US-MilitĂ€rhilfe ausgesetzt - Was das fĂŒr Kiew bedeutet
04.03.2025 - 13:18:38 | dpa.deOhne die US-Hilfen, hieĂ es immer, ist die Ukraine nicht in der Lage, im russischen Angriffskrieg zu bestehen. Nun hat die US-Regierung unter PrĂ€sident Donald Trump die UnterstĂŒtzung ausgesetzt, um nach dem Eklat im WeiĂen Haus Druck auf den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj auszuĂŒben, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen. Die Botschaft kam an: Selenskyj reagiert schnell und geht auf Trump zu. Was bedeutet die Aussetzung der US-Hilfen - nicht nur fĂŒr die Ukraine, sondern auch fĂŒr Deutschland und Europa? Hier einige Fragen und Antworten dazu:
Was wird jetzt nicht ausgeliefert und welchen Umfang hat das?
Der Umfang der gestoppten Lieferungen ist vorerst nicht bekannt. Trump hatte von seinem VorgĂ€nger Joe Biden eine Erlaubnis ĂŒbernommen, noch Waffen aus US-Arsenalen im Wert von umgerechnet ĂŒber 3,7 Milliarden Euro auszuliefern. Der angeordnete Stopp soll dabei Medien zufolge alle US-AusrĂŒstungen betreffen, die bisher nicht in der Ukraine sind. Also auch Waffen, die per Flugzeug oder Schiff gerade transportiert werden oder sich in Transitbereichen in Polen befinden.
Was genau auf dem Weg in die Ukraine gestoppt wurde, ist ebenfalls nicht bekannt. Dem Pentagon zufolge war zuletzt Munition fĂŒr die Himars-Mehrfachraketenwerfer, Panzerabwehrwaffen und Artilleriegranaten in der Auslieferung. Zum Ende Dezember noch genehmigten Paket gehörten auch Munition fĂŒr Flugabwehrsysteme und schultergestĂŒtzte Stinger-Flugabwehrraketen. Bereits vor der Trump-Anordnung drohte der Waffenfluss aus den USA wegen fehlender neuer Pakete zu versiegen.
Enden auch geheimdienstliche Informationen aus Washington und Starlink?
Ob die USA auch die Weitergabe ihrer AufklĂ€rungsdaten einstellen, ist unklar. Eine Einstellung wĂ€re fĂŒr die ukrainischen StreitkrĂ€fte ein herber Schlag. PrĂ€zisionsschlĂ€ge hinter der Frontlinie auf Logistikhubs und StĂ€be der russischen Armee wĂŒrden dadurch erschwert. Auch die ukrainische Flugabwehr ist stark auf US-amerikanische Daten beispielsweise ĂŒber Raketenstarts und in der Luft befindliche strategische Bomber Russlands angewiesen.Â
Der vor allem fĂŒr das Frontgebiet wichtige Einsatz der Starlink-Systeme fĂŒr Internetverbindungen per Satellit scheint zumindest nicht gefĂ€hrdet zu sein. Trump-Berater und Starlink-Besitzer Elon Musk dementierte Berichte prompt, dass Washington mit einer Abschaltung drohe. Finanziert wird der Betrieb von etwa 25.000 Starlink-Terminals derzeit durch Polen. Und diese Finanzierung ist nach Auskunft des polnischen Digitalisierungsministeriums mindestens bis Ende September gesichert.
Was bedeutet das fĂŒr die Ukraine?Â
Es ist nicht so, dass die Front nun sofort zusammenbricht, weil das Land noch Reserven hat. Allerdings sind die Nachrichten aus Washington fĂŒr den Kampfgeist der ukrainischen Verteidiger ein schwerer Schlag.Â
Schon als der US-Kongress zu Beginn des Jahres 2024 neue Ukraine-Hilfen blockierte, fiel die Industriestadt Awdijiwka im ostukrainischen Gebiet Donezk in russische Hand. Die gut ausgebaute Frontlinie war vor allem aus Mangel an Artilleriegranaten nicht mehr zu halten, und die ukrainischen Truppen wurden um teils einige Dutzend Kilometer zurĂŒckgedrĂ€ngt. Dieses Mal könnten die Folgen wesentlich dramatischer sein.Â
Wie PrĂ€sident Selenskyj vor einem Monat erklĂ€rte, stammen gut 30 Prozent der Waffen und der Technik, die von der ukrainischen Armee eingesetzt werden, aus den USA. Bei den Waffen selbst lag der US-Anteil demnach sogar bei 40 Prozent, wĂ€hrend die EuropĂ€er bisher weniger als 30 Prozent beisteuerten. Die Ukrainer und ihre verbliebenen VerbĂŒndeten sind dabei nicht in der Lage, einen Ausfall der US-Hilfen zu kompensieren.Â
Wie lange kann das von Russland angegriffene Land durchhalten?
Bisher gingen Experten in SchĂ€tzungen davon aus, dass die ukrainische Armee allenfalls bis zum Sommer in der momentanen IntensitĂ€t weiterkĂ€mpfen könne. SpĂ€testens dann wĂŒrde ihr die Munition vor allem bei US-amerikanischen Waffensystemen, wie den Himars-Raketenwerfern oder auch der Patriot-Flugabwehr, ausgehen. SchlĂ€ge auf die russische Logistik im Hinterland wĂŒrden seltener werden; und russische Raketen und Drohnen könnten im Gegenzug leichter die ukrainische Flugabwehr durchbrechen.
Sollten die US-Hilfen lĂ€ngere Zeit ohne Ersatz ausfallen, dann sind auch stĂ€rkere Frontverschiebungen mit drastischen Konsequenzen auch fĂŒr das ukrainische Staatsoberhaupt selbst nicht mehr ausgeschlossen. Bisher hat Selenskyj einen in den USA geforderten RĂŒcktritt kategorisch abgelehnt.
Wie reagiert Kiew auf die Drohungen?
Selenskyj hat versucht, die Wogen zu glĂ€tten. So drĂŒckte er sein Bedauern ĂŒber den Eklat im WeiĂen Haus aus und erklĂ€rte, es sei Zeit, «die Dinge in Ordnung zu bringen». Zudem betonte er noch einmal ausdrĂŒcklich sein Bestreben nach einer schnellen Beendigung des Kriegs. Der erkennbare Wille zum Frieden sei eine der Voraussetzungen zur Wiederaufnahme der Waffenlieferungen, hatte das WeiĂe Haus deutlich gemacht.Â
Selenskyj kommt Trump auch in einem weiteren Punkt entgegen: So erklÀrte er seine Bereitschaft zur sofortigen Unterzeichnung des vom US-PrÀsidenten forcierten Rohstoffabkommens. Mit diesen ZugestÀndnissen hofft Kiew, den schlimmsten Fall der völligen Abkehr Washingtons abwenden zu können.
Was bedeutet das fĂŒr Russland?
Russland fordert seit langem ein Ende der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine - als Voraussetzung fĂŒr eine Beendigung des BlutvergieĂens. Deshalb begrĂŒĂte Kremlsprecher Dmitri Peskow die AnkĂŒndigung aus Washington, die MilitĂ€rhilfe einzustellen. Damit erhöhe sich auch der Druck auf Selenskyj fĂŒr eine Verhandlungslösung.
Die russische Armee könnte aus Sicht des Instituts fĂŒr Kriegsstudien (ISW) in Washington die Lage nun massiv ausnutzen. «Die Einstellung der US-MilitĂ€rhilfe und der finanziellen UnterstĂŒtzung zur StĂ€rkung der ukrainischen RĂŒstungsindustrie könnte dazu beitragen, das Gleichgewicht des Kriegs zu kippen und Russland gröĂere Vorteile auf dem Schlachtfeld in der Ukraine zu verschaffen, was die Wahrscheinlichkeit eines russischen Siegs in der Ukraine erhöhen wĂŒrde», heiĂt es in der ISW-Analyse. Die Experten betonten, dass die bisherige Hilfe dazu beigetragen habe, russische Erfolge zu verhindern.
Konkret könnte Russland nun lange anvisierte Ziele wie die StĂ€dte Pokrowsk, Tschassiw Jar und Kupjansk erobern. Auch der fĂŒr Selenskyj persönlich wichtige ukrainische BrĂŒckenkopf im russischen Gebiet Kursk lĂ€uft Gefahr, komplett verloren zu gehen. Nach dem Einmarsch dort Anfang August geraten die ukrainischen Truppen schon jetzt zunehmend unter Druck.
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Können die EuropÀer einspringen?
Unter den europĂ€ischen Staaten tragen bisher Deutschland und GroĂbritannien die Hauptlast der militĂ€rischen Hilfe, wie der Ukraine Support Tracker zeigt. Andere groĂe Staaten - Spanien, Italien und teils auch Frankreich - waren zurĂŒckhaltend.Â
Der militĂ€rische Chefkoordinator der deutschen Ukraine-Hilfe, Generalmajor Christian Freuding, war im Februar in der Ukraine und sagte danach, mit dem nötigen Willen könnten die EuropĂ€er US-Hilfen kompensieren. Schon jetzt leisteten sie mit Kanada 60 Prozent der MilitĂ€rhilfe. Bei kritischer Munition stellten die EuropĂ€er und andere Partner nach ukrainischen Angaben sogar 80 Prozent des Materials bereit. Neben mehr Luftverteidigungssystemen brauchen die Ukrainer nach Freudings Worten fĂŒr ihre 100 kĂ€mpfenden Brigaden auch mehr gepanzerte Gefechtsfahrzeuge - als Ersatz fĂŒr AusfĂ€lle.
Gibt es schon konkrete PlÀne der EU?
Auf einem EU-Sondergipfel am Donnerstag wollen die 27 Staats- und Regierungschefs ĂŒber einen Milliarden-Verteidigungsplan sprechen, den EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen vorgeschlagen hat. Dieser sieht etwa einen neuen Fonds von 150 Milliarden Euro vor, um die Verteidigungsinvestitionen in der EU zu erhöhen - unter anderem fĂŒr MilitĂ€rhilfen fĂŒr die Ukraine.Â
Von der Leyen hofft, dass ihr Vorschlag zusammen mit privatem Kapital und zusĂ€tzlichen Mitteln fĂŒr die EuropĂ€ische Investitionsbank nahezu 800 Milliarden Euro fĂŒr die Verteidigung mobilisieren könnte.
Doch der Gipfel könnte auch Unstimmigkeiten innerhalb der EU in Bezug auf die Ukraine aufzeigen, denn weitreichende Entscheidungen in der EU mĂŒssen einstimmig getroffen werden. Der ungarische MinisterprĂ€sident Viktor Orban und sein slowakischer Amtskollege Robert Fico haben bereits ihren Widerstand gegen eine gemeinsame GipfelerklĂ€rung zugunsten der Ukraine signalisiert. Beide befĂŒrworten Trumps Kurs im Ukraine-Konflikt und pflegen enge Beziehungen zu Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin.
Was bedeutet das Ausscheren der USA fĂŒr Deutschland?
Als gröĂter Waffenlieferant der Ukraine nach den USA richtet sich der Blick in erster Linie auf Deutschland. Schon im Wahlkampf wurde ĂŒber eine Bereitstellung von drei Milliarden Euro zusĂ€tzlich fĂŒr die Ukraine gestritten. Kanzler Olaf Scholz wollte das nur unter Bedingung zulassen, dass die Schuldenbremse ausgesetzt wird. Das wiederum wollte die Union nicht.Â
Jetzt beraten Union und SPD in ihren SondierungsgesprĂ€chen ĂŒber die Regierungsbildung nach der Wahl darĂŒber, wie zusĂ€tzliche Milliarden fĂŒr die Ukraine und die Landesverteidigung locker gemacht werden können. Im GesprĂ€ch sind ein Sondervermögen im dreistelligen Milliardenbereich und die Reform der Schuldenbremse.
Welche Folgen hĂ€tten zusĂ€tzliche Ukraine-Hilfen fĂŒr die Bundeswehr?
Sollte die Hilfe fĂŒr die Ukraine ausgeweitet werden, mĂŒssten womöglich industrielle KapazitĂ€ten fĂŒr die AufrĂŒstung der Bundeswehr umgeleitet werden. Aktuell sind weitere Lieferungen in die Ukraine angekĂŒndigt, darunter 20 SchĂŒtzenpanzer und mehr als 20 Kampfpanzer, zudem drei kombinierte Feuereinheiten des Luftabwehrsystems Iris-T. AuĂerdem sollen Flugabwehrpanzer vom Typ Gepard, Radhaubitzen und Panzerhaubitzen, zudem 300 geschĂŒtzte und gepanzerte Transportfahrzeuge und «viel Munition» an Kiew gehen.
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