EZB wartet trotz Inflationsschub ab - Zinserhöhung im Juni?
30.04.2026 - 16:19:51 | dpa.de(Neu: Okonomenstimmen)
FRANKFURT (dpa-AFX) - Die EuropĂ€ische Zentralbank (EZB) hĂ€lt die Leitzinsen im Euroraum trotz des Inflationsschubs infolge des Iran-Kriegs unverĂ€ndert. Der fĂŒr Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt bei 2,0 Prozent, wie die Notenbank entschied. Damit tasten die Euro-WĂ€hrungshĂŒter zum siebten Mal in Folge die Zinsen im Euroraum nicht an.
Volkswirte erwarten jedoch, dass die Zentralbank im Jahresverlauf die Zinsen anheben wird - möglicherweise schon im Juni. "Je lÀnger der Krieg anhÀlt und je lÀnger die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, desto stÀrker wird sich dies voraussichtlich auf die allgemeine Inflation und die Wirtschaft auswirken", sagte EZB-PrÀsidentin Christine Lagarde in Frankfurt. Bereits auf der aktuellen Sitzung des EZB-Rates sei die Möglichkeit einer Zinserhöhung "eingehend diskutiert worden".
Die Französin mahnte zugleich die Politik: Fiskalische Notfallpakete als Antwort auf die deutlich gestiegenen Energiepreise sollten zeitlich begrenzt bleiben. "Reformen sind wichtiger denn je", sagte Lagarde.
Inflation sprunghaft gestiegen
Der Ălpreisschock infolge des Krieges im Nahen Osten hat die Teuerung im WĂ€hrungsraum nach oben getrieben: Im April lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach erster SchĂ€tzung der Statistikbehörde Eurostat um 3,0 Prozent ĂŒber dem Niveau des Vorjahresmonats. Bereits im MĂ€rz war die Inflationsrate mit 2,6 Prozent deutlich erhöht. Entspannung erwartet Lagarde vorerst nicht: Kurzfristig werde die Inflation "merklich ĂŒber zwei Prozent liegen".
Ăkonomen fĂŒrchten, dass die gestiegenen Energiepreise auf die gesamte Wirtschaft ĂŒberspringen und viele Waren und Dienstleistungen teurer werden. Auch der EZB-Rat sieht ein erhöhtes Risiko, dass die Inflation weiter anzieht und zugleich das Wirtschaftswachstum geringer ausfĂ€llt.
Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von 2,0 Prozent im Euroraum an. Bei dieser Marke sieht die Notenbank ihr oberstes Ziel erreicht, fĂŒr einen stabilen Euro zu sorgen und die Kaufkraft der Menschen zu sichern.
Mehrere Zinserhöhungen dieses Jahr erwartet
"Noch kann die EZB abwarten, aber mit jeder Woche, in der die Rohölversorgung der Weltwirtschaft durch die Blockade im Persischen Golf eingeschrĂ€nkt bleibt, steigt fĂŒr die Geldpolitik die Notwendigkeit, die Leitzinsen zu erhöhen", sagt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. "Das schlĂ€gt auch auf die Kreditzinsen durch: keine guten Nachrichten fĂŒr diejenigen, die jetzt eine Baufinanzierung benötigen."
An den FinanzmĂ€rkten werden bis Jahresende drei Leitzinserhöhungen um je 0,25 Prozentpunkte erwartet. Die nĂ€chste Zinsentscheidung steht am 11. Juni an. Mit höheren Zinsen kann die EZB die Inflation im Zaum halten: Dies wĂŒrde Kredite verteuern, was die Nachfrage bremsen und die Teuerung dĂ€mpfen kann. Sparerinnen und Sparer wĂŒrden zugleich von steigenden Leitzinsen profitieren, wenn Banken diese an sie weiterreichen.
Sparzinsen ziehen an
Mit der Erwartung steigender Leitzinsen sind die Sparzinsen bereits gestiegen. Seit Beginn des Iran-Kriegs seien die Festgeldzinsen so stark geklettert wie seit 2023 nicht, beobachtet das Vergleichsportal Verivox. Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit bringen im Schnitt 2,25 Prozent, das sei der höchste Stand seit Anfang 2025. "Beim Festgeld ist die Zinswende schon angekommen", sagt Timo Halbe vom Geldratgeber Finanztip. "Das deutet darauf hin, dass Banken sich auf ein lÀnger höheres Zinsniveau einstellen." Allerdings lag die Inflation in Deutschland zuletzt bei 2,9 Prozent, Sparer verlieren also unter dem Strich Geld.
EZB in der ZwickmĂŒhle
Wie es mit der Geldpolitik der EZB weitergeht, hĂ€ngt maĂgeblich davon ab, wie lange der Iran-Krieg dauert und ob es bei einem zeitlich befristeten Energiepreisschock bleibt oder die jĂŒngste Teuerungswelle die komplette Wirtschaft erfasst. Noch besteht Hoffnung, dass sich die USA und der Iran am Verhandlungstisch einigen.
Schon jetzt trĂŒbt der Krieg die Konjunkturaussichten. Der Internationale WĂ€hrungsfonds (IWF) erwartet, dass die Wirtschaft im Euroraum in diesem Jahr nur um 1,1 Prozent wachsen wird. FĂŒr Europas gröĂte Volkswirtschaft Deutschland sieht es mit 0,8 Prozent noch schlechter aus. Im ersten Quartal gab es fĂŒr die Wirtschaft im Euroraum laut Eurostat ein Mini-Wachstum von gerade einmal 0,1 Prozent.
Höhere Zinsen wĂŒrden Investitionen fĂŒr Unternehmen verteuern. Die EZB steckt in einer ZwickmĂŒhle: Erhöht sie die Zinsen, um die Inflation einzudĂ€mmen, lĂ€uft sie Gefahr, die Wirtschaft abzuwĂŒrgen. Im schlimmsten Fall droht Stagflation: Wirtschaftsflaute bei zugleich deutlich steigenden Preisen.
Schlechte Erinnerungen an Ukraine-Krieg
Die EZB will unbedingt verhindern, dass sie auf eine mögliche neue Preiswelle zu spÀt reagiert. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 stand die Notenbank in der Kritik, den damaligen Preisanstieg lange unterschÀtzt zu haben. Die Inflation im Euroraum schnellte zeitweise auf mehr als zehn Prozent hoch. Mit der Energiekrise stiegen auch die Lebensmittel- und Spritpreise in Deutschland. Die damaligen Preiserhöhungen wirken bis heute nach.
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