Serbien, Studentenliste

Serbien: Studentenliste gewinnt Wahl mit 53 Prozent

Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 13:42 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die oppositionelle Studentenliste erringt nach vorläufigen Angaben die absolute Mehrheit und drängt die SNS von Aleksandar Vucic in die Opposition. Wer die künftige Regierung führen soll, ist noch offen.

Mandate und Regierungsbildung in Belgrad

  • Die Wahlkommission meldete zunächst gut 53 Prozent für die Studentenliste und gut 39 Prozent für Vucics SNS.
  • Eine Projektion sah 139 von 250 Sitzen für die Studentenliste und 104 Mandate für die SNS vor.
  • Das amtliche Endergebnis soll erst nach Anfechtungen und möglichen lokalen Wiederholungen verkündet werden.
  • Auf dem Belgrader Slavija-Platz feierten die Menschen Vucics Wahlniederlage. - Bild: Armin Durgut/AP/dpa
  • Die Freude vieler Serben über den Machtwechsel in Belgrad ist riesengroß. - Bild: Petr David Josek/AP/dpa
  • Der angesehene Kardiologe Ilija Srdanovic führte die Studentenliste zum Sieg. - Bild: Petr David Josek/AP/dpa
  • Nach 14 Jahren an der Macht gestand Aleksandar Vucic seine Niederlage ein. - Bild: Darko Vojinovic/AP/dpa
  • Der Machtwechsel in Ungarn hat die Protestbewegung in Serbien zusätzlich inspiriert. (Archivbild) - Bild: Darko Bandic/AP/dpa
Auf dem Belgrader Slavija-Platz feierten die Menschen Vucics Wahlniederlage.  - Bild: Armin Durgut/AP/dpa Die Freude vieler Serben über den Machtwechsel in Belgrad ist riesengroß.  - Bild: Petr David Josek/AP/dpa Der angesehene Kardiologe Ilija Srdanovic führte die Studentenliste zum Sieg. - Bild: Petr David Josek/AP/dpa Nach 14 Jahren an der Macht gestand Aleksandar Vucic seine Niederlage ein.  - Bild: Darko Vojinovic/AP/dpa Der Machtwechsel in Ungarn hat die Protestbewegung in Serbien zusätzlich inspiriert. (Archivbild)  - Bild: Darko Bandic/AP/dpa

Studentenliste gewinnt Wahl in Serbien

Die neue oppositionelle Studentenliste hat die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien überraschend klar gewonnen. Langzeitmachthaber Aleksandar Vucic räumte seine Niederlage ein, während die Frage nach dem künftigen Regierungschef offenblieb.

Absolute Mehrheit für oppositionelle Bewegung

Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission holte die Studentenliste gut 53 Prozent der Stimmen und damit die absolute Mehrheit. Vucics Serbische Fortschrittspartei SNS kam auf gut 39 Prozent.

Die Wahlbeteiligung erreichte 69 Prozent. Eine Projektion des Wahlforschungsinstituts Cesid sah 139 der 250 Parlamentsmandate für die Studentenliste und 104 für die SNS; sieben Sitze entfielen auf Kleinparteien ethnischer Minderheiten.

Endergebnis steht noch aus

Die Wahlkommission machte zunächst keine Angaben zur endgültigen Mandatsverteilung. Das Endergebnis soll erst verkündet werden, wenn Anfechtungen und mögliche lokale Wahlwiederholungen abgeschlossen sind.

Bewegung entstand nach Unglück

Die Studentenbewegung war nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 entstanden. Bei dem Unglück starben 16 Menschen; Kritiker machten Korruption und Schlamperei der Regierung für die Katastrophe verantwortlich.

Die Studentenliste verzichtet auf klassische Führungsgremien. Ihre Entscheidungen trifft die Bewegung in basisdemokratischen Versammlungen, den sogenannten Plena, und ihre Kandidaten wurden dort einzeln bestätigt.

Rechtsstaat und Korruptionsbekämpfung

Auf der Liste stehen vor allem Lehrkräfte, Ärzte und Künstler, aber nahezu keine Studierenden. Ihr elf Punkte umfassendes Programm verspricht die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und Kriminalität.

Nach Bekanntwerden der Ergebnisse feierten Zehntausende Menschen in Belgrad und anderen Städten. Autokorsos fuhren hupend durch die Hauptstadt, auf dem Slavija-Platz versammelten sich zahlreiche Anhänger.

Vucic verliert politische Vorherrschaft

Vucic bestimmte die serbische Politik seit 2012 in wechselnden Funktionen. Ende September war er vom Amt des Staatspräsidenten zurückgetreten, um im Fall eines Sieges seiner Partei Regierungschef werden zu können.

In der Wahlnacht sagte er in Belgrad: „Es ist klar, wir haben verloren.“ Zugleich behauptete er ohne vorgelegte Beweise, die Studentenliste habe mit Unterstützung europäischer Länder gewonnen.

Außenpolitischer Kurs bleibt offen

Serbien ist seit 2012 EU-Beitrittskandidat und verhandelt seit 2014 über den Beitritt. Der Prozess stagnierte zuletzt unter anderem wegen des Rückbaus demokratischer Standards und der engen Beziehungen Vucics zu Moskau.

Serbien übernahm als einziges europäisches Land außer Belarus nicht die EU-Sanktionen gegen Russland. Die Studentenbewegung äußerte sich zu ihrem außenpolitischen Kurs bislang kaum und will zunächst Rechtsstaatlichkeit und freie Medien wiederherstellen.

EU stellt Zusammenarbeit in Aussicht

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa gratulierten der Studentenliste. Sie erklärten, die EU sei bereit, Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und demokratischen Institutionen zu unterstützen.

Auch der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar gratulierte. Sein Wahlsieg im April hatte nach Darstellung der dpa die serbische Protestbewegung inspiriert.

Der Wahlsieg der Studentenliste beendet nach der dpa-Meldung eine 14 Jahre währende politische Dominanz Aleksandar Vucics. Entscheidend ist dabei nicht nur der Wechsel an der Regierungsspitze, sondern auch die Form, in der die neue Kraft entstanden ist: Die Bewegung verzichtet auf klassische Führungsgremien und legitimiert ihre Kandidatinnen und Kandidaten in basisdemokratischen Plena.

Ihr Erfolg wurzelt in den Protesten nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024. Das Unglück mit 16 Toten wurde zum Symbol für den von der Bewegung beklagten Zusammenhang von Korruption, politischer Einflussnahme und mangelnder Kontrolle. Dass die Proteste breite Bevölkerungsschichten erreichten, erklärt die hohe Wahlbeteiligung von 69 Prozent und die klare Mehrheit der Liste.

Regierungsbildung bleibt zentrale Aufgabe

Mit dem Wahlsieg ist der Machtwechsel politisch eingeleitet, organisatorisch aber noch nicht abgeschlossen. Die Bewegung muss entscheiden, wer Regierungschef werden soll, wie sie ihre heterogene Unterstützerbasis zusammenhält und wie sie den angekündigten Kampf für Rechtsstaatlichkeit, freie Medien und Korruptionsbekämpfung umsetzt.

Außenpolitisch steht Serbien vor einer besonders anspruchsvollen Weichenstellung. Der EU-Beitrittsprozess stockte zuletzt, während Belgrad an engen Beziehungen zu Russland und China festhielt. Eine neue Regierung müsste daher zugleich demokratische Reformen im Inneren voranbringen und Serbiens Verhältnis zur EU, zu Moskau und zu seinen Nachbarn neu ordnen.

Europäische Perspektive unter Beobachtung

Für die Bevölkerung dürften zunächst konkrete Fragen im Vordergrund stehen: Werden Verantwortliche für Korruption und das Unglück in Novi Sad zur Rechenschaft gezogen, verbessern sich staatliche Leistungen und endet der Druck auf Kritiker? Der angekündigte Neuanfang wird daran gemessen werden, ob aus dem Protestbündnis eine belastbare Regierungsstruktur und aus dem Wahlergebnis dauerhafte institutionelle Veränderung entsteht.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

Euronews: „Serbiens Machtpolitiker unterliegt: Studentenbewegung siegt“ (26.10.2026)

Der Beitrag bestätige den Sieg der Studentenbewegung und stelle die erwartete Sitzverteilung in den Mittelpunkt. Im Unterschied zur dpa-Meldung nenne er nach derzeitigem Stand mindestens 135 Sitze für die Liste und rund 105 Mandate für die SNS; die endgültige Verteilung bleibe abzuwarten.

Deutschlandfunk: „Parlamentswahl - Serbien steht vor einem Machtwechsel - Vucic räumt Niederlage ein“ (26.10.2026)

Der Deutschlandfunk bestätige die absolute Mehrheit der Studentenliste mit Ilija Srdanovic an der Spitze. Der Schwerpunkt liege stärker auf dem bevorstehenden Machtwechsel und der noch offenen Frage, wer die Regierung führen werde.

Übergreifend bestehe Einigkeit über den Wahlsieg der oppositionellen Liste und Vucics Eingeständnis der Niederlage. Unterschiede gebe es vor allem bei vorläufigen Sitzprognosen und der Gewichtung von Regierungsbildung, demokratischen Reformen und europäischer Perspektive.

Disclaimer...
de | ausland | 70414682 |