Gastgewerbe, RekordumsÀtze

Gastgewerbe: RekordumsĂ€tze tĂ€uschen ĂŒber tiefe Krise hinweg

09.04.2026 - 15:32:07 | boerse-global.de

Trotz nomineller Umsatzsteigerungen verzeichnet die Gastronomie- und Hotelbranche real einen deutlichen RĂŒckgang. Hohe Kosten und Personalmangel belasten die Betriebe, wĂ€hrend Steuerentlastungen kaum an GĂ€ste weitergegeben werden.

Gastgewerbe: RekordumsĂ€tze tĂ€uschen ĂŒber tiefe Krise hinweg - Foto: ĂŒber boerse-global.de

Die deutsche Gastronomie und Hotellerie steckt trotz scheinbarer RekordumsÀtze in einer anhaltenden Realverlust-Spirale. Sechs Jahre nach der Pandemie liegt die Kaufkraft der Branche noch immer deutlich unter dem Niveau von 2019.

Nominaler Schein, realer Verlust

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes fĂŒr 2025 offenbaren ein paradoxes Bild: Zwar stiegen die nominalen UmsĂ€tze um 1,4 Prozent, doch preisbereinigt brachen die Erlöse real um 2,1 Prozent ein. Verglichen mit dem Vorkrisenjahr 2019 fehlen der Branche satte 14,8 Prozent an realer Wirtschaftsleistung. Im Dezember 2025 betrug das Minus sogar 18,0 Prozent.

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„Die RekordumsĂ€tze auf dem Papier sind eine reine Preisinsel“, analysieren Branchenkenner. Die Gastronomie nimmt zwar mehr Geld ein, doch die Einkaufskraft dieser Euros ist durch explodierende Kosten fĂŒr Energie, Lebensmittel und Personal massiv geschrumpft. Besonders hart traf es die Gastronomie mit einem realen UmsatzrĂŒckgang von 2,2 Prozent. Die Beherbergung profitierte dagegen vom Rekord-Tourismusjahr 2025 in Deutschland.

Steuerentlastung kommt nicht beim Gast an

Seit Jahresbeginn gilt fĂŒr Speisen wieder der ermĂ€ĂŸigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Die Branche, angefĂŒhrt von DEHOGA-PrĂ€sident Guido Zöllick, hatte die RĂŒckkehr von der vollen 19-Prozent-Besteuerung lange gefordert. Doch die erhoffte Entlastung fĂŒr die GĂ€ste bleibt aus.

Erste Berichte aus Februar 2026 zeigen: Die Steuerersparnis wird von den Betrieben dringend benötigt, um die gestiegenen Betriebskosten zu decken. Eine Weitergabe in Form niedrigerer Preise ist fĂŒr viele schlicht nicht möglich. Eine Studie zur vorherigen Steuererhöhung 2024 zeigte, dass rund 70 Prozent der Last an die GĂ€ste weitergegeben wurden – die Speisekartenpreise stiegen damals um durchschnittlich acht Prozent.

Personalkrise zwingt zum internationalen Kurs

Die grĂ¶ĂŸte operative Herausforderung ist der akute FachkrĂ€ftemangel. Über 78 Prozent der Betriebe nannten Ende 2025 die Personalkosten als ihr drĂ€ngendstes Problem. Die demografische Entwicklung verschĂ€rft die Lage: Seit 2008 hat sich die Zahl der Auszubildenden in einigen Regionen nahezu halbiert.

Die Antwort heißt Internationalisierung. Rund 430.000 auslĂ€ndische BeschĂ€ftigte arbeiteten Ende 2025 in der Branche. In der Gastronomie stellen sie bereits ĂŒber 50 Prozent der Belegschaft. Das FachkrĂ€fteeinwanderungsgesetz (FEG 2.0) mit der „Chancenkarte“ ab Juni 2024 war ein wichtiger Schritt. Doch bĂŒrokratische HĂŒrden bei Visaverfahren und Anerkennung auslĂ€ndischer Qualifikationen bremsen die dringend benötigte Personalgewinnung aus.

Ruf nach flexibleren Arbeitszeiten

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Neben finanzieller Entlastung fordert die Branche mehr FlexibilitĂ€t im Arbeitsrecht. Bayerns Tourismusministerin Michaela Kaniber und andere Landesvertreter treten fĂŒr eine Modernisierung des Arbeitszeitgesetzes ein. Statt eines starren tĂ€glichen Maximums soll ein flexibleres Wochenkontingent ermöglichen, Spitzenzeiten besser zu bewĂ€ltigen und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu verbessern.

„Mehr FlexibilitĂ€t ist kein Luxus, sondern eine Überlebensfrage fĂŒr traditionelle GasthĂ€user und Hotels“, argumentieren die VerbĂ€nde. Die aktuellen Vorschriften gelten als veraltet fĂŒr eine moderne Dienstleistungswirtschaft. Der bĂŒrokratische Aufwand fĂŒr die Arbeitszeiterfassung wird besonders fĂŒr kleine und mittlere Betriebe zur Belastungsprobe.

Die finanzielle Not zeigt sich in den Insolvenzzahlen: Ende 2024 stiegen die Pleiten in der Branche im Vergleich zu den Vorjahren um 30 Prozent. Fast die HÀlfte aller Gastronomen schÀtzt ihre finanzielle Lage schlechter ein als vor vier Jahren.

Ausblick: 2026 als „Rekrutierungsjahr“

Experten sehen 2026 als entscheidendes „Rekrutierungsjahr“. Der Fokus verschiebt sich vom puren Überleben hin zu langfristiger Personalstrategie. Digitalisierung und der Einsatz von KĂŒnstlicher Intelligenz im Recruiting sollen die PersonallĂŒcken verkleinern.

Strategische Investitionen in Modernisierung plant laut Umfragen vom Herbst 2025 ĂŒber die HĂ€lfte der gastronomischen Betriebe. Doch der Weg zurĂŒck zum Niveau von 2019 bleibt lang. Solange Energie- und Lebensmittelpreise hoch bleiben und die Integration internationaler ArbeitskrĂ€fte an BĂŒrokratie scheitert, wird die reale ErholungslĂŒcke das deutsche Gastgewerbe noch lange prĂ€gen. Die sieben Prozent Mehrwertsteuer sind ein wichtiger Rettungsanker – doch sie allein kann die strukturellen Probleme nicht lösen.

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