So wirkt sich die Israel-Wahl auf Konflikte der Region aus
Veröffentlicht am: 28.08.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIn Israel beginnt vor der Parlamentswahl am 27. Oktober die heiĂe Phase des Wahlkampfs. Laut Umfragen könnte es sowohl fĂŒr das Lager des amtierenden MinisterprĂ€sidenten Benjamin Netanjahu als auch fĂŒr die Opposition schwierig werden, eine Mehrheit zu sichern. Im Land gibt es deshalb bereits scharfe Auseinandersetzungen. Doch der Wahlkampf wirkt sich auch darĂŒber hinaus auf Konflikte in der Region aus. Ein Ăberblick:
Gewalt im Westjordanland nimmt zu
Rechtsextreme Regierungsmitglieder wie Polizeiminister Itamar Ben-Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich streben schon lange eine Annexion des von Israel besetzten Westjordanlands an. Beobachter sehen vor der Wahl die Gefahr, dass einige Akteure eine Eskalation der Lage in dem PalĂ€stinensergebiet wollen, um diesem Ziel nĂ€herzukommen. «Denn sollte eine neue Regierung gewĂ€hlt werden, ist es unwahrscheinlich, dass radikale Siedler weiter so unterstĂŒtzt werden wie aktuell», sagt die Politik-Dozentin an der UniversitĂ€t Bar Ilan bei Tel Aviv, Ilana Shpaizman.
Laut Shpaizman fĂŒhlen sich israelische GewalttĂ€ter im besetzten Westjordanland derzeit geradezu immun. Kritiker werfen dem israelischen MilitĂ€r vor, nicht entschlossen genug gegen Siedlergewalt vorzugehen. Der frĂŒhere Leiter der Abteilung fĂŒr palĂ€stinensische Angelegenheiten bei Israels MilitĂ€rgeheimdienst, Michael Milshtein, geht davon aus, dass Israels SicherheitskrĂ€ften vermittelt wurde, in diesen FĂ€llen nichts zu unternehmen. Er fĂŒrchtet, dass bewaffnete Auseinandersetzungen und «der Siedlerterror» mit dem NĂ€herrĂŒcken der Wahl zunehmen werden.Â
Israel hatte im Sechstagekrieg 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute inmitten von drei Millionen PalĂ€stinensern mehr als 700.000 israelische Siedler.Â
Aktuell treibt Netanjahus rechtsreligiöse Regierung trotz internationaler Kritik Siedlungsprojekte wie die umstrittene Bebauung des sogenannten E1-Gebiets zwischen Ost-Jerusalem und der Siedlung Maale Adumim voran. Dadurch wĂŒrde das Westjordanland faktisch in einen nördlichen und einen sĂŒdlichen Teil aufgespalten. Die Schaffung eines zusammenhĂ€ngenden palĂ€stinensischen Territoriums und damit die Verwirklichung einer kĂŒnftigen Zweistaatenlösung wĂŒrde damit womöglich unmöglich gemacht.Â
Die israelische Organisation Peace Now kritisierte jĂŒngst, die Regierung versuche vor der Wahl VertrĂ€ge mit Bauunternehmen zu schlieĂen, um es einer kĂŒnftigen Regierung schwerzumachen, das Siedlungsprojekt zu stoppen.Â
Gadi Eisenkot, der nach Meinungsumfragen stĂ€rkste Rivale Netanjahus bei der anstehenden Wahl, sprach sich zuletzt gegen das Vorhaben und Siedlergewalt, aber auch gegen eine Zweistaatenlösung aus. Expertin Schpaizman geht dennoch davon aus, dass eine neue Regierung zumindest die Anarchie im Westjordanland beenden wĂŒrde.
Stillstand bei Gaza-Plan
Im Gazastreifen leben die Menschen trotz Waffenruhe weiterhin unter prekĂ€ren humanitĂ€ren Bedingungen. Zuletzt hat Israel seine Luftangriffe in dem Gebiet verstĂ€rkt und dabei laut Armee gezielt Kommandeure der Terrororganisation Hamas getötet. Ein kĂŒrzlich vom Gaza-Friedensrat bekanntgegebener Gaza-Plan kommt nicht voran.Â
Vorgesehen ist darin unter anderem, dass die Hamas ihre Waffen abgibt und beide Seiten ihre Kampfhandlungen einstellen. Die Hamas hat dem zugestimmt, Netanjahu lehnt den Plan ab. Die israelische Zeitung «Maariv» schreibt, das Nein des israelischen Regierungschefs sei Wahlkampftaktik und auch die US-Regierung habe dies erkannt.Â
Israel kritisiert an dem von den USA unterstĂŒtzten Plan unter anderem, dass die Waffen der Hamas eingelagert und unter palĂ€stinensischer Kontrolle bleiben sollen. Das Land fordert stattdessen eine komplette Entfernung der Waffen aus dem KĂŒstenstreifen, damit sich die Hamas nicht wieder Zugang zu ihnen verschaffen kann.
Expertin Schpaizman geht mit Blick auf den Gaza-Plan nicht von einem baldigen Durchbruch aus: «ZugestĂ€ndnisse an die andere Seite werden als SchwĂ€che gesehen, deshalb wird sich vor der Wahl nichts tun.» Auch Milshtein rechnet vor der Wahl nicht mit Fortschritten in der Angelegenheit.Â
Spannungen mit der TĂŒrkei
In Israel gibt es sogar Spekulationen, Netanjahu könne im Gazastreifen eine neue MilitĂ€raktion beginnen oder gar in Syrien einen Krieg anzetteln, um einen Grund zu haben, die Wahl zu verschieben. Ein möglicher militĂ€rischer Erfolg könnte seine Chancen auf einen Sieg bei der Wahl verbessern. In der vergangenen Woche hatte das israelische MilitĂ€r einen syrischen MilitĂ€rflugplatz nahe der tĂŒrkischen Grenze bombardiert. Netanjahu warf Syrien vor, tĂŒrkischen Truppen dort eine Stationierung erlaubt zu haben. Damaskus und Ankara wiesen die VorwĂŒrfe zurĂŒck.
Der Sender Channel 13 berichtete, Verteidigungsbeamte hĂ€tten vor einer Eskalation des Konflikts aus politischen GrĂŒnden gewarnt. Die israelische Zeitung «Jedioth Achronot» wiederum schrieb, Netanjahu verschĂ€rfe die Spannungen mit der TĂŒrkei nicht aus politischen Motiven. Israels Armee sei es gewesen, die auf den Angriff gepocht habe.Â
Israelischen Medien zufolge sieht das Land durch Ankaras mutmaĂliche Nutzung syrischer MilitĂ€rstĂŒtzpunkte unter anderem seine Handlungsfreiheit im syrischen Luftraum bedroht. Die Beziehungen zwischen Israel und der TĂŒrkei sind stark belastet. Die TĂŒrkei unterhĂ€lt enge politische Kontakte zu der islamistischen Terrororganisation Hamas, PrĂ€sident Recep Tayyip Erdogan kritisiert immer wieder Israels Vorgehen im Gaza-Krieg.
