Ukraine, Callcenterbetrug

Ukraine: SBU entlÀsst zwei Mitarbeiter wegen Callcenter-Ermittlungen

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 17:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Ukrainische Antikorruptionsermittler werfen einer kriminellen Vereinigung vor, sich den Schutz von Polizisten, StaatsanwÀlten und Geheimdienstlern erkauft zu haben. Der Fall reicht nach den Ermittlungen von Betrugsanrufen bis zu Drogenhandel, Falschgeld und Gewalt.

Ermittlungen erreichen mehrere Staatsbehörden

  • Ukrainische Ermittler ordnen mindestens ein Dutzend VerdĂ€chtige einer kriminellen Organisation zu.
  • Der SBU entließ am Mittwoch zwei ungenannte ranghohe Mitarbeiter.
  • Die Ermittler zeigten gefĂ€lschte 200-Euro-Banknoten und erhoben weitere schwere VorwĂŒrfe.
Hochrangige Angehörige der ukrainischen Polizei, Staatsanwaltschaft und des Geheimdienstes sollen in Callcenterbetrug und andere KriminalitÀt verwickelt sein. (Illustration) - Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Ukraine ermittelt gegen Netzwerk mit Staatsbediensteten

Ukrainische Korruptionsermittler verdĂ€chtigen ranghohe Polizisten und einen Geheimdienstler, Schmiergelder aus einem kriminellen Netzwerk angenommen zu haben. Die mutmaßlichen Zahlungen sollen den Betrieb betrĂŒgerischer Callcenter sowie weitere illegale GeschĂ€fte geschĂŒtzt haben.

Ermittler zeigen Falschgeld und GewaltvorwĂŒrfe

Nach Angaben der Ermittler floss das Geld an Geheimdienstler, StaatsanwÀlte und Polizisten. Im Gegenzug sollten sie Callcenter, Drogenhandel sowie die Herstellung von Zigaretten und Falschgeld decken.

In einem Video war die Herstellung gefĂ€lschter 200-Euro-Banknoten zu sehen, die Falschgeldtests bestanden haben sollen. Der Organisation werden mindestens ein Dutzend Mitglieder zugerechnet; außerdem geht es um den Verdacht auf Angriffe, EntfĂŒhrungen und schwere Körperverletzungen.

Zwei SBU-Mitarbeiter entlassen

Der geschĂ€ftsfĂŒhrende SBU-Chef Olexander Poklad entließ am Mittwoch zwei nicht namentlich genannte ranghohe Mitarbeiter, die in den Ermittlungen aufgetaucht sein sollen. Nach Darstellung des NABU bedrohte einer von ihnen Ermittler bei einer Hausdurchsuchung mit einer Waffe.

Ermittlungen fĂŒhrten zu RĂŒcktritt

NABU und SAP hatten bereits Anfang September erste Erkenntnisse mit Spuren zur ukrainischen Staatsanwaltschaft veröffentlicht. Daraufhin trat Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko zurĂŒck und floh nach Österreich.

In der Ukraine gab es Medienberichten zufolge Anfang des Jahres mehr als 2.000 illegale Callcenter. SchÀtzungen zufolge arbeiten dort mehr als 60.000 Menschen in diesem Bereich; die monatlichen UmsÀtze werden auf bis zu 900 Millionen Euro geschÀtzt.

Illegale Anrufe zielen auch auf die EU

Die TĂ€ter ergaunerten Geld vor allem aus Russland und der Ukraine, konzentrierten sich aber zunehmend auf LĂ€nder der EuropĂ€ischen Union wie Deutschland. Mitte September verschĂ€rfte die Ukraine ihre Gesetzgebung gegen betrĂŒgerische Anrufe.

Der Fall berĂŒhrt zwei in der Ukraine besonders sensible Bereiche: die BekĂ€mpfung organisierter KriminalitĂ€t und die Kontrolle staatlicher Macht. Illegale Callcenter arbeiten hĂ€ufig arbeitsteilig, nutzen geschulte GesprĂ€chsfĂŒhrer und verschleiern Zahlungsströme ĂŒber mehrere LĂ€nder. Wenn Ermittler zugleich Schutz durch Polizisten, StaatsanwĂ€lte oder Geheimdienstmitarbeiter vermuten, geht es deshalb nicht nur um einzelne Betrugsdelikte, sondern um die mögliche Vereinnahmung staatlicher Institutionen.

KorruptionsbekÀmpfung unter Kriegsbedingungen

Die ukrainischen Antikorruptionsbehörden NABU und SAP haben in den vergangenen Monaten wiederholt Verfahren gegen einflussreiche AmtstrĂ€ger vorangetrieben. Der RĂŒcktritt des Generalstaatsanwalts Ruslan Krawtschenko und seine Ausreise nach Österreich zeigen, dass die Ermittlungen politische und institutionelle Folgen bereits ausgelöst haben. Die Entlassung zweier ranghoher SBU-Mitarbeiter erweitert den Kreis der betroffenen Sicherheitsbehörden.

FĂŒr die Ukraine ist der Vorgang auch im VerhĂ€ltnis zu europĂ€ischen Partnern bedeutsam. BetrĂŒgerische Callcenter zielen zunehmend auf Opfer in EU-Staaten, wĂ€hrend GeldflĂŒsse und mutmaßliche Helfer grenzĂŒberschreitend ermittelt werden mĂŒssen. Entscheidend wird sein, ob die Behörden die VorwĂŒrfe gegen die mutmaßlichen Schutzgeber gerichtsfest belegen, weitere Beteiligte identifizieren und die betroffenen Institutionen dauerhaft gegen Einflussnahme abschirmen können.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

n-tv: „+++ 02:45 Ukraine: Zwei hochrangige Beamte des Inlandsgeheimdienstes SBU wegen Korruption entlassen +++“ (03.11.2026)

Der Beitrag ordne die Entlassung der beiden SBU-Mitarbeiter in die Antikorruptionsermittlung ein. Als Schwerpunkt nenne er die mutmaßlichen Zahlungen hochrangiger Vertreter aus Geheimdienst, Staatsanwaltschaft und Polizei, damit illegale Callcenter unbehelligt blieben.

Bayerischer Rundfunk: „Ukraine geht weiter gegen Korruption vor“ (04.11.2026)

Der Bericht stelle den Vorgang als Teil weiterer ukrainischer Korruptionsermittlungen dar. Er bestÀtige die Beteiligung hochrangiger Vertreter von Geheimdienst, Generalstaatsanwaltschaft und Nationalpolizei, setze den Schwerpunkt aber stÀrker auf die institutionelle Dimension.

Beide BeitrĂ€ge verbĂ€nden die Entlassungen mit dem Verdacht auf staatlichen Schutz fĂŒr illegale Callcenter. Offen bleibe auch dort, wie weit das Netzwerk reicht und welche weiteren Verfahren daraus folgen.

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