Erste G7-Nationen erkennen Staat PalÀstina an
22.09.2025 - 06:00:02 | dpa.deDas gaben die Premierminister der drei LĂ€nder, Keir Starmer, Mark Carney, und Anthony Albanese, kurz vor Beginn der UN-Generaldebatte in der kommenden Woche in New York bekannt. Dort dĂŒrfte die Anerkennung durch weitere westliche Staaten wie Frankreich und Belgien folgen, mit der den BemĂŒhungen um eine Zweistaatenlösung neuer RĂŒckenwind verschafft werden soll.
GroĂbritannien und Kanada sind die ersten der wirtschaftsstarken westlichen G7-Staaten, die damit einen PalĂ€stinenser-Staat anerkennen - die USA als Israels engster VerbĂŒndeter und auch Deutschland lehnen einen solchen Schritt zu diesem Zeitpunkt dagegen ab.
Noch am Sonntagabend verkĂŒndete auch Portugal, einen PalĂ€stinenser-Staat anzuerkennen. Weltweit haben bereits knapp 150 der 193 UN-Mitgliedstaaten einen palĂ€stinensischen Staat anerkannt. Aus palĂ€stinensischer Sicht ist aber gerade die Entscheidung mehrerer fĂŒhrender westlicher Staaten von besonderer Bedeutung. Wenn nach GroĂbritannien wie geplant auch Frankreich folgt, dann haben einschlieĂlich Russland und China vier der fĂŒnf UN-VetomĂ€chte einen Staat PalĂ€stina anerkannt - einzig die USA nicht.
Neuer Schwung fĂŒr die Zweistaatenlösung?
"Angesichts des wachsenden Schreckens im Nahen Osten handeln wir, um die Möglichkeit von Frieden und einer Zweistaatenlösung zu wahren", sagte Starmer bei der VerkĂŒndung des britischen Beschlusses in einer Videobotschaft auf der Plattform X. Es gehe bei der Anerkennung um ein sicheres Israel neben einem lebensfĂ€higen palĂ€stinensischen Staat - im Moment habe man weder das eine noch das andere, sagte er.
Albanese erklĂ€rte, die Anerkennung sei Teil koordinierter internationaler BemĂŒhungen, neuen Schwung fĂŒr eine Zweistaatenlösung zu schaffen. Er machte gleichzeitig aber auch klar: "Die Terrororganisation Hamas darf keine Rolle in PalĂ€stina spielen."
Der palĂ€stinensische PrĂ€sident Mahmud Abbas bedankte sich und sprach von einem "wichtigen und notwendigen Schritt in Richtung eines gerechten und dauerhaften Friedens". Die britische Anerkennung werde den Weg fĂŒr die Umsetzung einer Zweistaatenlösung bereiten, der friedlich Seite an Seite mit Israel existieren werde.
Kritik aus Israel: "Belohnung fĂŒr die Hamas"
Der israelische MinisterprĂ€sident Benjamin Netanjahu verurteilte die Anerkennung als "enorme Belohnung" fĂŒr Terror nach dem Massaker in Israel am 7. Oktober 2023. Israel werde erst nach seiner RĂŒckkehr von einer Reise in die USA auf die Anerkennung reagieren, erklĂ€rte er nach Angaben seines BĂŒros weiter. "Es wird keinen palĂ€stinensischen Staat westlich des Jordan-Flusses geben", sagte Netanjahu. Westlich des Jordan-Flusses liegen Israel, das Westjordanland und der Gazastreifen.
Ultrarechte israelische Politiker wie Finanzminister Bezalel Smotrich und Polizeiminister Itamar Ben-Gvir verurteilten die Anerkennung ebenfalls scharf. Als GegenmaĂnahme forderten sie eine Annexion des besetzten Westjordanlands - was einen eigenen palĂ€stinensischen Staat in noch weitere Ferne rĂŒcken lieĂe. Israels OppositionsfĂŒhrer Jair Lapid bezeichnete den Schritt GroĂbritanniens, Australiens und Kanadas als "diplomatische Katastrophe" und ebenfalls als "eine Belohnung fĂŒr den Terror".
London verweist auf katastrophale Lage im Gazastreifen
Starmer hatte Israel bereits Ende Juli mit der Anerkennung eines palĂ€stinensischen Staates gedroht. Damals machte er die Entscheidung noch davon abhĂ€ngig, ob Israel seinen Kurs im Gaza-Krieg Ă€ndern wĂŒrde. Seine Regierung fordert unter anderem eine sofortige Waffenruhe sowie mehr humanitĂ€re Hilfe fĂŒr die not- und hungerleidende Bevölkerung im Gazastreifen.
Fraglich ist, ob die weitgehend symbolische Anerkennung neuen Schwung auf dem Weg hin zu einer Zweistaatenlösung bringt. Damit ist die Errichtung eines unabhĂ€ngigen palĂ€stinensischen Staates gemeint, der friedlich Seite an Seite mit Israel existieren soll. Dieses Modell gilt als das international anerkannte Ziel fĂŒr eine Lösung des Nahost-Konflikts. Deutschland setzt daher weiterhin auf eine Verhandlungslösung - auch wenn alle Versuche einer friedlichen Einigung bisher gescheitert sind. Die letzten GesprĂ€che dazu gab es 2014.
Israels Ablehnung der Zweistaatenlösung
Israels Regierungschef Netanjahu hatte die Idee eines entmilitarisierten palĂ€stinensischen Staates einst ebenfalls unterstĂŒtzt, rĂŒckte dann jedoch davon ab. Seine gegenwĂ€rtige rechtskonservative Regierung lehnt eine Zweistaatenlösung strikt ab. Sie betrachtet einen palĂ€stinensischen Staat als eine Gefahr fĂŒr die Existenz Israels.
Netanjahus Regierung treibt gleichzeitig den Siedlungsausbau im Westjordanland und in Ost-Jerusalem stetig voran. In den Gebieten leben mehr als 700.000 Siedler neben rund drei Millionen PalĂ€stinensern. Die PalĂ€stinenser beanspruchen sie ebenso wie den Gazastreifen fĂŒr ihren eigenen Staat.
Durch Israels fortschreitende Besiedlung bliebe davon jedoch schon heute nur ein "Flickenteppich" ĂŒbrig. Insofern kommt der VorstoĂ der westlichen LĂ€nder de facto einer eher symbolischen Anerkennung eines Staates ohne Land gleich. Auch der britische Vize-Premier David Lammy rĂ€umte bei Sky News ein, eine Anerkennung bedeute nicht, dass ĂŒber Nacht ein palĂ€stinensischer Staat entstehen werde.
Hamas will Zerstörung Israels und islamischen Staat
Auch die Hamas, die 2007 gewaltsam die alleinige Kontrolle im Gazastreifen an sich gerissen hatte, lehnt eine Zweistaatenlösung ab. Sie will Israel zerstören und stattdessen einen islamischen Staat auf dem gesamten Gebiet des historischen PalÀstina errichten.
Die gemĂ€Ăigtere PalĂ€stinensische Befreiungsorganisation PLO, die im Westjordanland die Autonomiebehörde dominiert und international die Interessen der PalĂ€stinenser wahrnimmt, befĂŒrwortet hingegen die Zweistaatenlösung.
Internationale Empörung ĂŒber Israels Vorgehen in Gaza
Der Krieg im Gazastreifen hatte mit dem beispiellosen Ăberfall der Hamas und weiterer islamistischer Terroristen auf Israel am 7. Oktober 2023 begonnen. Dabei wurden rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 in den Gazastreifen verschleppt. Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums in Gaza wurden im Kriegsverlauf bereits mehr als 65.000 PalĂ€stinenser getötet, darunter zahlreiche Frauen und Kinder.
Im Gazastreifen, in dem rund zwei Millionen PalĂ€stinenser leben, herrscht Hilfsorganisationen zufolge inzwischen eine dramatische humanitĂ€re Krise. Es fehlt vielen Menschen am Allernötigsten, Hunderttausende mussten wegen KĂ€mpfen bereits mehrfach fliehen. FĂŒr Teile der Stadt Gaza und einige Nachbarorte wurde zudem eine Hungersnot erklĂ€rt.
Israel kontrolliert die Zufuhr von HilfsgĂŒtern in den abgeriegelten KĂŒstenstreifen. Diese Versorgung ist internationalen Organisationen zufolge schon seit Monaten viel zu gering.
JĂŒngst startete Israel auch eine höchst umstrittene Bodenoffensive in der Stadt Gaza, in der Hunderttausende PalĂ€stinenser leben. Ziel ist es laut Regierungsangaben, dort eine der letzten Hamas-Hochburgen zu zerschlagen und die Freilassung der Geiseln zu erzielen. Im Gazastreifen befinden sich noch 48 Geiseln. Nach israelischen Informationen dĂŒrften 20 von ihnen noch leben.
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