IBM Aktie: Fünf Kanzleien untersuchen Wertpapierbetrug
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 20:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Fünf Anwaltskanzleien. Eine Aktie nahe Jahrestief. Und ein Konferenzcall, der noch am selben Tag stattfindet. Für IBM verdichtet sich der Druck ausgerechnet vor dem entscheidenden Auftritt vor Investoren.
Die Aktie notiert am Mittwoch bei 184,28 Euro, ein Minus von 0,22 Prozent. Damit liegt der Kurs nur 3,23 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 178,52 Euro, markiert erst vor sechs Tagen. Seit dem Jahreshoch im Juni hat das Papier über 37 Prozent verloren.
Kanzleien wittern Wertpapierbetrug
Der Auslöser der aktuellen Talfahrt liegt einige Tage zurück. Am 14. Juli veröffentlichte IBM enttäuschende Quartalszahlen. Der Konzern räumte selbst Versäumnisse ein: Ein "Rückgang bei der Z-Performance und dem zugehörigen Software-Stack" habe das Quartal belastet, insbesondere im Bereich Transaction Processing. IBM gestand zudem ein, man habe "nicht schnell genug reagiert" und deshalb seien "zahlreiche Großaufträge nicht im erwarteten Zeitrahmen abgeschlossen" worden.
Diese Offenlegung löste den größten Einzeltag-Kurseinbruch in der Firmengeschichte aus. Seither reihen sich Untersuchungen aneinander. Die Kanzlei Bleichmar Fonti & Auld veröffentlichte erst gestern die neueste Mitteilung und prüft, ob IBM Anleger über das Tempo neuer Geschäftsabschlüsse und die Aussichten des IBM-Z-Geschäfts getäuscht hat.
Mindestens vier weitere Kanzleien sind aktiv: Glancy Prongay & Murray, Hagens Berman, Schall Law sowie Bronstein, Gewirtz & Grossman. Hagens Berman legt dabei den Finger auf eine besonders brisante Timeline. Am 22. April hatte IBM noch einen starken Jahresauftakt vermeldet, mit Umsatzsprüngen von 15 Prozent bei Infrastructure, 28 Prozent bei Hybrid Infrastructure und 51 Prozent bei IBM Z. Die Kanzlei will nun klären, ob IBM zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass die großen Deals wackelten.
Analysten uneinig wie selten
Während die juristische Front wächst, driften auch die Einschätzungen der Wall Street auseinander. Oppenheimer zog als erstes Haus die Reißleine. Analyst Param Singh stufte die Aktie auf "Perform" herab und strich das Kursziel von 350 Dollar komplett – IBM habe bei den jüngsten Zahlen in jedem einzelnen Segment sowohl die eigenen Schätzungen als auch den Marktkonsens verfehlt.
HSBC positioniert sich unter den großen Häusern am skeptischsten. Die Bank hatte ihre Einstufung bereits vor der vollständigen Kursreaktion gesenkt und spricht von einer "gedehnten Bewertung". Ihre Rechnung: IBM handelt zum 22-fachen der für 2027 erwarteten bereinigten Gewinne, der Sektor-Median liegt bei nur dem 16,9-fachen. Gleichzeitig soll der bereinigte Gewinn je Aktie zwischen 2026 und 2028 nur um jährlich 10,7 Prozent wachsen, verglichen mit 19,2 Prozent im Sektordurchschnitt. HSBCs Kursziel impliziert ein weiteres Abwärtspotenzial von 33,6 Prozent.
Nicht alle Analysten schließen sich dieser Skepsis an. Von 22 Analysten, die IBM aktuell bewerten, ergibt sich in Summe ein "Moderate Buy". Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 293,95 Dollar – deutlich über dem aktuellen Niveau. Diese Kluft zwischen langfristig optimistischen Kurszielen und kurzfristig vorsichtigen Einstufungen zeigt, wie viel vom heutigen Call abhängt.
Der Call als Wendepunkt
IBM hält seine vollständige Telefonkonferenz zum zweiten Quartal am Mittwoch um 23 Uhr deutscher Zeit ab. Sie folgt auf die vorläufigen Zahlen vom 14. Juli. Investoren erwarten Klarheit zu den verzögerten Deals, aktualisierte Prognosen für die einzelnen Segmente und Aussagen zum freien Cashflow – gerade die Dividendenzusagen stehen derzeit unter besonderer Beobachtung.
Die juristische Lage erhöht den Einsatz zusätzlich. Jedes Zugeständnis im Call, das die zentrale Klagebehauptung stützt – IBM habe Deal-Dynamik und Z-Ausblick falsch dargestellt –, könnte direkt in die laufenden Anlegerklagen einfließen. Ein glaubwürdiger Fahrplan zum Abschluss der verzögerten Transaktionen dagegen könnte die angeschlagene Stimmung stabilisieren.
Der RSI von 31 signalisiert eine überverkaufte Aktie, die Volatilität liegt mit über 83 Prozent auf sehr hohem Niveau. Ob sich die Stabilisierung nahe dem Mehrmonatstief heute bestätigt oder neuer Verkaufsdruck einsetzt, entscheidet sich mit den Aussagen des Managements in den kommenden Stunden.
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