EU erschwert Ukrainern Flucht vor Krieg - Was Àndert sich?
Veröffentlicht am: 30.07.2026 um 14:42 Uhr | dpa.de
Fast 4,4 Millionen Menschen aus der Ukraine haben bisher in der EuropĂ€ischen Union Schutz gefunden. Doch die EU erschwert ukrainischen MĂ€nnern nun die Flucht vor dem Krieg gegen Russland: WehrfĂ€hige Ukrainer profitieren in Deutschland und anderen EU-Staaten kĂŒnftig nicht mehr von vereinfachten Aufnahmeregeln, wie ein Sprecher nach einem entsprechenden Beschluss des Rates der Mitgliedstaaten sagte. Die Verordnung wird demnach in KĂŒrze im EU-Amtsblatt veröffentlicht, einen Tag spĂ€ter treten die neuen Regeln in Kraft.Â
Ist die TĂŒr fĂŒr wehrfĂ€hige MĂ€nner damit komplett geschlossen und fĂŒr wen gibt es Ausnahmen? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Ăberblick:Â
Warum wird die Flucht in die EU erschwert?Â
Das von Russland angegriffene Land braucht weiter viele Soldaten. Nach Angaben von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj mobilisiert die Ukraine monatlich bis zu 34.000 Mann. Wegen der hohen Zahl von FahnenflĂŒchtigen kann die Armee ihre Verluste damit jedoch kaum ausgleichen. Nach Auskunft des ehemaligen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow wird nach mehr als zwei Millionen Wehrpflichtigen gefahndet.
Die EU-Kommission folgt nach eigenen Aussagen vor allem einer Bitte der Ukraine, die aber auch Deutschland und andere MitgliedslĂ€nder befĂŒrworteten. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner hatte gesagt, das Thema sei ausfĂŒhrlich mit der ukrainischen Seite besprochen worden.Â
Wer ist betroffen?Â
KĂŒnftig sollen nur noch diejenigen von vereinfachten Aufnahmeregeln profitieren, die ihren Wehrdienst in der Ukraine geleistet haben oder freigestellt sind. Wer in der Ukraine wegen des Krieges hingegen einem Ausreiseverbot unterliegt, soll es in der EU deutlich schwerer haben, Schutz zu bekommen.Â
Nach den derzeitigen ukrainischen Regeln wĂ€ren davon besonders wehrfĂ€hige MĂ€nner zwischen 23 und 60 Jahren betroffen. Ihnen bleibt kĂŒnftig nur die Möglichkeit eines Asylantrags, sie hĂ€tten also deutlich geringere Aussichten auf Schutz und eine Aufenthaltserlaubnis. Ausnahmen von dem ukrainischen Ausreiseverbot - die auch in der EU berĂŒcksichtigt werden sollen - gelten fĂŒr VĂ€ter von mindestens drei minderjĂ€hrigen Kindern oder fĂŒr diejenigen, die aus gesundheitlichen GrĂŒnden vom Wehrdienst freigestellt sind.Â
Was ist mit den Ukrainern, die schon in der EU sind?Â
Die neuen Regeln sollen nur bei MĂ€nnern Anwendung finden, die neu in die EU kommen. Wer bereits einen Schutzstatus bekommen hat, verliert ihn also nicht. Abgesehen von den EinschrĂ€nkungen fĂŒr wehrpflichtige MĂ€nner sind die vereinfachten Aufnahmeregeln bis MĂ€rz 2028 verlĂ€ngert worden.Â
Frauen, Kinder oder MĂ€nner mit Ausreiseerlaubnis erhalten also auch kĂŒnftig nach der sogenannten Massenzustromrichtlinie Aufnahme. Ihre Schutzersuchen werden also nicht individuell geprĂŒft. Das macht es Ukrainern bisher wesentlich leichter, in der EU Schutz zu erhalten, als flĂŒchtenden Menschen aus anderen Staaten.Â
Wie steht die Bundesregierung dazu?Â
Deutschland hatte sich auf EU-Ebene klar fĂŒr EinschrĂ€nkungen beim Schutzstatus fĂŒr MĂ€nner ausgesprochen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte die Idee bei einem Treffen mit seinen EU-Amtskollegen befĂŒrwortet. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) betonte, es sei wichtig, dass die Ukraine wehrfĂ€hig bleibe.Â
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich bereits vergangenes Jahr deutlich positioniert und vom ukrainischen PrĂ€sidenten Selenskyj strengere Ausreisebestimmungen fĂŒr junge MĂ€nner gefordert. «Ich habe ihn gebeten, dafĂŒr zu sorgen, dass diese jungen MĂ€nner im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland», sagte Merz.Â
Was wird an den verschĂ€rften Aufnahmeregeln kritisiert?Â
Besonders GrĂŒne und Linke hatten Kritik an EinschrĂ€nkungen fĂŒr MĂ€nner geĂ€uĂert. GrĂŒnen-Migrationsexpertin Filiz Polat warnte, fĂŒr die Mitgliedsstaaten wĂŒrde ein Ausschluss von MĂ€nnern im wehrpflichtigen Alter zu einem bĂŒrokratischen Mehraufwand fĂŒhren und mit einem unschönen PrĂŒfaufwand bei den Kommunen verbunden sein.Â
Die Bundestagsabgeordnete fĂŒgte hinzu, es sei schon jetzt erkennbar, dass die EinschrĂ€nkungen im temporĂ€ren Schutz viele betroffene MĂ€nner in das regulĂ€re Asylverfahren drĂ€ngen wĂŒrden. Dieses steht den ukrainischen MĂ€nnern dem Vorschlag nach weiterhin offen. Auch das Recht auf subsidiĂ€ren Schutz bleibt. Der wird in Deutschland gewĂ€hrt, wenn im Herkunftsland etwa wegen bewaffneter Konflikte ernsthafter Schaden droht.Â
Die fluchtpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Clara BĂŒnger, sagte, ein «Ausschluss von MĂ€nnern im wehrfĂ€higen Alter wĂ€re nicht nur fĂŒr die Betroffenen fatal, sondern zugleich ein Angriff auf das Recht auf Kriegsdienstverweigerung». Kriegsdienstverweigerung sei ein Menschenrecht, das in der Ukraine nicht gewĂ€hrleistet sei. Deshalb mĂŒsse diesen Menschen Schutz gewĂ€hrt werden.
Wie geht die Ukraine mit MĂ€nnern um, die nicht kĂ€mpfen wollen?Â
In der Ukraine stoĂen Rekrutierungskommandos der Armee hĂ€ufig auf Widerstand. TĂ€glich werden in sozialen Netzwerken neue Videos von ZusammenstöĂen veröffentlicht, Rekrutierungsunwillige wehren sich zum Teil mit Waffengewalt.
Zwangsrekrutierte werden in gefĂ€ngnisartigen Einrichtungen festgehalten. Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinez, berichtet regelmĂ€Ăig ĂŒber TodesfĂ€lle im Rahmen von Zwangsrekrutierungen. Ein kĂŒrzlicher Pressebericht deckte FĂ€lle von PrĂŒgel, Folter und QuĂ€lerei rekrutierter MĂ€nner in einer Einheit auf.
