IBM Aktie: 25-Prozent-Crash schlimmer als 1987
Veröffentlicht am: 23.07.2026 um 14:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ausgerechnet der Inbegriff der bombensicheren Blue-Chip-Aktie hat binnen Tagen einen der schlimmsten Kurseinbrüche seiner Geschichte hingelegt. Und statt zurückzurudern, verdoppelt IBM seinen Einsatz auf eine Technologie, die frühestens in einigen Jahren Geld verdienen wird. Genau dieser Widerspruch macht den aktuellen Fall zu mehr als nur einer schlechten Quartalsmeldung.
IBM notiert bei 180,86 Euro, kaum ein Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 178,52 Euro. Vom Jahreshoch trennen die Aktie mittlerweile 38,24 Prozent. Eine Kurve, die noch vor wenigen Monaten für Stabilität und verlässliche Dividenden stand, zeigt inzwischen das Chartbild einer Krisenaktie.
Der Auslöser kam nicht durch schwache Nachfrage
Am vergangenen Dienstag brach die Aktie um 25 Prozent ein. Es war der schlechteste Handelstag in der Firmengeschichte – schlimmer noch als der 19. Oktober 1987, als die Aktie 23,7 Prozent verlor. Vorläufige Zahlen zum zweiten Quartal blieben unter den Erwartungen.
Die eigentliche Geschichte dahinter ist aber keine Nachfrage-Delle. CEO Arvind Krishna machte Schwäche im Software- und Infrastrukturgeschäft verantwortlich. Kunden verschoben ihre Ausgaben in Richtung Hardware. In einem Brief an Investoren schrieb Krishna, Kunden hätten in den letzten Wochen des Juni ihre Quartalsbudgets verstärkt in Server, Speicher und Arbeitsspeicher umgeleitet. Sie wollten sich knappe Infrastruktur sichern, bevor die Preise steigen.
Mit anderen Worten: IBMs eigene Kunden stecken ihr Geld in das KI-Hardware-Rennen. Ausgerechnet jenen Trend, von dem sich IBM als Software- und Beratungsanbieter eigentlich profitieren wollte, frisst gerade das eigene Geschäftsmodell an.
Die Quantenwette läuft unbeirrt weiter
Bemerkenswert an dieser Krise ist nicht nur der Absturz selbst. Es ist die Weigerung des Managements, seine langfristigste Wette zu überdenken. IBM plant, in den kommenden fünf Jahren mehr als 10 Milliarden Dollar in Quantencomputing zu investieren. Ziel ist ein erster fehlertoleranter Quantencomputer im großen Maßstab bis 2029.
Eine abstürzende Aktie, ein CEO, der Ausführungsfehler eingesteht, und ein Konzern, der trotzdem Milliarden in eine Zukunftstechnologie ohne kurzfristigen Ertrag steckt – das ist die eigentliche Geschichte hinter den nackten Zahlen. Es ist die Wette, dass der aktuelle Rückschlag zyklisch ist, also eine vorübergehende Verschiebung der Kundenausgaben, und keine strukturelle Wettbewerbsschwäche. Geduldiges Kapital in Quanten- und KI-Infrastruktur soll die gegenwärtige Schmerzphase überdauern.
Was der Chart sagt
Technisch sieht die Aktie überverkauft aus. Der RSI liegt bei 30,4 – knapp über der klassischen Überverkauft-Schwelle von 30. Die annualisierte Volatilität der letzten 30 Handelstage sprang auf fast 84 Prozent, ein außergewöhnlicher Wert für einen Titel, der lange als ruhige Dividendenaktie galt.
Analysten, die den Titel beobachten, stellen eine unbequeme Frage: Die vorläufigen Zahlen waren nicht gut, aber auch nicht katastrophal – warum dann ein derart massiver Ausverkauf? Die Antwort liegt vermutlich weniger in den Zahlen selbst als in dem, was sie über IBMs Position im KI-Zeitalter verraten.
Der Fall IBM steht damit für ein größeres Muster in der Tech-Branche. Der KI-Ausbau ist gleichzeitig der größte Wachstumstreiber der Branche und eine disruptive Kraft, die Kapital von etablierten Anbietern wegzieht. Genau diese Kundenverschiebung hin zu KI-fähiger Hardware trifft IBMs Software- und Beratungsgeschäft direkt ins Mark.
Ob die Quantenwette zum nächsten Gewinnmotor wird oder zur teuren Ablenkung in einer Phase, in der IBM sie sich am wenigsten leisten kann, wird sich erst über die nächsten Jahre zeigen. Für den Moment bleibt offen, ob der überverkaufte Zustand der Aktie eine Bodenbildung markiert oder nur eine Verschnaufpause auf dem Weg nach unten.
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