ROUNDUPSiedler, Kusra

Familie lebt in stÀndiger Angst

Veröffentlicht am: 18.08.2026 um 13:38 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Auch am zehnten Tag der Belagerung palÀstinensischer HÀuser in dem Ort Kusra im Westjordanland durch radikale israelische Siedler harrt die betroffene Familie weiterhin in ihrem Zuhause aus.

Israels Armee und Polizei haben die Blockade bislang nicht beendet, wie der Dorfvorsteher Abdul Asim al-Wadi der Deutschen Presse-Agentur bestÀtigte.

Die Familie stehe unter "enormem Druck", sagte einer der BrĂŒder, Ahed Abu Rida, der telefonisch mit seinen in Kusra eingeschlossenen Angehörigen in Kontakt ist. Sie könnten kaum schlafen, weil sie stĂ€ndig Angst hĂ€tten, Siedler oder Soldaten könnten in das Haus eindringen. "Sie können das Haus nicht verlassen, weil sie befĂŒrchten, dass die Siedler es besetzen wĂŒrden, wenn sie es tĂ€ten", sagte er. Auch wĂŒssten sie nicht, wie lange die Situation noch andauern werde. "Die Ungewissheit und Unsicherheit, in der sie leben, ist zermĂŒrbend."

Versorgung wiederhergestellt

Der Mitbesitzer eines der belagerten HĂ€user, der auch US-StaatsbĂŒrger ist, war am Montag aus den USA zurĂŒckgekommen, um das GebĂ€ude zu verteidigen. Videoaufnahmen von Montagabend zeigten, wie Luai Abu Rida auf dem Dach eine US-Flagge hisste.

Der Dorfvorsteher sagte, man habe zwar die von den Siedlern gekappte Versorgung der HĂ€user mit Wasser und Strom wiederherstellen können. Es bestehe jedoch die Sorge, Lebensmittel und Medikamente könnten zur Neige gehen. Am Sonntag hatte ein Team des UN-Kinderhilfswerks Unicef der Familie HilfsgĂŒter sowie Lern- und Spielmaterial fĂŒr die Kinder gebracht.

Wer geht gegen gewalttÀtige Siedler vor?

Die Gewalt israelischer Siedler gegen PalÀstinenser im Westjordanland hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Dem israelischen MilitÀr wird dabei immer wieder vorgeworfen, nicht entschlossen genug gegen solche Angriffe vorzugehen.

Verteidigungsminister Israel Katz hatte die Armee am Freitag angewiesen, einen Plan fĂŒr die Übertragung von Befugnissen zur Durchsetzung des Rechts in zivilen Angelegenheiten - mit Blick auf israelische Siedler - auf die Polizei auszuarbeiten. "Die Aufgabe der israelischen Armee ist es, den palĂ€stinensischen Terror zu bekĂ€mpfen und sich auf den Schutz der Grenzen und der Siedlungen vor Bedrohungen zu konzentrieren", sagte Katz.

Die geplante ZustĂ€ndigkeitsĂ€nderung wird von Kritikern als weiterer Schritt zu einer stĂ€rkeren zivilen Kontrolle Israels ĂŒber das im Sechstagekrieg 1967 besetzte Westjordanland gewertet.

Der rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir gilt zudem seit Jahren als glĂŒhender UnterstĂŒtzer der Siedlerbewegung. Kritiker halten es deshalb fĂŒr ausgesprochen unwahrscheinlich, dass die Polizei entschlossener gegen gewalttĂ€tige Siedler vorgehen wird als die Armee - eher im Gegenteil.

Ben-Gvir begrĂŒĂŸte den Vorstoß von Katz am Montag und kĂŒndigte an, ihn umzusetzen. Die Übertragung der Befugnisse von der Armee auf die Polizei sei "ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zu israelischer SouverĂ€nitĂ€t in JudĂ€a und Samaria", der israelischen Bezeichnung fĂŒr das Westjordanland.

Kusra als Beispiel fĂŒr ein grĂ¶ĂŸeres Muster

Das Beispiel von Kusra veranschaulicht nach Ansicht von Kritikern ein breiteres Muster: Siedler blockieren WohnhĂ€user von PalĂ€stinensern, um sie zum Ausziehen zu zwingen, damit sie selbst die GebĂ€ude ĂŒbernehmen können. Sie kappen Strom und Wasser, SicherheitskrĂ€fte gehen kaum dagegen vor. Wenn die PalĂ€stinenser sich wehren, riskieren sie ihr Leben.

Die israelische Expertin Tammy Caner vom Institut fĂŒr Nationale Sicherheitsstudien (INSS) spricht von einer "tiefgreifenden strukturellen VerĂ€nderung der Kontrolle und Verwaltung Israels" im besetzten Westjordanland. Es handele sich um eine gezielte Politik, die im letzten Schritt eine Annexion des gesamten Gebiets anstrebe.

In einer Analyse beschreibt Caner gemeinsam mit Udi Dekel einen Prozess, der auf eine SchwĂ€chung der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde, den Ausbau israelischer Siedlungen und eine stĂ€rkere israelische Kontrolle ĂŒber Land und Verwaltung ziele. Diese Maßnahmen werden als Teil eines umfassenderen Prozesses beschrieben, durch den Israel de facto zunehmend zivile Hoheitsbefugnisse im Westjordanland ausĂŒbe, ohne das Gebiet formell zu annektieren.

Die rechtsreligiöse Regierung von Benjamin Netanjahu setze de facto die PlĂ€ne des rechtsextremen Finanzministers Bezalel Smotrich um. Smotrich wolle im gesamten Westjordanland israelische SouverĂ€nitĂ€t erreichen und damit die Bestrebungen der PalĂ€stinenser nach staatlicher UnabhĂ€ngigkeit begraben. All dies werde mit SicherheitserwĂ€gungen begrĂŒndet.

Dekel warnt vor sicherheitspolitischen Folgen dieser Politik. Je stĂ€rker das Siedlungsprojekt ausgeweitet werde, desto mehr Soldaten mĂŒssten zu seinem Schutz eingesetzt werden und stĂŒnden damit an anderen Fronten nicht zur VerfĂŒgung. Mögliche fatale Auswirkungen hĂ€tten sich bereits wĂ€hrend des Hamas-Überfalls am 7. Oktober 2023 gezeigt, als etwa achtmal mehr SicherheitskrĂ€fte im Westjordanland als an der Grenze zum Gazastreifen im Einsatz gewesen seien.

Siedlungspolitik als Wahlkampfthema

Israel wÀhlt am 27. Oktober ein neues Parlament. Die Frage der Siedlungspolitik und Ausweitung der israelischen Kontrolle im Westjordanland sind wichtige Wahlkampfthemen, mit denen rechte Politiker bei ihrer WÀhlerschaft punkten können.

Israels Vorgehen im Westjordanland fĂŒhrt allerdings immer wieder zu Spannungen mit dem US-VerbĂŒndeten. Selbst der siedlerfreundliche US-Botschafter Mike Huckabee nannte die Siedler in Kusra zuletzt "israelische Terroristen".

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