Reiche geht mittelfristig von sinkenden Strompreisen aus
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 13:34 Uhr | dpa.de(neu: Reaktion Bundesverband Kooperierender Mittelstand)
BERLIN (dpa-AFX) - Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rechnet mittelfristig mit sinkenden Strompreisen in Deutschland. "SpĂŒrbare Entlastungen werden wir erst in den 2030er Jahren sehen", sagte die CDU-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur.
Sie wies auĂerdem Kritik zurĂŒck, mit ihren ReformplĂ€nen werde die Energiewende ausgebremst. "Die Energiewende wird nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit fĂŒr die BĂŒrger, der Erhalt der WettbewerbsfĂ€higkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeld zusammenkommen."
Der Bundesverband Kooperierender Mittelstand, der Unternehmensgruppen, Franchise-Systeme und Genossenschaften vertritt, verlangte schnellere Entlastung bei den Strompreisen. "BĂ€ckereien, HĂ€ndler, Dienstleister und viele andere mittelstĂ€ndische Unternehmen mĂŒssen ihre Stromrechnung heute bezahlen - nicht erst in zehn Jahren", so der Verband. Die Bundesregierung mĂŒsse die Stromsteuer nun fĂŒr alle senken.
Reformvorhaben
Das Kabinett hatte eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) sowie ein Netzpaket auf den Weg gebracht. Reiche sagte, die Energiewende solle kosteneffizienter werden, weil steigende Energiepreise den Wirtschaftsstandort Deutschland belasteten. Dazu kĂ€men Belastungen im Haushalt. "Heute gibt der Bund fĂŒr die EEG-Förderung 17 Milliarden Euro aus. Tendenz steigend", sagte Reiche.
Ohne Reformen wĂŒrde die Belastung im Bundeshaushalt weiter wachsen. "Wir tragen bis heute die Folgen sehr weit zurĂŒckliegender Förderentscheidungen. Die teuerste EEG-Novelle war aus meiner Sicht jene aus dem Jahr 2014. Ihre Förderzusagen wirken ĂŒber 20 Jahre nach - diese Last tragen wir bis heute." Genau deshalb werde das EEG jetzt neu aufgestellt.
"Mein Ziel ist mehr Markt und weniger Dauerförderung." Der EEG-"Förderberg" baue sich erst ĂŒber viele Jahre ab, sagte Reiche. "Entscheidend ist, ihn nicht wieder so stark anwachsen zu lassen und neue Förderzusagen so auszugestalten, dass das EEG 2027 kosteneffizienter ist."
Geplant ist zum Beispiel, dass ab 2027 neue Solaranlagen unter 25 Kilowatt installierter Leistung, vor allem kleine Dach-Photovoltaik, keine dauerhafte Förderung mehr bekommen.
Netzpaket
"Bislang gilt bei den Erneuerbaren ein Grundsatz, den es in keinem anderen Markt gibt: Auch Strom, der produziert, aber wegen NetzengpĂ€ssen nicht genutzt werden kann, wird vergĂŒtet", sagte die Ministerin. "FĂŒr abgeschalteten Strom gibt es also dieselbe VergĂŒtung wie fĂŒr tatsĂ€chlich genutzten Strom. Von diesem Prinzip lösen wir uns jetzt Schritt fĂŒr Schritt." Dies mache die Energiewende bezahlbarer, wettbewerbsfĂ€higer und damit auch langfristig akzeptanzfĂ€higer.
Die Netzentgelte als wesentlicher Kostenblock hĂ€tten sich in den vergangenen Jahren zu einem der gröĂten Treiber der Strompreise entwickelt, sagte Reiche. "Warum? Weil der Ausbau der erneuerbaren Energien und der gesetzliche Anspruch auf einen Netzanschluss - unabhĂ€ngig davon, wo Anlagen entstehen - vielfach einen Netzausbau erforderlich gemacht haben, der ĂŒberhaupt nicht zeitgerecht zu realisieren war."
Das sei nicht effizient und fĂŒhre zu erheblichen Mehrkosten fĂŒr die Stromverbraucher, sagte die Ministerin. "Genau hier setzen wir an. KĂŒnftig steuern wir den Ausbau insbesondere von Windenergie, aber auch von FreiflĂ€chen-Photovoltaik, stĂ€rker dorthin, wo bereits NetzkapazitĂ€ten vorhanden sind oder das Netz den zusĂ€tzlichen Strom aufnehmen kann." So sollen unnötiger Netzausbau vermieden, Kosten gesenkt und das Gesamtsystem effizienter gemacht werden.
"Mittelfristig" sinkende Preise
Auf die Frage, ob sie von sinkenden Strompreisen auch fĂŒr den Verbraucher ausgehe, antwortete Reiche: "Mittelfristig, aber nicht kurzfristig." Die Ministerin sagte, die alten EEG-Förderzusagen wĂŒrden gelten. AuĂerdem sei bisher das Netz auf eine AnschlusskapazitĂ€t von 100 Prozent ausgelegt gewesen. Diese wird aber laut Ministerium selten erreicht. Mit dem Netzpaket soll das geĂ€ndert werden, so dass Netzausbaukosten sinken sollen. Das braucht aber Zeit.
Ein wichtiger Hebel sei der Gaspreis, so die Ministerin. "Je gĂŒnstiger unsere Gasimporteure Gas einkaufen können, desto niedriger sind auch die Kosten der Stromerzeugung. Deshalb ist es so wichtig, Gas langfristig, diversifiziert und zu verlĂ€sslichen Konditionen preisgĂŒnstig zu beschaffen. So können wir Preisschwankungen besser abfedern und verhindern, dass sie unmittelbar bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommen."
IndustrieverbĂ€nde hatten die geplante Neuausrichtung der Energiepolitik begrĂŒĂt. So sagte Wolfgang GroĂe Entrup, HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer des Verbandes der Chemischen Industrie: "Es ging viel zu lange nur um ungezĂŒgeltes Wachstum der Erneuerbaren." Hohe Systemkosten hĂ€tten dem Standort Deutschland die nahezu höchsten Stromkosten unter den IndustrielĂ€ndern beschert. Dies sei ein erheblicher Nachteil im Wettbewerb.
Ministerin zu Kritik an PlÀnen
Die GrĂŒnen, VerbĂ€nde der erneuerbaren Energien sowie UmweltverbĂ€nde werfen Reiche vor, die Energiewende auszubremsen. So kritisierte der Bundesverband Erneuerbare Energie, die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien seien auf Grundlage der PlĂ€ne faktisch nicht zu erreichen. Der Bundesverband Windenergie warnte von einem Ausbaustopp.
"Ich nehme die Kritik aus der Branche ernst", sagte Reiche. Gleichzeitig biete das Gesetz so viele Investitionsmöglichkeiten und ein so verlÀssliches Investitionsumfeld, dass viele Kritikpunkte nicht nachvollziehbar seien.
"Die Windbranche weiĂ, dass sie mit der Novelle sogar 12 Gigawatt mehr ausbauen kann als ursprĂŒnglich geplant", sagte Reiche. "Gleichzeitig geben wir klare Signale, wo dieser Ausbau stattfinden soll - nĂ€mlich dort, wo ausreichend NetzkapazitĂ€ten vorhanden sind." Das sei bei mehr als 90 Prozent der deutschen Umspannanlagen der Fall, auch in Windvorranggebieten: "Es gibt ausreichend gute Standorte und Projekte."
