KrÀftiger Rechtsruck bei Parlamentswahl in Portugal
11.03.2024 - 03:49:48 | dpa.de
Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Portugal haben die regierenden Sozialisten ihre absolute Mehrheit verloren und die Rechtspopulisten der Chega-Partei gewaltige Stimmengewinne erzielt. Nach der Abstimmung vom Sonntag deutete alles darauf hin, dass das konservative ParteienbĂŒndnis Demokratische Allianz (AD) die seit gut acht Jahren regierenden Sozialisten (PS) von der Macht verdrĂ€ngen wird. Fraglich ist jedoch, in welcher Konstellation - denn eine Koalitionsbildung dĂŒrfte angesichts der MehrheitsverhĂ€ltnisse sehr schwierig werden. Eine Regierungsbeteiligung der Rechtspopulisten hatten die GroĂparteien vor der Wahl ausgeschlossen.
Mit rund 29,5 Prozent lag die AD nach AuszĂ€hlung von mehr als 99 Prozent der Stimmen zwar nur knapp vor der PS, die demnach auf 28,7 Prozent kam. Allerdings beanspruchte Spitzenkandidat LuĂs Montenegro (51), ein studierter Jurist, schon in der Nacht zu Montag den Sieg fĂŒr sich. Der sozialistische Rivale Pedro Nuno Santos rĂ€umte seine Niederlage ein und kĂŒndigte den Gang in die Opposition an.
Rechte legen stark zu
Die erst 2019 vom frĂŒheren Fernseh-Sportkommentator AndrĂ© Ventura gegrĂŒndete Partei Chega (Es reicht) blieb drittstĂ€rkste Kraft, baute ihren Vorsprung vor den kleineren Parteien aber drastisch aus: Sie konnte ihren Stimmenanteil von rund sieben Prozent bei der vorherigen Abstimmung Anfang 2022 mehr als verdoppeln - auf gut 18 Prozent. In der «Assembleia da RepĂșblica» in Lissabon, die 230 Sitze hat, dĂŒrfte sie kĂŒnftig statt 12 mindestens 48 Abgeordnete stellen, also viermal so viele wie bisher. Die AD kam nach AuszĂ€hlung fast aller Stimmen auf mindestens 79 Sitze, die PS auf 77.
Manche Kritiker sehen bei Chega - bekanntester Wahlslogan: «Portugal sĂ€ubern» - die Grenze vom Populismus zum Rechtsextremismus lĂ€ngst ĂŒberschritten. Ventura und andere Parteivertreter punkteten im Wahlkampf mit Parolen gegen Einwanderer, machten diese fĂŒr eine angebliche Zunahme der KriminalitĂ€t verantwortlich und schimpften ĂŒber eine «korrupte Oligarchie» der etablierten Parteien.
Dabei hatte Portugal lange europaweit als «Bollwerk» gegen den in vielen LĂ€ndern zu beobachtenden Rechtsruck gegolten. Der Vorsitzende der SPD-Abgeordneten im EU-Parlament, Jens Geier, warnte vor einer Zusammenarbeit mit den Rechtspopulisten: Chega sei «eine Ein-Mann-Partei ohne richtiges Programm, die gegen Minderheiten hetzt». Und eine der gröĂten Gefahren fĂŒr die Zukunft der EU sei, dass Demokraten ausgewiesenen Demokratiefeinden zur Macht verhelfen.
Brandmauer gegen rechts
Nach jetzigem Stand dĂŒrfte eine Regierungsbeteiligung von Chega ausgeschlossen sein, wenn den Beteuerungen der Spitzenkandidaten Montenegro und Nuno Santos zu glauben ist. Beide hatten vor der Wahl versichert, sie wĂŒrden auf keinen Fall mit den Rechtspopulisten ĂŒber eine Zusammenarbeit verhandeln. In Portugal gibt es - Ă€hnlich wie in Deutschland gegenĂŒber der AfD - weiterhin eine sogenannte Brandmauer nach rechts.
Ebendarum droht dem Land nun aber eine schwierige Regierungsbildung - und womöglich sogar Unregierbarkeit. Denn auch mit UnterstĂŒtzung kleinerer Parteien wird die AD bestenfalls eine schwache Minderheitsregierung bilden können, die von Staatsoberhaupt Marcelo Rebelo de Sousa und auch vom Parlament abgesegnet werden mĂŒsste. Eine «GroĂe Koalition» gilt in Portugal als ausgeschlossen. Ăhnlich wie im Nachbarland Spanien trennen die beiden Hauptparteien faktisch unĂŒberwindbare Differenzen. Nicht wenige Beobachter gehen vor diesem Hintergrund von baldigen Neuwahlen aus.
Wahlkampf war von Wohnungsnot und hoher Inflation geprÀgt
FĂŒr die PS, die 2022 noch auf 41 Prozent der Stimmen gekommen war, ist der Wahlausgang ein politisches Desaster. Bisher hielten die Sozialisten aufgrund des komplizierten Systems zur Verteilung der Mandate 120 der 230 Sitze im Parlament. Doch gleich mehrere Korruptionsskandale - unter anderem bei der staatlichen Fluggesellschaft TAP und der Förderung von Lithium- und Wasserstoff-Projekten - setzten der sozialistischen Erfolgsgeschichte in Portugal ein Ende. PrĂ€sident Rebelo de Sousa rief im November letztlich Neuwahlen aus, nachdem der sozialistische MinisterprĂ€sident AntĂłnio Costa unter dem Eindruck der AffĂ€ren zurĂŒckgetreten war. Costa ist seither geschĂ€ftsfĂŒhrend im Amt.
Der aktuelle Wahlkampf war neben den Korruptionsskandalen von sozialen und wirtschaftlichen Problemen wie Wohnungsnot und hoher Inflation geprĂ€gt, die das Niedriglohnland besonders hart treffen - und Experten zufolge auch den NĂ€hrboden fĂŒr den politischen Rechtsruck boten.
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