Selenskyj offen fĂŒr Referendum zu Frontlinie
18.02.2026 - 08:50:14 | dpa.de(Neu: Aussagen vor neuem Verhandlungstag)
GENF/KIEW/MOSKAU (dpa-AFX) - Die Ukraine lehnt bei Verhandlungen ĂŒber ein Kriegsende die Preisgabe weiterer Gebiete ab, PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj kann sich aber vorstellen, dass seine Landsleute einem Einfrieren des Konflikts an der aktuellen Frontlinie zustimmen könnten. Das sagte Selenskyj dem US-Nachrichtenportal "Axios", bevor heute in Genf russisch-ukrainische GesprĂ€che unter Vermittlung der USA fortgesetzt werden.
Ob die Ukrainer sich unter UmstĂ€nden damit abfinden wĂŒrden, den derzeitigen Frontverlauf als neuen Status quo zu akzeptieren? "Ich denke, dass die Menschen das in einem Referendum akzeptieren wĂŒrden", sagte Selenskyj. "Das ist meine Meinung." Ein solcher Volksentscheid könnte parallel zu PrĂ€sidentschaftswahlen abgehalten werden.
Selenskyj hĂ€lt Gebietsaufgabe fĂŒr unmöglich
Einen von Russland geforderten Abzug der ukrainischen Truppen aus den noch von ihnen gehaltenen Teilen der östlichen Gebiete Luhansk und Donezk lehnte Selenskyj weiter ab. "Emotional werden die Menschen das niemals verzeihen. Niemals", sagte der Staatschef "Axios". Seine Landsleute wĂŒrden nicht verstehen, warum sie zusĂ€tzliche Gebiete abgeben sollen. Selenskyj zufolge hat seine Regierung mit den Amerikanern vereinbart, dass jedes Abkommen eine Zustimmung der ukrainischen Bevölkerung per Referendum erfordert.
Der ukrainische Staatschef will die strittigen Gebietsfragen bevorzugt bei einem direkten Gipfeltreffen mit dem russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin lösen. Er habe der ukrainischen Delegation Anweisung gegeben, diese Frage in Genf anzusprechen. Der Kreml lehnt einen solchen Gipfel zwar nicht direkt ab, sprach aber mehrfach davon, dass ein derartiges Treffen entsprechend vorbereitet werden mĂŒsse - und lĂ€sst kein Interesse an konkreten Vorbereitungen erkennen.
Das einzige direkte Aufeinandertreffen Selenskyjs mit Putin fand bei deutsch-französisch vermittelten Verhandlungen 2019 in Paris statt. Die Beziehungen waren damals schon belastet durch die russische Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim im Jahr 2014 und die als Separatismus getarnte Moskauer MilitÀrintervention in der Ostukraine.
Fortschritte oder Sackgasse in Genf?
Zum ersten Verhandlungstag in Genf am Dienstag kursierten unterschiedliche EinschÀtzungen. Der US-Sondergesandte Steve Witkoff schrieb auf X, die Anstrengungen von PrÀsident Donald Trump, beide Seiten zusammenzubringen, hÀtten "bedeutsame Fortschritte" gebracht. Russische Staatsmedien beschrieben die AtmosphÀre unter Berufung auf Verhandlungskreise als "sehr angespannt". Vor der nÀchsten Runde heute Morgen ab 9.00 Uhr hieà es, man sei auf ernsthafte Arbeit eingestellt.
Der als politischer Beobachter des Portals "Axios" gewöhnlich gut informierte Journalist Barak Ravid schrieb unter Berufung auf eigene Quellen bei X, der politischen Teil der FriedensgesprĂ€che stecke in einer Sackgasse. Grund dafĂŒr seien Positionen des Moskauer VerhandlungsfĂŒhrers Wladimir Medinski. Dem aus der Zentralukraine stammenden russischen Ex-Kulturminister wird nachgesagt, in vorherigen Verhandlungsrunden lĂ€ngere historische VortrĂ€ge zur Geschichte der Ukraine aus russischer Sicht gehalten zu haben.
Selenskyj sieht bei Moskau keinen Friedenswillen
Selenskyj sprach Russland in seiner abendlichen Videobotschaft weiterhin jede echte Verhandlungsbereitschaft ab - die neuerlichen Luftangriffe auf ukrainische StĂ€dte belegten dies. Bezogen auf Medinski sagte er: "Fantasieplaudereien zu historischen Themen haben fĂŒr sie (die Russen) gröĂere Bedeutung." In der Nacht auf Mittwoch wurden durch einen russischen Drohnenangriff auf Saporischschja eine Frau getötet und weitere sechs Personen verletzt.
Die Ukraine wehrt sich seit Februar 2022 mit westlicher Hilfe gegen eine russische Invasion. Seit dem Amtsantritt von US-PrĂ€sident Donald Trump im Januar 2025 versucht das WeiĂe Haus, die Ukraine und Russland ĂŒber Verhandlungen und wechselseitigen Druck zu einem Ende des Krieges zu bewegen. Die europĂ€ischen VerbĂŒndeten der Ukraine beklagen, sie seien dabei als unmittelbare Nachbarn des Konflikts hĂ€ufig ĂŒbergangen worden.
EuropÀische Sicherheitsberater in GesprÀche einbezogen
Ohne vorherige AnkĂŒndigung wurden diesmal laut Presseberichten auch Vertreter der europĂ€ischen BĂŒndnispartner der Ukraine in die GesprĂ€che einbezogen. Zugegen waren demnach die nationalen Sicherheitsberater aus Deutschland, GroĂbritannien, Frankreich und Italien. Dem ukrainischen öffentlich-rechtlichen Sender Suspilne zufolge waren die Berater fĂŒr RĂŒcksprachen am Verhandlungsort in Genf.
SpĂ€ter bestĂ€tigte der ukrainische ChefunterhĂ€ndler Rustem Umjerow gesonderte Treffen mit Vertretern der USA, Deutschlands, Frankreichs, GroĂbritanniens, Italiens und der gastgebenden Schweiz. "Wir haben die Bilanz der heutigen GesprĂ€chsrunde besprochen und die weiteren Schritte abgestimmt. Es ist wichtig eine gemeinsame Sicht und eine Koordination des Vorgehens zwischen der Ukraine, den USA und Europa zu wahren", schrieb Umjerow bei Telegram. Man wisse, dass alle gemeinsam Verantwortung fĂŒr das Ergebnis tragen.
Selenskyjs regulĂ€re Amtszeit als ukrainischer PrĂ€sident lief bereits 2024 ab. Das seit dem russischen Einmarsch geltende Kriegsrecht verbietet in der aktuellen Fassung Wahlen und Volksabstimmungen. Russlands Regierung, die seit Jahrzehnten von Putin gelenkt wird, spricht Selenskyj die demokratische LegitimitĂ€t ab und dringt auf Neuwahlen in der Ukraine - allerdings gibt es BefĂŒrchtungen, dass Moskau versuchen dĂŒrfte, durch Manipulation der Wahl eine dem Kreml genehme Marionettenregierung an die Macht zu bringen.
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