Spanien, Ermittlungen

Spanien: Ermittlungen gegen SĂĄnchez' Ehefrau eingestellt

25.04.2024 - 14:43:17 | dpa.de

Regierungschef Pedro SĂĄnchez enthĂŒllt RĂŒcktrittsgedanken, die ganz Spanien in Aufruhr versetzen. RĂŒckzug? Oder doch Schachzug? Das ewige «StehaufmĂ€nnchen» ist immer fĂŒr eine Überraschung gut.

Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez zusammen mit seiner Ehefrau Begona Gomez beim Gipfeltreffen der EuropÀischen Politischen Gemeinschaft in der Alhambra in Granada. - Foto: Álex Cåmara/EUROPA PRESS/dpa
Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez zusammen mit seiner Ehefrau Begona Gomez beim Gipfeltreffen der EuropÀischen Politischen Gemeinschaft in der Alhambra in Granada. - Foto: Álex Cåmara/EUROPA PRESS/dpa

Umstrittene AktivitĂ€ten der Ehefrau von MinisterprĂ€sident Pedro SĂĄnchez haben Spanien in große Ungewissheit gestĂŒrzt. Nach einer Korruptionsanzeige gegen seine Gattin Begoña GĂłmez verkĂŒndete SĂĄnchez, er erwĂ€ge einen RĂŒcktritt. Am Montag wolle er seine Entscheidung bekanntgeben, teilte der 52-JĂ€hrige gestern Abend mit. Der sozialistische Politiker, der die viertgrĂ¶ĂŸte Volkswirtschaft der EU schon seit fast sechs Jahren regiert und in dieser Zeit viele Krisen ĂŒberstand, beklagte eine Schlammschlacht.

Auf der Nachrichtenplattform X, vormals Twitter, gab SĂĄnchez die Absage aller kommenden Termine bekannt, um darĂŒber nachzudenken, ob es sich «lohnt, trotz des Sumpfes, in dem die Rechten und Rechtsextremen versuchen, Politik zu machen. Ob ich weiter an der Spitze der Regierung stehen oder von dieser hohen Ehre zurĂŒcktreten soll».

Damit löste der Regierungschef eine Welle der Spekulationen aus. Wird der Mann, der als politischer ÜberlebenskĂŒnstler, als «StehaufmĂ€nnchen» gilt und heftigste WiderstĂ€nde außerhalb und auch innerhalb der eigenen Partei zu ĂŒberwinden wusste, nun ausgerechnet ĂŒber die eigene Ehefrau stolpern? Der staatliche Fernseh-Sender RTVE sprach von einem «Erdbeben».

Mögliche Szenarien

Folgende Szenarien sind möglich: Sollte SĂĄnchez tatsĂ€chlich am Montag ohne Weiteres zurĂŒcktreten, mĂŒsste König Felipe VI. Konsultationen mit den Parteichefs zur Ernennung eines neuen Kandidaten auf den Posten des Regierungschefs aufnehmen, der anschließend vom Parlament akzeptiert werden mĂŒsste. Dies wĂŒrde viel Zeit in Anspruch nehmen und das Land in einer komplizierten Zeit unter anderem mit den anstehenden Katalonien- und Europawahlen am 12. Mai und 9. Juni in den Pausenmodus versetzen.

Bis zur Wahl eines neuen Regierungschefs wĂŒrde das Land von einer geschĂ€ftsfĂŒhrenden Regierung geleitet werden, deren Befugnisse stark eingeschrĂ€nkt sein wĂŒrden. Doch die meisten Analysten glauben nicht an einen RĂŒckzug des gewieften Taktikers. «Das Werfen des Handtuchs passt nicht zu SĂĄnchez», hieß es unisono in einer RTVE-Talkrunde. Er werde auch fĂŒr den Trostpreis eines hohen Postens in BrĂŒssel kaum aufgeben.

Die Analysten stimmen aber auch nahezu alle darin ĂŒberein, dass SĂĄnchez am Montag nach seinem Aufsehen erregenden «Brief an die Öffentlichkeit» auch nicht ohne Weiteres zur Tagesordnung werde ĂŒbergehen können. Am wahrscheinlichsten sei, dass er dem Parlament die Vertrauensfrage stelle, schrieb unter anderem die Zeitung «La Vanguardia». «Selbst die schĂ€rfsten Kritiker rĂ€umen seine große strategische FĂ€higkeit ein, Kaninchen aus dem Hut zu zaubern und immer wieder aufzuerstehen, als er schon tot und begraben war.»

Und eine Neuwahl? Möglich, wĂ€re ja nicht das erste Mal. Der Sozialist war zuletzt nach den Regionalwahlen von Mai 2023 politisch totgesagt worden, als seine Partei PSOE und die gesamte Linke eine schlimme Pleite erlitten. Nur einen Tag nach dem Desaster zog der MinisterprĂ€sident die eigentlich fĂŒrs Jahresende geplante Wahl vor - und hatte mit dem Schachzug Erfolg. Den Trick darf SĂĄnchez gemĂ€ĂŸ Verfassung erst nach Ablauf eines Jahres wiederholen, also Einberufung am 29. Mai und Wahl Ende Juli - mitten im Sommer.

In ersten Reaktionen schlossen auch Politiker der konservativen Volkspartei PP einen RĂŒcktritt des Regierungschefs aus. Es handele sich um eine neue Show, die SĂĄnchez abziehe, sagte SenatsvizeprĂ€sident Javier Maroto. SĂĄnchez wolle um jeden Preis an der Macht bleiben. «Er ist immer der Gute, alle anderen sind böse.» Von SĂĄnchez' Sozialistischer Partei (PSOE) und aus dem Ausland kamen derweil schnell viele SolidaritĂ€tsbekundungen.

First Lady im Blick und am Pranger

Neben Sånchez steht aber diesmal auch Begoña Gómez im Blick. Die First Lady versuchte sich stets dezent im Hintergrund zu halten, wurde aber in den sozialen Netzwerken immer wieder attackiert und von der Opposition der dunklen GeschÀfte bezichtigt. Nun wurde sie von der Organisation «Manos Limpias» (Saubere HÀnde) bei einem Gericht in Madrid wegen Einflussnahme und Korruption in der Wirtschaft angezeigt.

Der 49-jĂ€hrigen Marketingexpertin, die mit SĂĄnchez zwei Töchter hat, wird vorgeworfen, ihre Position als First Lady geschĂ€ftlich ausgenutzt zu haben. Sie soll etwa Unternehmer fĂŒr öffentliche AuftrĂ€ge empfohlen haben. Und enge Kontakte zur Fluggesellschaft Air Europa unterhalten haben, die in der Pandemie mit Steuergeldern vor dem Bankrott gerettet wurde.

Umstrittene Organisation «Saubere HÀnde»

Die Anzeige ist derweil umstritten. «Manos Limpias» ist eine private Gruppe, die sich seit Jahren fĂŒr rechtsgerichtete Anliegen einsetzt und unter anderem den Rechtspopulisten von Vox nahesteht. Heute beantragte die Staatsanwaltschaft beim zustĂ€ndigen Gericht in Madrid die Einstellung der Vorermittlungen. Sie sah es wohl genauso wie RTVE-Starmoderatorin Silvia Intxaurrondo. Sie und auch andere Medien-Beobachter und SĂĄnchez nahestehende Politiker stellten fest, die Anzeige basiere auf Berichten, die sich inzwischen zum Teil als falsch erwiesen hĂ€tten und teils von den verbreitenden Medien zurĂŒckgezogen worden seien. Über ein förmliches Ermittlungsverfahren entscheidet aber nur der Richter.

Intxaurrondo erinnerte daran, der linke Regierungschef AntĂłnio Costa sei in Portugal erst Ende 2023 ĂŒber eine Justizermittlung gegen ihn gestĂŒrzt, die sich jetzt als haltlos erwiesen habe. Das Nachbarland wird nach einer Neuwahl von einer schwachen konservativen Regierung angefĂŒhrt. Auch mit Blick ĂŒber die Grenzen forderte die spanische Zeitung «El PaĂ­s» eine «ethische Erneuerung des öffentlichen Diskurses» sowie von Justiz und Medien.

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