EU-Abgeordnete stimmen fĂŒr Aufweichung des Verbrenner-Aus
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 18:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(neu: Wahlergebnis nach Fraktionen ergÀnzt)
BRĂSSEL (dpa-AFX) - Eine Aufweichung europĂ€ischer Klimaregeln und damit die Lockerung des sogenannten Verbrenner-Aus wird immer konkreter. Der Umweltausschuss des Europaparlaments hat sich fĂŒr einen entsprechenden Vorschlag ausgesprochen. Er hĂ€tte zur Folge, dass die Autoindustrie auch nach 2035 weiter neue Verbrenner und Hybridfahrzeuge verkaufen könnte, ohne Strafzahlungen fĂŒrchten zu mĂŒssen.
Voraussichtlich im Dezember wird das EuropĂ€ische Parlament als Ganzes abstimmen. Parallel arbeiten in diesen Wochen auch die 27 EU-Staaten an einer gemeinsamen Position. Ohne eine Einigung der Staatenvertreter und des Parlaments tritt keine Ănderung in Kraft.
Das ist der Hintergrund
Bislang ist vorgesehen, dass Neuwagen in der EU ab 2035 im Betrieb kein klimaschĂ€dliches Kohlenstoffdioxid (CO2) mehr ausstoĂen dĂŒrfen. Andernfalls drohen Strafzahlungen fĂŒr die Hersteller. Hintergrund ist das Ziel der EU, in den kommenden Jahren klimaneutral zu werden, also nur noch so viel CO2 auszustoĂen, wie auch wieder gebunden werden kann.
Die EU-Kommission schlug nach BemĂŒhungen von Deutschland und der Autoindustrie aber im Dezember vor, weiter Autos mit Verbrennungsmotor neu zuzulassen. Die Hersteller sollen dem Vorschlag zufolge ihre durchschnittlichen Emissionen nur noch um 90 Prozent reduzieren mĂŒssen. Die restlichen 10 Prozent mĂŒssten sie durch CO2-neutrale Kraftstoffe oder grĂŒnen Stahl kompensieren.
Das hat der Ausschuss beschlossen
Die Abgeordneten des Umweltausschusses gehen sogar noch etwas weiter: Sie wollen, dass der CO2-AusstoĂ von Neuwagen in der EU bis 2035 um 87,5 Prozent im Vergleich zum Ausgangsjahr 2021 zurĂŒckgeht. GrundsĂ€tzlich sollen die Emissionen um 95 Prozent sinken - verbauen die Hersteller klimafreundlich hergestellten Stahl, dĂŒrfen sie aber um weitere 7,5 Prozentpunkte nach unten ausscheren, ohne Strafzahlungen fĂŒrchten zu mĂŒssen.
Unter anderem sollen zudem kleine Elektrofahrzeuge aus der EU bei der Berechnung der durchschnittlichen Emissionen eines Herstellers stÀrker gewichtet werden und sich damit besonders vorteilhaft auf dessen Emissionsbilanz auswirken.
Eine Mehrheit von 48 Abgeordneten stimmte dafĂŒr, 30 dagegen, zwei enthielten sich. Die konservative Fraktion EVP, zu der auch CDU und CSU gehören, die sozialdemokratische S&D-Fraktion, zu der die SPD gehört, sowie die liberale Fraktion Renew Europe, zu der die FDP gehört, stimmten geschlossen dafĂŒr. Auch die beiden AfD-Mitglieder im Ausschuss gaben ihre Ja-Stimme. Die rechte Fraktion der EuropĂ€ischen Konservativen und Reformer (EKR), die rechtspopulistische Parteienfamilie Europa der souverĂ€nen Nationen (ESN), das RechtsauĂen-BĂŒndnis Patrioten fĂŒr Europa (PfE), die Linken und GrĂŒne/EFA votierten dagegen.
Dem war eine VerstÀndigung von UnterhÀndlern der EVP, S&D und Renew Europe vorangegangen. Zusammen kommen die drei politischen Gruppen im Parlament auf eine Mehrheit. Allerdings könnten Abgeordnete ihr Votum im Plenum von einer Einigung zur Industrieförderung abhÀngig machen.
Weniger Anreize fĂŒr Umstellung auf E-Autos
Auf Seiten der EU-Staaten hatten Deutschland und Frankreich vor kurzem einen Vorschlag vorgelegt, der ebenfalls eine weitreichende Aufweichung des Verbrenner-Aus bedeutet. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fasste zusammen: "Das Verbrenner-Aus ist dann damit Geschichte."
Der Kompromiss der beiden groĂen Autonationen sieht unter anderem vor, dass die Hersteller ihre durchschnittlichen Emissionen ab 2035 nur noch um 90 Prozent reduzieren mĂŒssten, ohne die verbleibenden 10 Prozent kompensieren zu mĂŒssen. Hersteller hĂ€tten damit weniger Anreize fĂŒr eine Umstellung. Sie könnten weiter neue Benzin- und Dieselfahrzeuge verkaufen, solange ihre Neuwagenflotte den vorgeschriebenen Grenzwert einhĂ€lt.
E-Autos sind sehr gefragt
Elektroautos sind in Deutschland stark nachgefragt. Mehr als jedes dritte im Oktober neu zugelassene Auto war nach neuen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) ein reiner Stromer. GrĂŒnde dĂŒrften die E-Auto-PrĂ€mie des Bundes sowie hohe Spritpreise sein. Der Beratungsgesellschaft EY zufolge verlieren die deutschen Konzerne allerdings Monat fĂŒr Monat Marktanteile.
Gleichzeitig hat sich die Fahrzeugproduktion in der EU bereits verÀndert: Der Anteil von Verbrennern an der Gesamtproduktion fiel im Zeitraum von 2020 bis 2025 laut einem im September vorgestellten Bericht des International Council on Clean Transportation (ICCT) von 91 auf 72 Prozent. Der Anteil von batteriebetriebenen E-Autos erreichte im selben Zeitraum 19 Prozent.
Wendepunkt oder Schlingerkurs?
Der federfĂŒhrende Abgeordnete Massimiliano Salini (EVP, Italien) teilte zur Abstimmung mit, sie markiere "einen Wendepunkt fĂŒr die europĂ€ische Automobilindustrie". Die "technologische Freiheit" werde geschĂŒtzt und "die Perspektiven der gesamten Lieferkette wiederhergestellt".
Der GrĂŒnen-Abgeordnete Michael Bloss warnte dagegen vor Folgen fĂŒr europĂ€ische ArbeitsplĂ€tze angesichts der Konkurrenz aus China. "Das politische Hin und Her ist Gift fĂŒr Investitionen und schadet mehr, als die hohen Produktionskosten in der EU."
Christian Kopp, Verkehrsexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), kritisierte: "Wer das Verbrenner-Aus aufweicht, gefĂ€hrdet die Planungssicherheit fĂŒr die Autoindustrie und bremst den Umstieg auf klimafreundliche MobilitĂ€t. Die EU darf ihre Klimaziele nicht den kurzfristigen Interessen einzelner Hersteller opfern."
