Aleksandar Vucic, Serbien

Serbien: Vucic tritt als PrĂ€sident zurĂŒck und will MinisterprĂ€sident werden

Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 21:12 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Serbiens PrĂ€sident Aleksandar Vucic ist zurĂŒckgetreten und will bei der vorgezogenen Parlamentswahl als Spitzenkandidat seiner Partei antreten. Nach einem Wahlsieg strebt er das Amt des MinisterprĂ€sidenten an; kommissarisch ĂŒbernimmt Ana Brnabic das PrĂ€sidentenamt.

Serbiens StaatsprĂ€sident Aleksandar Vucic ist zurĂŒckgetreten, um als Spitzendkandidat seiner Fortschrittspartei bei der vorgezogenen Parlamentswahl vom 25. Oktober antreten zu können. - Bild: Darko Vojinovic/AP/dpa
Serbiens StaatsprĂ€sident Aleksandar Vucic ist zurĂŒckgetreten, um als Spitzendkandidat seiner Fortschrittspartei bei der vorgezogenen Parlamentswahl vom 25. Oktober antreten zu können. - Bild: Darko Vojinovic/AP/dpa

Serbiens PrĂ€sident Aleksandar Vucic ist zurĂŒckgetreten, um bei der vorgezogenen Parlamentswahl am 25. Oktober als Spitzenkandidat seiner Fortschrittspartei fĂŒr das Amt des MinisterprĂ€sidenten anzutreten.

PrÀsidentenwahl binnen drei Monaten

„Heute ist der Tag, an dem ich zurĂŒcktrete“, sagte Vucic in einer Ansprache im staatlichen Fernsehsender RTS. Ein Termin fĂŒr die Neuwahl des PrĂ€sidenten wurde zunĂ€chst nicht genannt; laut Verfassung muss sie spĂ€testens innerhalb von drei Monaten stattfinden.

49 Menschen begnadigt

Als letzte Amtshandlung habe er 49 Menschen begnadigt oder deren Strafverfolgung einstellen lassen, erklÀrte Vucic. Unter ihnen seien 23 Menschen, die im Zusammenhang mit den oppositionellen Studentenprotesten ins Visier der Justiz geraten seien.

Wechsel an die Regierungsspitze

Vucic will im Falle eines Wahlsiegs MinisterprĂ€sident werden. Das PrĂ€sidentenamt ĂŒbernimmt zunĂ€chst kommissarisch die ParlamentsprĂ€sidentin Ana Brnabic, eine politische Mitstreiterin des 56-JĂ€hrigen.

Experten sehen in dem Schritt eine Möglichkeit zur weiteren Konsolidierung seiner Macht. Vucics zweite Amtszeit als Staatschef hÀtte im kommenden Jahr geendet; nach zwei Mandaten darf er nicht erneut kandidieren.

Druck nach Bahnhofseinsturz

Seit dem Einsturz des Vordachs eines Bahnhofs in Novi Sad am 1. November 2024 steht Vucic innenpolitisch unter erheblichem Druck. Bei dem UnglĂŒck starben 16 Menschen. Die ĂŒberwiegend von Studenten getragene Protestbewegung macht Korruption und Behördenversagen fĂŒr die Katastrophe verantwortlich und fordert den RĂŒcktritt des PrĂ€sidenten.

Erneute vorgezogene Wahl

Anfang September hatte Vucic die Volksvertretung aufgelöst und die vorgezogene Parlamentswahl angesetzt. Die regulÀren Wahlen finden in Serbien alle vier Jahre statt; auch die Wahlen im Dezember 2023 und April 2022 waren vorgezogen worden.

Zwischen EU, USA und Russland

Außenpolitisch bewegt sich Vucic zwischen der EU, den USA und Russland. Nach eigenen Angaben sprach er zuletzt mit Kremlchef Wladimir Putin ĂŒber eine Fortsetzung der gĂŒnstigen russischen Gaslieferungen. Zugleich vereinbarte er im August eine Kooperation mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj bei dessen Besuch in Belgrad.

Mehrere EU-Vertreter kritisierten Serbiens Regierung zudem wegen der Förderung einer Verherrlichung des in Den Haag gestorbenen und verurteilten bosnisch-serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic. Vucic war von 1998 bis 2000 Informationsminister unter dem damaligen jugoslawischen PrÀsidenten Slobodan Milosevic, von 2012 bis 2013 Verteidigungsminister und von 2014 bis 2017 MinisterprÀsident. 2017 wurde er erstmals zum PrÀsidenten gewÀhlt, sein zweites Mandat begann 2022.

Machtwechsel ohne Machtverlust

Der RĂŒcktritt verschiebt Serbiens politisches Zentrum formal vom PrĂ€sidentenamt in die Regierung. Vucic darf nach zwei Amtszeiten nicht erneut fĂŒr das PrĂ€sidentenamt kandidieren; als möglicher Spitzenkandidat seiner Fortschrittspartei könnte er nach einem Wahlsieg jedoch weiterhin die entscheidende politische Figur bleiben.

Die vorgezogene Parlamentswahl am 25. Oktober erhĂ€lt damit eine besondere Bedeutung. Sie entscheidet nicht nur ĂŒber die nĂ€chste Regierung, sondern auch darĂŒber, ob Vucic seinen Wechsel an die Spitze des Kabinetts politisch durchsetzen kann. Die kommissarische AmtsĂŒbernahme durch ParlamentsprĂ€sidentin Ana Brnabic soll die staatliche KontinuitĂ€t bis zur Neuwahl des PrĂ€sidenten sichern.

Proteste als Belastungsprobe

Innenpolitisch steht der Schritt im Schatten der Studentenproteste, die nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad mit 16 Todesopfern entstanden. Die Demonstranten verbinden das UnglĂŒck mit VorwĂŒrfen von Korruption und Behördenversagen und fordern politische Verantwortung. Die Begnadigung von 49 Menschen, darunter 23 Personen aus dem Umfeld der Proteste, kann deshalb als Versuch verstanden werden, den Konflikt vor dem Wahlkampf zu entschĂ€rfen.

Außenpolitischer Balanceakt

FĂŒr die EU bleibt Serbien ein wichtiger, zugleich schwieriger Partner auf dem Westbalkan. Belgrad hĂ€lt am EU-Kandidatenstatus fest, pflegt aber enge Energiebeziehungen zu Russland und sucht zugleich Kooperationen mit der Ukraine und westlichen Staaten. Ein Regierungschef Vucic dĂŒrfte diese Balance fortfĂŒhren; fĂŒr die EU werden deshalb Rechtsstaatlichkeit, Wahlbedingungen und der Umgang mit der Protestbewegung zentrale PrĂŒfsteine bleiben.

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