Serbien: Studentenliste gewinnt Wahl mit 52 Prozent
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 07:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSerbiens neue Parlamentsmehrheit
- Die Studentenliste erhielt laut Cesid-Prognose gut 52 Prozent und 139 der 250 Sitze.
- Vucics SNS kam auf gut 39 Prozent und soll 104 Mandate erhalten.
- Sieben weitere Sitze entfielen auf Kleinparteien ethnischer Minderheiten.
Studentenliste gewinnt Serbiens Parlamentswahl
Die neue oppositionelle Studentenliste hat die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien überraschend klar gewonnen. Aleksandar Vucic räumte seine Niederlage ein, womit das Land vor einem Machtwechsel steht.
Absolute Mehrheit laut Prognose
Die Abstimmung galt als Referendum über die Führung des Landes unter Vucic und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS). Nach einer Prognose der Wahlforschungsgruppe Cesid kam die Studentenliste auf gut 52 Prozent und damit auf 139 der 250 Parlamentsmandate.
Vucics SNS erreichte demnach gut 39 Prozent und 104 Sitze. Sieben Mandate entfielen auf Kleinparteien ethnischer Minderheiten; die Wahlbeteiligung lag laut Prognose bei fast 70 Prozent.
Jubel in Belgrad und anderen Städten
Nach Bekanntwerden der Ergebnisse feierten Menschen in zahlreichen Städten. In Belgrad fuhren Autokorsos hupend durch die Straßen, während auf dem Slavija-Platz Zehntausende zusammenkamen.
Bewegung entstand nach Unglück
Die Studentenbewegung war nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 entstanden. Bei dem Unglück starben 16 Menschen; die folgenden Proteste richteten sich gegen Korruption und Misswirtschaft und mobilisierten breite Teile der Bevölkerung.
Die Liste tritt mit einem Elf-Punkte-Programm an, das die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und Kriminalität vorsieht. Auf ihr stehen vor allem Lehrkräfte, Ärzte und Künstler; die Bewegung verzichtet auf klassische Führungsgremien und entscheidet basisdemokratisch.
Regierungschef noch nicht bestimmt
Obwohl der Kardiologe Ilija Srdanovic die Liste anführte, ist er nicht automatisch Anwärter auf das Ministerpräsidentenamt. Die Bewegung hat sich in dieser Personalfrage bislang nicht festgelegt.
Vucic war Ende September vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten, um bei einem Wahlsieg seiner Partei Regierungschef zu werden. Nach 14 Jahren an der politischen Spitze bleibt ihm nun die Rolle des Oppositionsführers.
Serbiens Verhältnis zur EU steht vor einer Prüfung
Serbien ist seit 2012 EU-Beitrittskandidat und verhandelt seit 2014 über den Beitritt. Der Prozess stagnierte zuletzt unter anderem wegen Kritik am Abbau demokratischer Standards, an Einschränkungen der Medienfreiheit und an Serbiens engen Beziehungen zu Moskau.
Die EU-Spitze stellte der Studentenliste Unterstützung bei Reformen in Aussicht. Im Mittelpunkt stehen Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und die Stärkung demokratischer Institutionen.
Der Wahlsieg der Studentenliste markiert für Serbien einen tiefen politischen Einschnitt. Die Bewegung entstand aus Protesten gegen den Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024, bei dem 16 Menschen starben. Aus der zunächst studentisch geprägten Mobilisierung entwickelte sich eine breitere gesellschaftliche Opposition, die Rechtsstaatlichkeit, freie Medien und die Aufarbeitung von Korruption verlangt.
Entscheidend ist nun, ob die basisdemokratisch organisierte Liste ihre parlamentarische Mehrheit in eine handlungsfähige Regierung übersetzen kann. Dass die Frage des Ministerpräsidentenamts offenbleibt, verweist auf die ungewöhnliche Struktur der Bewegung: Sie trat nicht als klassische Partei mit festem Spitzenpersonal an. Zugleich muss sie unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenhalten und Erwartungen an schnelle institutionelle Veränderungen erfüllen.
Europapolitische Folgen
Für die Europäische Union eröffnet der Machtwechsel eine neue Möglichkeit, den seit Jahren stockenden Beitrittsprozess wieder stärker an Reformen zu knüpfen. Im Mittelpunkt stehen unabhängige Gerichte, Medienfreiheit und die Bekämpfung von Korruption. Außenpolitisch bleibt offen, wie deutlich eine neue Regierung Serbiens bisherige Nähe zu Russland und China korrigieren und den Kurs gegenüber der EU verändern wird.
Für die Bevölkerung wird sich der politische Erfolg daran messen, ob sich staatliche Institutionen tatsächlich unabhängiger zeigen und Missstände aufgearbeitet werden. Der hohe Stimmenanteil der Studentenliste schafft dafür ein starkes Mandat, ersetzt aber nicht die schwierige Regierungsbildung und die praktische Umsetzung ihres Elf-Punkte-Programms.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Deutschlandfunk: „Parlamentswahl - Serbien steht vor einem Machtwechsel - Vucic räumt Niederlage ein“ (26.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den Sieg der Studentenliste und die absolute Mehrheit mit mehr als 51 Prozent. Anders als die dpa-Meldung konzentriert er sich auf Vucics Eingeständnis der Niederlage und die Feierlichkeiten; die konkrete Mandatsverteilung und die offene Regierungsbildung stehen weniger im Mittelpunkt.
ZDFheute: „Wahl in Serbien: Hohe Beteiligung könnte Studentenliste stärken“ (25.10.2026)
Der Beitrag ordnet die Wahl vor der Abstimmung als Richtungsentscheidung nach fast zwei Jahren Protesten ein. Er hebt die ungewöhnlich hohe Beteiligung, Vorwürfe von Stimmenkauf und Einschüchterung sowie die Forderungen nach unabhängiger Justiz und freien Medien hervor; die spätere dpa-Meldung beschreibt dagegen bereits den klaren Wahlausgang.
Übereinstimmung besteht beim Erfolg der Studentenliste und der Bedeutung der Protestbewegung. Unterschiede liegen vor allem im Zeitpunkt und Schwerpunkt: Während der Deutschlandfunk den Machtwechsel bilanziert, beleuchtet ZDFheute die Ausgangslage und die Wahlbedingungen. Offen bleibt, wer die künftige Regierung führen wird und welchen außenpolitischen Kurs sie einschlägt.
