Drohnenkrieg ohne Ende? Ukraine-Konflikt steckt in Sackgasse
17.05.2026 - 08:22:05 | dpa.deRussland und die Ukraine ĂŒberziehen sich nach Ende der von US-PrĂ€sident Donald Trump vermittelten Waffenruhe wieder gegenseitig massiv mit Luftangriffen. Nicht nur in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sterben viele Zivilisten, auch in Russland gibt es Tote. Ein Krieg der Drohnen prĂ€gt das Geschehen. Dabei gibt es am Boden kaum Bewegung. Schon jetzt ist die Front keine Linie mehr, sondern eine «graue Zone» des Todes von mehr als 1.000 Kilometern LĂ€nge und stellenweise bis ĂŒber 20 Kilometer Breite.
Doch nicht nur KĂ€mpfe am Boden stecken in der Sackgasse, weil sich die Gegner auflauern und auf jeden Versuch eines VorstoĂes von Truppen mit DrohnenschlĂ€gen reagieren. Auch die Verhandlungen zu einem Kriegsende stecken fest â nicht nur, weil die USA als Vermittler mit dem Iran-Krieg beschĂ€ftigt sind. Moskau und Kiew setzen nach Meinung vieler Beobachter selbst weiter auf Kampf und Sieg.
Zwar hatte Kremlchef Wladimir Putin noch vor einer Woche in einem Nebensatz fallen lassen, er denke, dass sich der Krieg dem Ende zuneige. Er bezog das aber, wie der Kreml danach klarmachte, auf Erwartungen Moskaus, dass sich PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj den russischen Bedingungen beuge â und seine Truppen frĂŒher oder spĂ€ter aus dem Gebiet Donezk abziehe. Selenskyj aber lehnt solche Geschenke ab. Deshalb stehen die Zeichen auf Kampf.
Abnutzungskrieg geht weiter
«Im Moment wird sich der Abnutzungskrieg erst einmal fortsetzen», sagt der Russland-Experte und Historiker Matthias Uhl. Er zeigt in seinem neuen Buch «Wie stark ist Russland wirklich? Die Wahrheit ĂŒber Putins MilitĂ€rmacht» (Herder) mögliche Entwicklungen auf. Es gebe in der Geschichte viele Beispiele, dass Kriege trotz Erschöpfung und Bekundung einer Friedensbereitschaft noch Jahre dauerten, weil jede Seite glaubte, kurz vor einem Sieg zu stehen.
«Auch der russisch-ukrainische Krieg birgt die Gefahr, dass eine der beiden Seiten zu spĂ€t erkennt, wann der Endpunkt erreicht ist», sagt Uhl. Er lebte mehr als 20 Jahre lang in Russland und war dort am inzwischen fĂŒr «unerwĂŒnscht» erklĂ€rten Deutschen Historischen Institut tĂ€tig.Â
«Russland ist aufgrund seiner Ressourcen durchaus in der Lage, noch weiter Krieg zu fĂŒhren», sagt Uhl, der am Max Weber Netzwerk Osteuropa arbeitet und Russland weiter bereist. Zwar gebe es zunehmend wirtschaftliche Probleme â nicht zuletzt durch die Sanktionen. Aber der im Westen erwartete Systemkollaps bleibe aus.
Ăbermacht der Drohnen verhindert echte Bewegung der Front
Der russische MilitĂ€rexperte Dmitri Kusnez von der kremlkritischen Nachrichtenplattform «Meduza» sieht durch die hohen Ălpreise aktuell eine Entspannung fĂŒr Putins Kriegskasse. Allerdings bezweifelt er, dass der russische Generalstab unter den UmstĂ€nden eines Drohnenkriegs und dem geringen Tempo beim Vormarsch der Truppen bis Ende Herbst den Donbass erobern kann. Kusnez sieht die Ukraine mit ihren technologischen Fortschritten besser aufgestellt fĂŒr den Drohnenkrieg als die Russen.
«Gegen die Ăbermacht der Drohnen scheint es gegenwĂ€rtig noch kein Instrument zu geben», betont auch Uhl. «Die mĂŒssten erst einmal auf dem Gefechtsfeld eliminiert werden, damit wieder ein erfolgreicher VorstoĂ möglich ist. DafĂŒr kĂ€men wegen der Kosten nur Laser oder Maschinenwaffen infrage», sagt er im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur.
«Hinzu kommt, dass die Ukrainer zunehmend die russische Luftabwehr zerlegen und versuchen, die Krim und die von dort laufende Versorgung der Truppen abzuschneiden», erklĂ€rt er. Zu schaffen machten Russland auch die vielen ukrainischen Angriffe auf Anlagen der russischen Ălindustrie. PrĂ€sident Selenskyj hat angekĂŒndigt, diese Angriffe im Hinterland noch zu intensivieren, damit Moskaus Kriegskasse nicht weiter so stark vom Energieexport profitiert.
Kremlchef Putin könnte Einsatz im Krieg erhöhen
Hardliner in Russland verstĂ€rken derweil den Druck auf den Kreml, den Einsatz im Krieg zu erhöhen. Uhl hĂ€lt es auch fĂŒr möglich, dass Moskau bei einem möglichen RĂŒckgang der Freiwilligen, die mit viel Geld geködert werden, andere Möglichkeiten nutzt, um Personal fĂŒr die Front heranzuziehen. Denkbar seien eine weitere Teilmobilmachung oder auch die Umwandlung der «militĂ€rischen Spezialoperation», wie der Krieg offiziell genannt wird, in eine «Anti-Terror-Operation». Damit werde der Einsatz von Wehrpflichtigen möglich, sagt Uhl.
Dagegen sieht er die Ukraine personell mit ihrer deutlich kleineren demografischen Basis im Nachteil. «Der Mangel an Soldaten und hier vor allem an Infanterie wird sich höchstwahrscheinlich noch weiter verstĂ€rken», sagt er. «Letzter Ausweg wĂ€re wahrscheinlich die Mobilisierung der 18 bis 25 Jahre alten MĂ€nner, die bisher vom verpflichtenden Kriegsdienst ausgeschlossen sind.» Personell sei Kiew aktuell nicht in der Lage, groĂangelegte Offensiven wie in den ersten drei Kriegsjahren zu absolvieren.
Zwar weite das Land seine eigene RĂŒstungs- und Drohnenfertigung aus. Aber angewiesen sei Kiew fĂŒr den Kampf weiter auf westliche PrĂ€zisionswaffen, Luftverteidigungssysteme und AufklĂ€rungsdaten der Geheimdienste, die es inzwischen vor allem von den Franzosen bekomme. Insgesamt sei die wirtschaftliche LeistungsfĂ€higkeit der Ukraine wegen der Flucht aus dem Land und der Mobilmachung langfristig reduziert, schreibt Uhl.Â
Experte: Auch «unvorhersehbares Ereignis» möglich
Neben dem Abnutzungskrieg zeichnet er noch drei weitere Szenarien, wie es zu einem Kriegsende kommen könnte: das Einfrieren des Konflikts ohne einen Frieden. Oder ein erzwungener Kompromiss, ein von auĂen erwirkter Waffenstillstand, wie ihn die USA wollten.
Als letztes Szenario nennt der Historiker ein «unvorhersehbares Ereignis». «Es ist nicht auszuschlieĂen, dass das System Putin durch den fortdauernden Krieg zu einem vorzeitigen Ende kommt, weil dessen Wille, eine militĂ€rische Entscheidung herbeizufĂŒhren, Kraft und Moral des Landes erschöpfen.»
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