Deutschland, DĂ€nemark

Viele Theorien - das RĂ€tsel der Nord-Stream-Explosionen

23.06.2023 - 07:22:35 | dpa.de

Wer ist fĂŒr die Explosionen an den Nord-Stream-Leitungen verantwortlich? Die Frage beschĂ€ftigt Ermittler in mehreren LĂ€ndern und befeuert Medienberichte und Theorien - in verschiedenste Richtungen.

  • Blick auf das Nord-Stream-1-Gasleck in der Ostsee am 29. September 2022. - Foto: -/ESA/dpa
    Blick auf das Nord-Stream-1-Gasleck in der Ostsee am 29. September 2022. - Foto: -/ESA/dpa
  • Eine Aufnahme des Gaslecks an Nord Stream 2 am 27. September 2022. - Foto: -/Danish Defence Command/dpa
    Eine Aufnahme des Gaslecks an Nord Stream 2 am 27. September 2022. - Foto: -/Danish Defence Command/dpa
  • Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages beschĂ€ftige sich nach dpa-Informationen bereits mehrfach mit den AnschlĂ€gen auf die Ostseepipelines. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
    Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages beschÀftige sich nach dpa-Informationen bereits mehrfach mit den AnschlÀgen auf die Ostseepipelines. - Foto: Kay Nietfeld/dpa
Blick auf das Nord-Stream-1-Gasleck in der Ostsee am 29. September 2022. - Foto: -/ESA/dpa Eine Aufnahme des Gaslecks an Nord Stream 2 am 27. September 2022. - Foto: -/Danish Defence Command/dpa Das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages beschÀftige sich nach dpa-Informationen bereits mehrfach mit den AnschlÀgen auf die Ostseepipelines. - Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die Bilder der blubbernden Ostsee gingen um die Welt - aufsteigendes Gas wĂŒhlt im vergangenen Herbst an mehreren Stellen großflĂ€chig die WasseroberflĂ€che auf. Es stammte aus den stark beschĂ€digten Nord-Stream-Leitungen. Was sich zuvor am Grund abgespielt hat, ist seit Monaten Gegenstand von Ermittlungen, Spekulationen und Medienberichten - und eine AufklĂ€rung auch neun Monate nach dem Vorfall weiter ungewiss.

Am 26. September 2022 waren Explosionen in der NĂ€he der dĂ€nischen Insel Bornholm registriert worden. Wenig spĂ€ter wurden vier Lecks an drei der insgesamt vier Leitungen entdeckt. Der Betreiber von Nord Stream 1 sprach spĂ€ter von metertiefen Kratern und weit verteilten TrĂŒmmern am Meeresgrund.

Nord Stream 1 und 2 verlaufen jeweils als Unterwasser-Doppelstrang ĂŒber eine Strecke von rund 1200 Kilometern von Russland nach Deutschland. Nord Stream 1 lieferte seit 2011 einen erheblichen Anteil des nach Europa importierten Gases. Allerdings hatte Moskau die Lieferungen im Zuge der Konfrontation mit dem Westen nach seinem Angriff auf die Ukraine schon vor der Zerstörung gedrosselt - und dann ganz eingestellt. Die neuere Nord-Stream-2-Pipeline war bereits mit Gas gefĂŒllt, aber mangels Zertifizierung noch nicht in Betrieb.

Dass es kein Unfall war, urteilte die schwedische Staatsanwaltschaft bereits vor mehr als einem halben Jahr. Die Explosionen ließen sich auf schwere Sabotage zurĂŒckfĂŒhren, erklĂ€rte der Staatsanwalt Mats Ljungqvist Mitte November. Analysen hĂ€tten Sprengstoffreste an mehreren Fremdkörpern gezeigt. Ex-BND-PrĂ€sident Gerhard Schindler hatte der «Welt» kurz nach dem Vorfall gesagt, eine «unbemerkte, konspirative BeschĂ€digung von Pipelines in 80 Meter Tiefe in der Ostsee» weise klar auf einen staatlichen Akteur hin.

Die «Andromeda»-Spur

In Deutschland haben die Ermittler Berichten zufolge eine gecharterte Segeljacht in den Fokus genommen, mit der das Sabotageteam mutmaßlich unterwegs war. ARD, SWR und «Zeit» hatten im MĂ€rz berichtet, dass ein Kommando den Ermittlungen zufolge von Rostock aus in See gestochen sein soll. Spuren sollen demnach auch in die Ukraine fĂŒhren. So hieß es in dem Bericht, die Jacht soll von einer Firma mit Sitz in Polen angemietet worden sein, die offenbar zwei Ukrainern gehöre.

Auch von Zwischenstopps der Jacht in Wiek auf RĂŒgen und an der dĂ€nischen Insel ChristiansĂž nordöstlich von Bornholm war die Rede. SpĂ€teren Medienberichten zufolge handelte es sich um das Schiff «Andromeda» eines Vermieters von der Insel RĂŒgen.

TatsĂ€chlich bestĂ€tigte die Bundesanwaltschaft, die seit Mitte Oktober in der Sache ermittelt, man habe im Januar ein verdĂ€chtiges Schiff durchsuchen lassen. Zudem erkundigte sich das Bundeskriminalamt nach Angabe eines der Betreiber des Jachthafens in Wiek nach SchiffsankĂŒnften im September 2022. DĂ€nische Behörden haben zudem auf ChristiansĂž nach einem Boot im fraglichen Zeitraum gesucht.

Laut Staatsanwaltschaft in Danzig weisen die polnischen Ermittlungen darauf hin, dass die Jacht tatsĂ€chlich mit sechs Menschen auch nach Polen gesegelt sei und einen Hafen angefahren habe. Nach einem zwölfstĂŒndigen Aufenthalt habe sie die polnischen HoheitsgewĂ€sser aber wieder verlassen. WĂ€hrend des Aufenthalts seien keine GegenstĂ€nde an Bord genommen worden, auch der Grenzschutz habe die Besatzung kontrolliert. Es gebe aber keine direkten Beweise fĂŒr eine Beteiligung der Personen auf der «Andromeda» an der BeschĂ€digung der Nord-Stream-Pipelines.

Polnische Medien hatten zuvor schon unter Berufung auf Ermittler berichtet, es gebe keine Beweise dafĂŒr, dass die Jacht aus Polen in das Gebiet der Pipeline-SchĂ€den gesegelt sei.

Eine Spur der deutschen Ermittler fĂŒhrt auch ins brandenburgische Frankfurt-Oder. Hier wurde laut Bundesanwaltschaft die Wohnung einer nicht verdĂ€chtigen Person am 25. Mai durchsucht. Nach Recherchen von NDR, WDR und «SĂŒddeutsche Zeitung» soll es sich dabei offenbar um die ehemalige LebensgefĂ€hrtin eines ukrainischen TatverdĂ€chtigen handeln.

Russische Schiffsbewegungen in Skandinavien im Fokus

WĂ€hrend in Deutschland vor allem die «Andromeda» im Zentrum von Berichten und Spekulationen steht, gilt die mediale Aufmerksamkeit in Skandinavien in erster Linie einer anderen Spur - und die fĂŒhrt nach Russland. Wie Investigativjournalisten aus Schweden, Norwegen, DĂ€nemark und Finnland in einer aufwendigen Dokumentation berichteten, haben sich in den Monaten und Tagen vor den Explosionen mehrere russische MilitĂ€rschiffe in der NĂ€he der Tatorte aufgehalten.

Dabei sollen die Schiffe ihre Sender abgestellt haben und somit unter dem Radar gefahren sein. Ein Flottenschiff mit abgestelltem Sender und der Möglichkeit zu UnterwassereinsĂ€tzen, der Schlepper «SB-123», sei fĂŒnf Tage vor den Detonationen an den Explosionsorten gewesen, zwei weitere - die «Sibirjakow» und ein anderes, das nicht identifiziert wurde - bereits im Juni. Das dĂ€nische MilitĂ€r hatte zuvor bereits bestĂ€tigt, dass das russische Spezialschiff «SS-750» vier Tage vor den Detonationen in TatortnĂ€he fotografiert worden war. Das Schiff verfĂŒgt ĂŒber ein Mini-U-Boot mit Greifarmen.

FrĂŒhzeitige Hinweise?

FĂŒr Aufsehen sorgte jĂŒngst ein Artikel in der «Washington Post», demzufolge die US-Regierung drei Monate vor den Explosionen von einem europĂ€ischen Geheimdienst von einem Plan des ukrainischen MilitĂ€rs erfahren haben soll. Demnach sollte ein geheimer Angriff auf die Pipelines mithilfe von Tauchern durchgefĂŒhrt werden. Auch wenn die USA die Berichte zunĂ€chst nicht unabhĂ€ngig bestĂ€tigen hĂ€tten können, schrieb das Blatt weiter, seien die Informationen mit den Geheimdiensten Deutschlands und anderer LĂ€nder geteilt worden. Das Weiße Haus kommentierte den Bericht nicht.

Die GlaubwĂŒrdigkeit frĂŒhzeitiger Hinweise wurde damals nach dpa-Informationen von denjenigen in den Sicherheitsbehörden, die davon wussten, als niedrig eingestuft. Was die deutschen Behörden dann nach dem Anschlag von einem auslĂ€ndischen Nachrichtendienst hörten, soll deutlich konkreter gewesen sein und auch nĂŒtzliche Ansatzpunkte fĂŒr die Ermittlungen geliefert haben, die dann auch zu dem durchsuchten Boot fĂŒhrten.

Im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages, das geheim tagt, war der Anschlag nach dpa-Informationen schon mehrfach Thema. Von belastbaren Ermittlungsergebnissen, die klar zu den TÀtern weisen, ist jedoch bislang nichts zu hören. Wohl auch deshalb waren einige der wenigen Regierungs- und Behördenvertreter, die mit den Zwischenergebnissen vertraut sind, wenig begeistert, als Informationen zu dem gecharterten Boot und möglichen Spuren in Medienberichten auftauchten.

Die Bundesanwaltschaft kommentiert Medienberichte in der Regel nicht oder gibt sich nur wortkarg. Die offizielle und auch von Generalbundesanwalt Peter Frank zitierte Sprachregelung lautet: «Belastbare Aussagen hierzu, insbesondere zur Frage der staatlichen Steuerung, können derzeit nicht getroffen werden.»

Ukraine, Polen und Russland bestreiten Beteiligung

Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj bestritt eine Beteiligung seiner Regierung an den Sabotage-Aktionen. «Nichts dergleichen hat die Ukraine getan. Ich wĂŒrde nie so handeln», sagte Selenskyj jĂŒngst in einem Interview von «Bild», «Welt» und «Politico». Er forderte Beweise fĂŒr solche Behauptungen. In der Ukraine selbst wird zu dem Vorgang nicht ermittelt.

Auch Polen bestreitet eine Verbindung zur Sabotage. «Die in Medien verbreitete Behauptung, Polen sei eine logistische Drehscheibe fĂŒr die Sprengung der Nord Stream-Pipeline gewesen, ist völlig unwahr und wird durch die Beweise der Ermittlungen nicht gestĂŒtzt», teilte die Staatsanwaltschaft in Danzig mit. Das «Wall Street Journal» hatte berichtet, deutsche Ermittler prĂŒften Beweise, die darauf hindeuteten, dass das Sabotage-Team Polen als operative Basis genutzt habe. Der Sprecher des Koordinators der Geheimdienste, Stanislaw Zaryn, hatte auf Twitter geschrieben: «Die Hypothese bleibt gĂŒltig, dass die Sprengung von Russland begangen wurde, welches ein Motiv und die FĂ€higkeit hatte, eine solche Operation durchzufĂŒhren.»

Moskau hat VorwĂŒrfe, an der Sabotage von Nord Stream beteiligt zu sein, stets dementiert und fordert seit der Explosion der Pipelines im vergangenen Herbst, an den Untersuchungen beteiligt zu werden. Die Ermittlungen der EuropĂ€er kritisiert der Kreml als intransparent und zweifelhaft. Auf eigener Seite hat der russische Inlandsgeheimdienst FSB zwei Tage nach dem Vorfall ein Verfahren wegen Terrorismus eingeleitet. Auch das Zentrale Ermittlungskomitee ist an der Sache dran. Konkrete Ergebnisse hat Moskau bisher nicht prĂ€sentiert. FĂŒr Russland ist die Sache aber auch so klar: Die Nord-Stream-Pipelines wurden mithilfe westlicher Geheimdienste gesprengt.

Ermittlungsergebnisse noch im Herbst?

Die Bundesanwaltschaft mĂŒsste am Ende ihrer Arbeit gerichtstaugliche Ergebnisse gegen konkrete Beschuldigte vorlegen. Was darunter fĂ€llt, stĂŒnde erst am Ende der Ermittlungen fest. Und diese können sich ziehen: Derzeit sei kein Abschluss in Sicht, sagte eine Sprecherin. Erst wenn in einigen Jahren die VerjĂ€hrung eintritt, dĂŒrfe die Behörde nicht weiter ermitteln.

Der schwedische Staatsanwalt Ljungqvist glaubt aber, dass man die Verantwortlichen fĂŒr die Tat am Ende doch benennen kann. Er hoffe, dass man im Herbst Stellung zur TĂ€terfrage nehmen könne - das sei zumindest das Ziel, sagte er jĂŒngst im schwedischen Radio.

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