IPO/ AKTIE IM FOKUS 2: ModehĂ€ndler Shein gibt holpriges BörsendebĂŒt
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 11:03 Uhr | dpa, AD HOC NEWS(Neu: Schlusskurs)
HONGKONG (dpa-AFX) - Die Shoppingplattform Shein KYG237451052 hat die Online-Modewelt umgekrempelt und bekannte Marken in den Schatten gestellt. Am Dienstag legte das Unternehmen nach langem Warten und gescheiterten Versuchen endlich seinen Gang an die Börse in Hongkong hin. Doch das DebĂŒt verlief mehr als holprig.
Die Shein-Aktie gab in den ersten Handelsminuten in Hongkong im Vergleich zum Ausgabepreis zeitweise um knapp zehn Prozent nach, konnte den Verlust allerdings im Tagesverlauf fast vollstÀndig aufholen. Zum Handelsende an der Börse in der chinesischen Sonderverwaltungszone lag der Kurs mit 48,50 Hongkong-Dollar lediglich noch 0,12 Prozent unter dem Ausgabepreis.
Marktkapitalisierung deutlich unter 2022er-Spitzenbewertung
Das in China gegrĂŒndete Unternehmen, das zwischen 2021 und 2022 seinen Sitz nach Singapur verlagert hatte, hatte zuvor schon an den FinanzplĂ€tzen London und New York versucht, an die Börse zu gehen. Berichten zufolge scheiterte das Vorhaben jedoch am Widerstand Pekings.
Seit den Querelen um den Börsengang ist der Hype um den OnlinehĂ€ndler unter Investoren spĂŒrbar zurĂŒckgegangen. Gemessen am Ausgabepreis wurde Shein lediglich mit umgerechnet 26 Milliarden US-Dollar (22 Mrd Euro) bewertet. Bei frĂŒheren privaten Finanzierungsrunden wie im Jahr 2022 war Shein noch mit fast 100 Milliarden US-Dollar bewertet worden.
Seit der Spitzenbewertung vor einigen Jahren hat sich fĂŒr das GeschĂ€ft einiges geĂ€ndert. Vor dem Börsengang legte das Unternehmen einen Verlust von 99 Millionen US-Dollar in den ersten drei Monaten dieses Halbjahres offen.
Geringer Streubesitz
Trotz der inzwischen deutlich niedrigeren Bewertung gehört Shein noch zu den wertvollsten KleidungshÀndlern weltweit. Zum Vergleich: Die schwedische Kette H&M SE0000106270 kommt auf umgerechnet knapp 30 Milliarden Dollar; das deutsche Unternehmen Zalando DE000ZAL1111 auf circa sieben Milliarden Dollar.
Deutlich mehr wert ist allerdings die Zara-Mutter Inditex ES0148396007, die an der Börse zu insgesamt gut 200 Milliarden Dollar gehandelt wird.
Shein brachte bei dem Börsengang nur wenige Aktien auf den Markt. Das Unternehmen nahm durch die Ausgabe fast 14 Milliarden Hongkong-Dollar ein, das sind umgerechnet etwa 1,7 Milliarden Dollar. Der Streubesitz der Shein-Aktien liegt bei nur knapp sieben Prozent.
Davon liegt auch noch ein Teil bei AnkeraktionĂ€ren wie Tencent KYG875721220, sodass derzeit nur circa fĂŒnf Prozent der Anteile frei handelbar sind. Der GroĂteil der Aktien und Stimmrechte liegt weiter bei den UnternehmensgrĂŒndern.
Was Shein Probleme bereitet
Sheins GeschĂ€ftsmodell basiert darauf, Mode von den Herstellern in China direkt per Luftfracht an die Kunden in alle Welt zu verschicken. Mit dem Konflikt im Nahen Osten stiegen jedoch die Transportkosten, und die Nachfrage in der Region brach ein. AuĂerdem sorgten neue Zollregelungen in den wichtigen MĂ€rkten USA und Europa dafĂŒr, dass auch die Einfuhr von Paketen mit geringem Warenwert besteuert wird.
Marktexperten beobachten deshalb genau, wie viel Wachstumspotenzial Shein unter diesen Bedingungen noch hat. Nach eigenen Angaben hatte das 2012 gegrĂŒndete Unternehmen Stand 2025 geschĂ€tzt 273 Millionen aktive Kunden in etwa 160 LĂ€ndern.
Welche Auswirkungen Experten fĂŒr Verbraucher erwarten
Shein galt einst als sogenannter Disruptor, also ein Unternehmen, das traditionelle Mechanismen der Modebranche radikal verÀndern könnte. Das scheint sich laut Experten geÀndert zu haben.
Die Börse bepreise Shein wie einen ganz normalen europÀischen ModehÀndler, sagte E-Commerce-Experte und -Unternehmer Alexander Graf. Das Spannendste aus seiner Sicht: Shein bringe nur einen Mini-Anteil an die Börse. "Der eigentliche Zweck ist die Bereinigung der Bilanz."
Die Folge fĂŒr Kunden? "Die Ăra der kĂŒnstlich billigen China-Pakete geht mit dem Ende der Zollfreigrenzen zu Ende", sagte der Experte. Ohne diese Zollvorteile wird es laut Grafs EinschĂ€tzung fĂŒr Verbraucher in Zukunft etwas teurer.
Einen trĂŒben Ausblick hat er allerdings fĂŒr europĂ€ische HĂ€ndler. Ein börsengelistetes Shein ohne Wachstumsdruck und mit vollen Kassen könnte sich ganz auf Marge und den europĂ€ischen Ausbau konzentrieren, sagte Graf.
Kritik und Forderungen an die Politik
Hoffnung auf mehr Fairness seitens Shein hat dagegen der Handelsverband Deutschland (HDE). Bisher sei dies im Wettbewerb mit Shein nicht der Fall, sagte der stellvertretenden HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer, Stephan Tromp. Das Unternehmen halte sich in vielen FĂ€llen nicht an die hierzulande gĂŒltigen Regelungen.
Tromp hĂ€lt deshalb eine positive Auswirkung durch den Börsengang fĂŒr möglich. "Denn mit der Notierung an der Börse erwarten die Anleger, dass alle Pflichten und Regeln eingehalten werden."
Sheins Erfolgsmodell, das vielen Kunden Mode zu besonders niedrigen Preisen verfĂŒgbar macht, stöĂt schon lĂ€nger auf Kritik. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht den Börsengang kritisch. "Das Ultra-Fast-Fashion-GeschĂ€ftsmodell auf Kosten von Umwelt und Gesundheit darf keine Zukunft haben - erst recht nicht an der Börse", sagte BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrerin Barbara Metz.
Die Organisation fordert die Politik zum Handeln auf. "Bundesumweltminister Carsten Schneider muss das geplante Textilgesetz deshalb zu einem echten Anti-Fast-Fashion-Gesetz machen." Ăberproduktion, Ressourcenverschwendung und GeschĂ€fte auf Kosten von Umwelt und Gesundheit dĂŒrften sich nicht lĂ€nger rechnen.
Schneider hatte im FrĂŒhjahr Eckpunkte fĂŒr das Textilgesetz vorgestellt. Bekleidungshersteller sollen demnach kĂŒnftig fĂŒr Sammlung und Entsorgung auch finanziell geradestehen.
Asiatische Plattformen auf dem Vormarsch
Auf Shein verkaufte Kleidung ist zum Teil stark mit Chemikalien belastet, wie im Juni aus Untersuchungen des Bremer Umweltinstituts im Auftrag der DUH hervorging. 7 von 18 getesteten KleidungsstĂŒcken verstieĂen demnach gegen EU-Grenzwerte.
"Wir nehmen die von der DUH vorgebrachten VorwĂŒrfe sehr ernst", erklĂ€rte Shein damals auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Auch andere Online-Billigplattformen fielen bei Tests negativ auf.
Asiatische Shoppingplattformen gewannen in Deutschland zuletzt weiter an Bedeutung. Auf Anbieter wie Temu, Shein und AliExpress entfielen im zweiten Quartal nach Angaben des Branchenverbandes Bevh 5,3 Prozent der OnlinehandelsumsÀtze - ein Rekordwert.
Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro.
