Israel und Libanon: UN-Hochkommissar warnt vor Krieg
18.06.2024 - 15:06:40 | dpa.deUN-Menschenrechtskommissar Volker TĂŒrk warnt vor einem weiteren groĂen Konflikt im Nahen Osten. «Ich bin extrem besorgt ĂŒber die eskalierende Lage zwischen dem Libanon und Israel», sagte der Hochkommissar vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in Genf. TĂŒrk rief dazu auf, die KĂ€mpfe einzustellen und alles dafĂŒr zu tun, «um einen vollstĂ€ndigen Krieg abzuwenden».
Seit Beginn des Krieges im Gazastreifen vor mehr als acht Monaten kommt es tĂ€glich zu militĂ€rischen Konfrontationen zwischen der israelischen Armee mit der Hisbollah-Miliz im Libanon sowie anderen Gruppierungen im Grenzgebiet zwischen den LĂ€ndern. Laut TĂŒrk sind bereits 401 Menschen im Libanon und 25 Menschen in Israel getötet worden. Zehntausende Menschen auf beiden Seiten hĂ€tten wegen des Konflikts ihre HĂ€user und Wohnungen verlassen mĂŒssen.
Zum Auftakt der mehrwöchigen Sommersitzung des Menschenrechtsrates beklagte TĂŒrk auch die insgesamt mehr als 120.000 Verletzten und Toten im Gaza-Krieg und die weltweite Zunahme von kriegerischer Gewalt.
Aufnahmen der Hisbollah sollen strategische Gebiete in Israel zeigen
Die libanesische Hisbollah-Miliz veröffentlichte nach eigener Darstellung Aufnahmen aus Nordisrael aus der Luft angefertigt und heute. Die Bilder sollen etwa den Hafen von Haifa und andere wichtige strategische Orte in der Gegend zeigen und von einer Drohne aufgenommen worden sein. Es war zunĂ€chst unklar, wann genau sie angefertigt wurden. Das gezeigte Material lieĂ sich zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig verifizieren. Israels Armee teilte auf Anfrage mit, die Berichte zu prĂŒfen.
Womöglich ist das von der Hisbollah veröffentlichte Video als Drohung zu verstehen, dass die proiranische Miliz die Gebiete im Falle einer Eskalation angreifen könnte. Der israelische Kan-Sender sprach von einer «beunruhigenden Dokumentation».
US-Gesandter bemĂŒht sich um Waffenruhe zwischen Israel und Hisbollah
Der US-Gesandte Amos Hochstein setzt im Libanon derweil seine BemĂŒhungen um eine Waffenruhe zwischen Israel und der Schiitenmiliz Hisbollah fort. Hochstein traf in Beirut zunĂ€chst den ParlamentsprĂ€sidenten Nabih Berri. Dieser gilt als wichtiger VerbĂŒndeter der Hisbollah.
Nach dem Treffen mit Berri sagte Hochstein, die USA arbeiteten daran, eine gröĂere Eskalation der Gewalt zwischen Israel und der Hisbollah zu verhindern. Er beschrieb die Lage als sehr ernst. «Wir haben in den letzten Wochen eine Eskalation gesehen und (US-PrĂ€sident Joe) Biden will eine weitere Eskalation bis hin zu einem gröĂeren Krieg verhindern», sagte der Gesandte. «Wir glauben, dass es einen Weg zu einer diplomatischen Lösung gibt, wenn beide Seiten dem zustimmen.»
Hochstein traf auch den libanesischen MinisterprÀsidenten Nadschib Mikati. Dieser sagte nach dem GesprÀch: «Der Libanon strebt keine Eskalation an.» Er warf Israel zugleich vor, die libanesische SouverÀnitÀt zu verletzen. Er kritisierte «systematische Tötungen und Zerstörungen». Tote gab es bereits auf beiden Seiten. «Wir versuchen weiterhin, die Eskalation zu stoppen, Sicherheit und StabilitÀt wiederherzustellen.»
Netanjahu nennt Pausierung von US-Waffenlieferungen «unbegreiflich»
Israels MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu kritisiert, dass die US-Regierung derzeit Waffenlieferungen an Israel zurĂŒckhĂ€lt. Er habe US-AuĂenminister Antony Blinken kĂŒrzlich in Israel gesagt, es sei «unbegreiflich, dass die Regierung Israel in den vergangenen Monaten Waffen und Munition vorenthalten hat», sagte Netanjahu in einer Videoansprache. «AuĂenminister Blinken hat mir versichert, dass die Regierung Tag und Nacht daran arbeite, diese EngpĂ€sse zu beseitigen. Ich hoffe wirklich, dass dies der Fall ist.»
US-AuĂenminister Antony Blinken wies die Kritik zurĂŒck. Die USA hĂ€tten sich verpflichtet, dafĂŒr zu sorgen, dass Israel ĂŒber das verfĂŒge, was es brauche, um sich gegen eine Vielzahl von Bedrohungen zu verteidigen, sagte er auf Nachfrage in Washington. Daran halte man fest.
Erneut Proteste in Israel
In Israel haben am Abend wieder Tausende Menschen gegen die Regierung und fĂŒr die Freilassung der noch immer im Gazastreifen festgehaltenen Geiseln protestiert. In der NĂ€he des ParlamentsgebĂ€udes in Jerusalem forderten die Demonstranten Neuwahlen, wie mehrere israelische Medien berichteten. Es ist der dritte Tag in Folge, an dem es im Land regierungskritische Demonstrationen gibt. FĂŒr die kommenden Tage sind weitere Kundgebungen geplant.
Seit Monaten gibt es in Israel immer wieder Massenproteste gegen die Regierung. Netanjahu wird von seinen Gegnern vorgeworfen, auf die WĂŒnsche seiner extremistischen Koalitionspartner einzugehen und deshalb Verhandlungslösungen zu hintertreiben. Er bestreitet das und macht die Unnachgiebigkeit der Hamas fĂŒr die Stagnation bei den indirekten Verhandlungen verantwortlich. Zuletzt nahm die IntensitĂ€t der Proteste gegen die Netanjahu-Regierung zu.
Auflösung des Kriegskabinetts
Die Auflösung des Kriegskabinetts erfolgte gut eine Woche nach dem RĂŒckzug von Minister Benny Gantz aus der israelischen Notstandsregierung. Aus Regierungskreisen hieĂ es, Netanjahu werde kritische Entscheidungen mit Blick auf die aktuellen Konflikte kĂŒnftig in kleineren Foren besprechen.
Um nach dem Terrorangriff der Hamas und anderer extremistischer palĂ€stinensischer Gruppen auf den SĂŒden Israel am 7. Oktober des vorigen Jahres Geschlossenheit zu demonstrieren, war Gantz dem dreiköpfigen Kriegskabinett beigetreten. Der frĂŒhere General und Verteidigungsminister erklĂ€rte allerdings vor einer Woche wegen Meinungsverschiedenheiten mit Blick auf den Gaza-Krieg seinen RĂŒckzug. Er kritisierte, dass die Regierung keinen Plan fĂŒr eine Nachkriegsordnung im Gazastreifen erarbeite.
Bei dem Terrorangriff am 7. Oktober wurden rund 1200 Menschen ermordet und weitere 250 als Geiseln verschleppt. Im Zuge des dadurch ausgelösten Krieges wurden nach - unabhĂ€ngig nicht ĂŒberprĂŒfbaren - Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden inzwischen mehr als 37.000 PalĂ€stinenser getötet.
Israel sieht sich vor Erreichen der Kriegsziele in Rafah
Mit Blick auf die KĂ€mpfe in Gaza gab sich die israelische Armee unterdessen zuversichtlich, ihre militĂ€rischen Ziele bei der Offensive in der sĂŒdlichen Stadt Rafah bald zu erreichen. Die HĂ€lfte der KampfverbĂ€nde der Hamas sei zerschlagen, 60 bis 70 Prozent des Territoriums der Stadt befĂ€nden sich unter «operativer Kontrolle» der israelischen Truppen, teilte die Armee mit. Es werde nur mehr noch einige Wochen dauern, bis die MilitĂ€roperation abgeschlossen sei.
Israels Armee hatte Anfang Mai den Einsatz in Rafah an der Grenze zu Ăgypten gestartet. ErklĂ€rtes Ziel war die Zerschlagung der letzten KampfverbĂ€nde der Hamas. Das Vorhaben war international stark umstritten, weil sich damals mehr als eine Million PalĂ€stinenser in Rafah aufgehalten hatten. Die meisten von ihnen waren vor dem Krieg aus anderen Teilen des Gazastreifens dorthin geflohen. Fast alle dieser Menschen flĂŒchteten inzwischen aus der Stadt in ein westlich gelegenes Gebiet, wo sie allerdings nur mit Schwierigkeiten versorgt werden können.
17 getötete PalÀstinenser bei Angriffen im Gazastreifen
Bei neuen israelischen Angriffen im Gazastreifen sind nach palĂ€stinensischen Angaben 17 Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden. In dem FlĂŒchtlingsviertel Nuseirat im zentralen Abschnitt des Gazastreifens seien Leichen geborgen und in ein örtliches Krankenhaus gebracht worden, berichtete die palĂ€stinensische Nachrichtenagentur Wafa.
Im zentralen Abschnitt des Gazastreifens sei unter anderem der Kommandeur einer ScharfschĂŒtzen-Zelle der Organisation Islamischer Dschihad mit einem gezielten Luftangriff getötet worden. Die Luftwaffe habe binnen eines Tages Dutzende von Terrorzielen im Gazastreifen angegriffen.
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