Immer noch da: Giorgia Meloni knackt Italiens Regierungsrekord
Veröffentlicht am: 27.08.2026 um 07:41 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Finanzkrise werde kommen, Italien auf internationaler BĂŒhne komplett isoliert sein. "Und dann sind sie alle schweiĂgebadet aufgewacht", spottete die italienische MinisterprĂ€sidentin schon vor knapp zwei Jahren ĂŒber jene, die ihrer Regierung damals ein schnelles Ende prophezeiten.
Nun folgt eine historische Pointe: Am 4. September wird Melonis Regierung lĂ€nger ununterbrochen im Amt sein als jedes andere Kabinett seit der GrĂŒndung der Republik 1946. 1.413 Tage sind seit der Vereidigung ihrer Mitte-rechts-Koalition am 22. Oktober 2022 vergangen. Damit löst sie Silvio Berlusconis zweite Regierung als bislang langlebigste ab. Berlusconi regierte von 2001 bis 2005 ganze 1.412 Tage.
Die 49 Jahre alte Meloni und ihre Koalition aus drei rechten und konservativen Parteien haben geschafft, was ihren VorgĂ€ngern selten gelang: Sie sorgen fĂŒr StabilitĂ€t. Seit 1946 gab es 68 Regierungen, sie hielten im Schnitt nur 13 Monate.
Melonis Rekord betrifft allerdings nur die ununterbrochene Amtszeit eines einzelnen Kabinetts. Rechnet man mehrere Regierungen desselben MinisterprÀsidenten zusammen, bleibt Berlusconi mit mehr als neun Jahren an der Spitze. Meloni steht in dieser Rangliste derzeit auf Platz sieben.
FrĂŒher "gefĂ€hrlichste Frau Europas"
Die Politikerin und ihre Partei Fratelli d'Italia inszenieren dies als groĂen Erfolg. Und tatsĂ€chlich kann Meloni auf eine aus ihrer Sicht ordentliche Bilanz verweisen: Seit fast vier Jahren regieren ihre Fratelli mit der Lega und Forza Italia durchaus stabil. Trotz Reibereien vor allem zwischen Lega und Forza Italia hĂ€lt die Koalition. In den Umfragen liegt Meloni mit ihrer Fratelli bei etwa 27 Prozent und damit klar vor allen anderen Parteien.
AuĂerhalb Italiens ist ihre Regierung keineswegs isoliert. Entsprechende BefĂŒrchtungen haben sich nicht bewahrheitet. Kurz vor der Wahl im Herbst 2022 titelte das Magazin "Stern" mit Blick auf Meloni: "Die gefĂ€hrlichste Frau Europas". Auch EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen sagte damals, wenn die Dinge "in eine schwierige Richtung" gingen, habe die EU "Instrumente".
Immer wieder wurden damals die Wurzeln ihrer Partei erwĂ€hnt, Meloni selbst wurde als Postfaschistin bezeichnet. Die Fratelli sind eine Nachfolgepartei des 1946 von Getreuen des faschistischen Diktators Benito Mussolini (1883-1945) gegrĂŒndeten neofaschistischen MSI (Movimento Sociale Italiano).
FĂŒnf französische und vier britische Premiers, zwei Kanzler
Im Wahlkampf gab sich Meloni radikal und kritisierte die EU, suchte die NÀhe zur extremen Rechten in Europa und gerierte sich als Traditionalistin. "Ich bin Giorgia, ich bin eine Frau, ich bin eine Mutter, ich bin Italienerin, ich bin Christin", ist ihr bekanntester Ausspruch. Nach der Trennung von ihrem langjÀhrigen Partner erzieht sie ihre neun Jahre alte Tochter allein.
Meloni hat nach ihrem Amtsantritt jedoch einen pragmatischen Weg eingeschlagen. In Europa positioniert sie sich als verlĂ€ssliche Partnerin und verfolgt einen klaren Kurs an der Seite der Ukraine. Vom Magazin "Politico" wurde sie zwischenzeitlich zur mĂ€chtigsten Persönlichkeit Europas gekĂŒrt.
FrĂŒher von den europĂ€ischen Partnern belĂ€chelt als Land der instabilen und kurzlebigen Regierungen gilt Melonis Italien und ihre Regierung im Vergleich zu anderen EU-LĂ€ndern mittlerweile als Hort der StabilitĂ€t. Inzwischen hat die Politikerin seit ihrem Amtsantritt fĂŒnf französische und vier britische Premierminister erlebt - und auch zwei deutsche Bundeskanzler.
Erste Risse und Druck von rechts auĂen
Doch ausgerechnet in den Wochen vor dem Rekord zeigen sich Risse. AuĂenpolitisch hat Melonis einst enges VerhĂ€ltnis zu US-PrĂ€sident Donald Trump einen herben DĂ€mpfer bekommen. Die beiden stritten auf offener BĂŒhne.
Auch in der Innenpolitik musste Meloni zuletzt RĂŒckschlĂ€ge einstecken. Eines ihrer Prestigeprojekte scheiterte im MĂ€rz: In einem Referendum lehnten die Italiener ihre Justizreform ab. Es war Melonis erste groĂe politische Niederlage. Der zweite RĂŒckschlag folgte wenige Monate spĂ€ter: Sie verlor eine Abstimmung im Parlament fĂŒr eine von ihr vorangetriebene Wahlrechtsreform.
Gelingt Meloni der nÀchste Rekord?
Hinzu kommt nun ein Gegner von noch weiter rechts: Der Ex-General Roberto Vannacci fordert mit seiner Partei Futuro Nazionale die Regierung offen heraus. Vannacci fiel mit homophoben und rassistischen ĂuĂerungen auf. In Umfragen liegt die Partei bei sieben Prozent und könnte bei den nĂ€chsten Wahlen zum entscheidenden Faktor im rechten Lager werden.
Meloni reagiert auf die Konkurrenz nervös. Die Ankunft Zehntausender Migranten in Spaniens Nordafrika-Exklave Ceuta im August nutzte sie zur Profil-SchĂ€rfung beim Thema Migration und kĂŒndigte "gezielte Grenzkontrollen" an.
Kritiker werteten dies mit Blick auf Vannacci allerdings als innenpolitisch motivierte Symbolpolitik. Denn zu keinem Zeitpunkt gab es Hinweise, dass die Migranten in Ceuta ĂŒberhaupt nach Italien weiterreisen wollten. FĂŒr ihre Profilierung nahm Meloni Spannungen mit dem EU-Partner Spanien in Kauf.
Ob die jĂŒngsten Risse Melonis Regierung tatsĂ€chlich gefĂ€hrlich werden, muss sich zeigen. Ihr nĂ€chstes groĂes Ziel liegt aber bereits vor ihr: HĂ€lt die Koalition bis zur im kommenden Jahr geplanten Parlamentswahl, hĂ€tte Meloni als erste Regierungschefin seit 1946 eine komplette Legislaturperiode ohne Regierungswechsel durchgehalten. Der nĂ€chste Rekord also.
