Nato-Verteidigung, Alexus Grynkewich

Nato legt in Warschau Drei-Schritte-Plan gegen Angriffe vor

Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 14:35 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Nato-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich beschreibt in Warschau einen dreistufigen Plan für den Fall eines Angriffs. Das Bündnis soll Bedrohungen früh erkennen, den Vorstoß stoppen und angreifende Kräfte militärisch ausschalten.

Der Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa, Alexus Grynkewich, hat eine neue Sicherheitsstrategie des Bündnisses vorgestellt.  - Bild: Elisa Schu/dpa
Der Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa, Alexus Grynkewich, hat eine neue Sicherheitsstrategie des Bündnisses vorgestellt. - Bild: Elisa Schu/dpa

Drei Verteidigungsstufen für die Nato

  • Alexus Grynkewich stellte das Konzept beim Sicherheitsforum in Warschau vor.
  • Die Nato will einen Angriff zunächst stoppen, dann brechen und schließlich das unterstützende Militärsystem zerschlagen.
  • Geplant sind unter anderem Präzisionswaffen, Sensornetze und eine digitale Infrastruktur.

Nato-Oberbefehlshaber Alexus Grynkewich hat beim Sicherheitsforum in Warschau ein Konzept zur Abwehr eines möglichen Angriffs auf Mitgliedstaaten vorgestellt.

Russland bleibt unausgesprochen

Der US-General nannte Russland bei der Vorstellung nicht ausdrücklich. Der Bezug ergibt sich jedoch aus der sicherheitspolitischen Lage: Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gilt Moskaus militärischer Kurs als große Herausforderung für das Bündnis.

Grynkewich betonte zugleich, er gehe nicht davon aus, dass ein Konflikt unmittelbar bevorstehe oder unvermeidbar sei. Einsatzbereitschaft bedeute aber, für mögliche Szenarien zu planen und nicht nur für das Wahrscheinliche.

Block, Blunt und Break

Das als „Theory of Victory“ bezeichnete Konzept folgt drei Schritten. Zunächst sollen Nato-Kräfte den Angriff stoppen. Hält der Gegner seine Offensive aufrecht, soll ihre Wucht gebrochen und jedes weitere Vorrücken verhindert werden.

Reicht diese Stufe nicht aus, sieht der Plan vor, die angreifenden Truppen sowie das militärische System zu zerschlagen, das sie versorgt und führt. An dem Konzept arbeitet die Nato laut Grynkewich bereits seit mehreren Jahren; wegen der jüngsten Entwicklung habe man sich zur Veröffentlichung entschlossen.

Verteidigung beginnt vor dem Angriff

Nach den Vorstellungen des Oberbefehlshabers soll die Abwehr schon vor dem ersten Schuss beginnen. Nachrichtendienste, verschiedene Aufklärungssysteme und deren Auswertung sollen drohende Angriffe früh erkennen und dem Bündnis Zeit für eine Reaktion geben.

Die an der Front stationierten Bodentruppen sollen einen ersten Vorstoß aufhalten. Luftwaffe und Marine sollen mit Unterstützung aus dem Weltraum und dem Cyberraum möglichst schnell die Kontrolle in der Luft und auf See sichern.

Präzisionswaffen und günstige Systeme

Bei anhaltenden Angriffen sollen Sensoren, autonome Waffensysteme und abgestimmte Einsätze verschiedener militärischer Bereiche verhindern, dass der Gegner die Initiative zurückgewinnt. Für diesen Zweck will Grynkewich Nachschubwege unterbrechen, Führungssysteme ausschalten und angreifende Verbände kampfunfähig machen.

Die Nato-Länder sollen dafür unter anderem in weitreichende Präzisionswaffen, Sensornetze und digitale Infrastruktur investieren. Vorgesehen sei eine Kombination aus leistungsfähigen Präzisionswaffen und großen Mengen günstigerer Systeme.

Grenze des Konzepts

Grynkewich grenzt den Anspruch ausdrücklich ein: Ziel sei nicht die strategische Niederlage des Gegners, sondern die militärische Niederlage jener Kräfte, die das Bündnis angreifen.

Polen befestigt unterdessen mit Unterstützung der Bundeswehr seine Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Hintergrund sind auch wiederholte russische Drohnenangriffe auf die Ukraine nahe der polnischen Grenze.

Der Nato-Oberbefehlshaber sagte, das Bündnis wisse, wie es im Ernstfall kämpfen werde, und sei bereit, noch in derselben Nacht den Kampf aufzunehmen.

Abschreckung durch sichtbare Planung

Grynkewichs Konzept verbindet militärische Verteidigung mit Abschreckung. Die Nato will einem möglichen Angreifer signalisieren, dass ein schneller Vorstoß keinen politischen oder militärischen Erfolg bringen würde. Entscheidend ist dabei die Fähigkeit, Informationen früh auszuwerten und Streitkräfte rechtzeitig zu verlegen.

Die drei englischen Begriffe beschreiben eine Eskalationslogik innerhalb der Verteidigung: Zunächst soll ein Angriff gestoppt, danach seine Wirkung gebrochen und schließlich die angreifende militärische Struktur ausgeschaltet werden. Damit rückt nicht nur die Zahl schwerer Waffen in den Mittelpunkt, sondern auch das Zusammenspiel von Land-, Luft- und Seestreitkräften, Weltraumaufklärung, Cyberfähigkeiten und unbemannten Systemen.

Ostflanke als praktischer Bezug

Polen steht exemplarisch für die sicherheitspolitische Bedeutung der östlichen Nato-Flanke. Die Nähe zu Belarus und zur russischen Exklave Kaliningrad, Drohnenvorfälle und Sorgen vor Sabotage erhöhen dort den Druck, Verteidigung nicht erst mit dem ersten Schuss beginnen zu lassen. Für die Bevölkerung bedeutet das zugleich, dass Schutz vor hybriden Bedrohungen, kritische Infrastruktur und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit wichtiger werden.

Die angekündigten Investitionen in Präzisionswaffen, Sensoren und digitale Vernetzung dürften deshalb langfristige Folgen für die Verteidigungshaushalte der Bündnisstaaten haben. Politisch relevant bleibt die von Grynkewich gesetzte Grenze: Ziel sei die militärische Niederlage angreifender Kräfte, nicht die strategische Niederlage des Gegners insgesamt.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

n-tv: „Ich habe einen Notfallrucksack gepackt“ (10.10.2026)

Der Bericht ordne die Bedrohung an der Nato-Ostflanke vor allem als Risiko durch Provokationen, Sabotage und Drohnenangriffe ein. Der befragte Politikwissenschaftler halte einen russischen Großangriff auf Polen weiterhin für wenig wahrscheinlich, betone aber, Polen müsse sich auch auf begrenzte militärische Angriffe und hybride Operationen vorbereiten.

Damit bestätige der Beitrag die sicherheitspolitische Ausgangslage des Nato-Konzepts, setze aber einen anderen Schwerpunkt: Während Grynkewich die militärische Operationsplanung erläutere, rücke der Bericht die gesellschaftliche Vorbereitung und den Umgang mit Unsicherheit in Polen in den Vordergrund.

Übergreifend werde deutlich, dass die Verteidigungsplanung sowohl konventionelle Angriffe als auch Sabotage, Cyberangriffe und Drohnen berücksichtigen müsse. Offen bleibe, wie schnell die Bündnisstaaten die dafür nötigen Fähigkeiten und großen Mengen an Systemen bereitstellen könnten.

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