch. Gleichwohl zeige auch die personelle Erneuerung im Machtapparat innenpolitisch, dass das System nicht erstarrt sei.

Der ebenfalls ins Ausland geflĂŒchtete Analyst Artjom Schraibman sieht darin eine Vorbereitung auf die siebte Amtszeit. «Lukaschenko will sein Regime auffrischen, ihm Schwung und Dynamik verleihen durch neue Gesichter, ohne ihnen aber das Ruder zu ĂŒberlassen», schreibt er in einem Beitrag fĂŒr die Denkfabrik Carnegie.

Karbalewitsch erwartet, dass Lukaschenko an der Macht bleibt, solange es seine Gesundheit erlaubt. «Es ist klar, dass er Probleme mit den Beinen hat, beim Gehen», sagte er. In der Vergangenheit gab es immer wieder Spekulationen, ob der 69-JĂ€hrige schwer krank sein könnte. Einmal war er tagelang nicht im Fernsehen zu sehen, was bei der Opposition im Exil Hoffnungen auf ein Ende der Diktatur auslöste. Doch aktuell ist Lukaschenko aktiv und zeigt auch tĂ€glich im Fernsehen, dass er die ZĂŒgel der Macht weiter fest in der Hand hĂ€lt.

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