Uni, Kassel

Uni Kassel Àndert Zivilklausel - Proteste gehen weiter

Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 13:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der Senat der UniversitĂ€t Kassel hat fĂŒr eine Änderung der sogenannten Zivilklausel gestimmt.

Das teilte die UniversitĂ€t mit. Die Klausel in der neuen PrĂ€ambel der Grundordnung wird damit aufgeweicht. Die bisherige Regelung verpflichtete Forschung, Lehre und Entwicklung zur Ausrichtung auf ausschließlich zivile Zwecke und friedliche Ziele. Der neue Entwurf streicht den expliziten Bezug auf das Zivile und ermöglicht damit Kooperationen mit der RĂŒstungsindustrie.

Nach der Entscheidung gingen laut Polizei mehrere Dutzend Studierende in einen Hörsaal. Von einer Besetzung wolle man zunÀchst noch nicht sprechen, sagte eine Polizeisprecherin. Zudem protestierten mehrere hundert Studierende gegen die Aufweichung der Klausel. Sie skandierten unter anderem "Shame on you" und "Zivilklausel bleibt".

Seit 2013 sah die Grundordnung der Hochschule qua Selbstverpflichtung vor, dass "Forschung und Entwicklung, Lehre und Studium an der UniversitĂ€t Kassel (...) ausschließlich friedlichen Zielen verpflichtet" sind. Damit verbunden war ein Appell an die Forscher, sich an zivilen Zwecken zu orientieren.

KĂŒnftig heißt es in der PrĂ€ambel: "Die UniversitĂ€t Kassel ist in Forschung, Lehre und Transfer der Wahrung des Friedens, der Vermeidung von Krieg und der StĂ€rkung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet. In diesem Sinne sollen Forschung, Lehre und Transfer an der UniversitĂ€t friedlichen Zwecken dienen. Forschende und Lehrende sind sich insbesondere der Problematik einer Abgrenzung zwischen dem zivilen und potenziell militĂ€rischen Nutzen ihres Tuns bewusst. Sie handeln in der Verantwortung, zum friedlichen Zusammenleben der Menschen beizutragen. Dabei unterstĂŒtzt sie die UniversitĂ€t Kassel durch ein geordnetes Verfahren im Rahmen der akademischen Selbstverwaltung."

Ein Sprecher der UniversitÀt erklÀrte, mit dem neuen Text werde der "Friedensauftrag an die UniversitÀt prÀzisiert". Die Betonung liege darauf, dass Forschung, Lehre und Transfer an der Uni friedlichen Zwecken dienen und gehe auch "nochmal genau auf die Schwierigkeit ein zwischen zivilen und militÀrischen Zwecken innerhalb dieser Forschungsinstitution".

Entscheidung im Sommer vertagt

In einer ersten Lesung im Sommer hatte der Senat bereits eine neue Fassung beschlossen. "Die UniversitĂ€t Kassel ist in Forschung, Lehre und Transfer der Wahrung des Friedens, der Vermeidung von Krieg und der StĂ€rkung der Demokratie verpflichtet", hieß es darin. "Forschende und Lehrende sind sich der Problematik einer Abgrenzung zwischen zivilem und potenziell militĂ€rischem Nutzen ihres Tuns bewusst. Sie handeln in der Verantwortung, zum friedlichen Zusammenleben der Menschen beizutragen."

Die Entscheidung ĂŒber die Neuformulierung wurde damals aber vertagt. Denn an der Aufweichung der Klausel gab es massive Kritik, etwa aus der Studierendenschaft.

Urabstimmung der Studierenden

So hatte die Initiative "Zivilklausel bleibt" fĂŒr den Erhalt der Klausel in ihrer bisherigen Form gekĂ€mpft. Mit der Abschaffung habe sich der Senat dem Druck der RĂŒstungskonzerne gebeugt und das Vertrauen seiner Studierenden und BeschĂ€ftigten missbraucht, teilte sie nach der Entscheidung mit. Der Protest sei noch nicht vorbei, sagte Sprecherin Amalia Hast. "Wir fordern die Selbstverpflichtung zu zivilen Zwecken und werden uns weiter dafĂŒr einsetzen, dass der Friedensbegriff die BedĂŒrfnisse der Menschen und nicht die Profitinteressen der RĂŒstungskonzerne in den Mittelpunkt stellt."

82,3 Prozent der Studierenden der UniversitĂ€t Kassel hatten sich zuletzt in einer Urabstimmung fĂŒr den Erhalt der bestehenden Zivilklausel ausgesprochen. Sie stimmten nach Angaben der Initiative fĂŒr die bisherige Fassung und die Errichtung einer unabhĂ€ngigen, bindenden und transparenten Ethikkommission. 16,9 Prozent stimmten demnach fĂŒr die Abschaffung der Klausel. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 18,7 Prozent.

Initiative von BeschĂ€ftigten fĂŒr Erhalt

Auch die BeschĂ€ftigteninitiative "Zivile Uni Kassel" war fĂŒr den Erhalt und die StĂ€rkung der bisherigen Klausel eingetreten. 476 BeschĂ€ftigte, darunter 50 Professorinnen und Professoren, hatten der Initiative zufolge dieses Anliegen in einer Petition unterstĂŒtzt. MilitĂ€rische Forschung und Lehre widersprĂ€chen dem Profil der UniversitĂ€t Kassel, das fĂŒr eine sozial gerechte und ökologisch wie ökonomisch tragfĂ€hige Zukunft stehe, hatte sie argumentiert.

"Die Neuformulierung der Zivilklausel wird der UniversitĂ€t und ihrem Profil nachhaltig schaden", so Sprecher Anil Shah. Die professorale Mehrheit im Senat habe das klare Stimmungsbild von Studierenden und BeschĂ€ftigten ignoriert. "Ein ernsthafter und respektvoller Umgang mit BefĂŒrworter*innen der Zivilklausel fehlte weitgehend."

Mit der Entscheidung haben kĂŒnftig noch drei der 14 hessischen Hochschulen die Zivilklausel in ihren Satzungen verankert - die Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt, die TU Darmstadt und die Hochschule Geisenheim. Damit verpflichten sie sich sinngemĂ€ĂŸ, mit ihrer Forschung ausschließlich friedlichen und zivilen Zwecken zu dienen. Sie hatten zuletzt angekĂŒndigt, daran festhalten zu wollen.

Wissenschaftsminister ruft zu Diskurs auf

Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) ruft schon seit lĂ€ngerem zur Debatte ĂŒber diese freiwillige Selbstverpflichtung zum Verzicht auf MilitĂ€rforschung auf. Er appellierte zuletzt an sie, angesichts der verĂ€nderten sicherheitspolitischen Lage die Ausgestaltung und Anwendung bestehender Zivilklauseln zu diskutieren.

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