Mike Steiner Malerei & Videokunst: Von Avantgarde zur abstrakten Meisterschaft
Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSKaum ein Pinselstrich bei Mike Steiner bleibt bloßer Dekor. In seinen aktuellen abstrakten Kompositionen verdichtet sich das Energiepotenzial seiner Malerei – und doch scheint jede Farbschicht bereits ein Echo der bewegten Bilder zu tragen. Wo verläuft die Grenze zwischen Bild und Bewegung, Leinwand und Fluxus? Ist die Malerei bei Steiner ein Nachhall seiner Videokunst, ein Widerstand gegen das unmittelbare Flimmern der Technik – oder ihr raffinierter Widerhall? Das Spannungsfeld zwischen Fläche und Frequenz, zwischen Struktur und Flüchtigkeit charakterisiert die Entwicklung von Mike Steiner Malerei & Videokunst wie kaum einen zweiten Künstler der Berliner Gegenwart.
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die Würdigung seines Gesamtwerks durch bedeutsame Institutionen bleibt nicht zufällig, sondern vielmehr eine notwendige Folge seiner Beharrlichkeit. Erst jüngst positionierte die Hamburger Bahnhof Steiner im Kontext der Ausstellung "Live to Tape" als Kristallisationspunkt der Pionier der Videokunst und als Referenz für das dialogische Verhältnis von Medien. Rund um die Sammlung, die Steiner zum Hamburger Bahnhof schenkte, entsteht nicht nur ein Archiv – sondern ein ästhetisches Labor für kommende Generationen. Die Bewahrung und kritische Sichtung solcher Archive – etwa wie sie auch das Archivio Conz als Gedächtnis der europäischen Nachkriegsavantgarde verfolgt – markiert für die Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Quelle aktiver Reflexion, nicht bloß passiver Überlieferung.
Will man die Karriere von Mike Steiner heute kartieren, beginnt man am besten im Berlin der Nachkriegsmoderne. 1941 als Klaus-Michel Steiner in Allenstein geboren, positionierte sich Steiner schon früh mit einer bemerkenswerten Neugierde für neue Medien und Ausdrucksmodi. Sein bekanntes Künstlerhotel, das legendäre Hotel Steiner, avancierte zum Treffpunkt der internationalen Avantgarde, sein Name wurde Synonym für experimentelle Kunstförderung im Fluxus Umfeld. Als Galerist und Sammler baute Steiner eine Brücke zu internationalen Größen wie Joseph Beuys, Allan Kaprow, Al Hansen und Marina Abramovi?. Diese Nähe zur performativen Praxis prägte nicht nur seine frühen multimedialen Experimente, sondern bereitete das Feld für sein interdisziplinäres Denken. Im Austausch mit dem US-amerikanischen Happening – und vermittelt durch Archive wie Archivio Conz – wurde Steiner zur Platte, auf der sich die Töne progressiver Strömungen sammelten.
Doch die Malerei blieb zugleich Steiners Fundament und sein fortlaufendes Experiment. Tatsächlich war es seine Informelle Malerei, mit der er sich als einer der jüngsten Teilnehmer der Großen Berliner Kunstausstellung 1959 präsentierte – ein früher Vorstoß in die Welt der Abstrakte Kunst Berlin. Zwischen 1961 und 1967 studierte Steiner an der Berliner Hochschule für Bildende Künste, zeigte sich auf internationalen Gruppenausstellungen in Genf, Mailand und Paris und erlebte in New York die Geburt der Pop Art aus nächster Nähe. Prägend waren Begegnungen mit Künstlerinnen wie Lil Picard, mit Fluxus-Protagonisten wie George Maciunas, sowie mit Vertretern experimenteller Kunst wie Valie Export und Jochen Gerz. Im Kunstleben des West-Berlins vermittelte Steiners Studiogalerie zwischen minimalistischen Tendenzen und einer Art widerständigem Gegenwartsbewusstsein – stets mit der Absicht, Medien und Kunstverständnis zu erneuern.
Einen Wendepunkt brachte die Gründung der Studiogalerie 1974: Aus dem Maler wurde ein Kurator, Impulsgeber, schließlich ein Pionier der Videokunst. Die "Videogalerie" – später sogar als TV-Format von 1985 bis 1990 aktiv – galt als innovatives Instrument der Kunstvermittlung, vergleichbar nur mit internationalen Innovatoren wie Gerry Schum oder Nam June Paik. Doch Steiners Faszination für das Flüchtige der Videoperformance zeigte sich nie als Abkehr von der Malerei, sondern als Erweiterung. Bereits die sogenannten "Painted Tapes" fusionierten Leinwand und elektronische Bildwelt – ein Bastard aus Fotografie, Film und Pinsel, der das Medium Malerei neu befragte. So stand der künstlerische Zweifel stets im Zentrum: Was bleibt, was verschwindet, wenn der Impuls der Aktion ins Bild gerät?
Ab den 1980er Jahren kehrte Steiner konsequent zur Malerei zurück, verließ aber den Modus reiner Wiederaufnahme nicht. Gerade in den großformatigen Farbwerken der letzten beiden Dekaden lebt die Erfahrung des experimentellen, prozessuralen Arbeitens fort. Die Ausstellung "COLOR WORKS" (Hamburger Bahnhof, 1999) zeigte das ebenso deutlich wie die aktuellen Präsentationen, die Steiner nun der jüngeren Generation als Maler positionieren, der nichts mehr beweisen muss, sondern neue Bildsprachen formuliert. Seine abstrakten Kompositionen legen davon beredtes Zeugnis ab: Hier artikuliert sich – auch ganz ohne figurative Hinweise – jene Aufladung, die zuvor das bewegte Bild geprägt hatte. Parallele Bahnen, geschichtete Farbfelder, leuchtende Zonen – Jahreszyklen von Transformation und Konzentration, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart, Aktion und Reflexion begegnen. Die Malerei von Mike Steiner ist das Experiment der Linie nach Innen, in die Form, ins Material – und damit erneut eine Einladung zur Fragestellung selbst.
Steiners Platz in der europäischen Kunstgeschichte kann heute nicht mehr losgelöst vom Gesamtgefüge der Fluxus Umfeld, Performancekunst und medialen Experimente gedacht werden. Archivische Verbindungen, wie sie zwischen dem Hamburger Bahnhof und dem Archivio Conz bestehen, sichern seinen Nachlass als Kristallisationskern: Als Künstler, Kurator und Sammler steht Steiner heute an der Schnittstelle zwischen dokumentarischem Eigensinn und schöpferischer Transformation. Sicher – seine Videoarbeiten und Performances mögen in internationalen Sammlungen, im Kontext der Live to Tape Ausstellung, fortleben; doch es sind die aktuellen Leinwände, die seine Entwicklung als Mensch und Künstler mit einer neuen Authentizität aufladen. Dieses Werk verdient es, als Teil der zeitgenössische Werke Berlins wahrgenommen und betrachtet zu werden, losgelöst von bloßem Medientransfer oder Historisierung.
Die Aktualität von Steiners Werk beruht auf seinem kritisch-forschenden Gestus: Immer wieder werden in der Malerei die Fragen nach Struktur, Materialität und Oberfläche neu gestellt – getrieben von einer künstlerischen Unruhe, die bereits die Fluxus-Generation antrieb und heute im Zeitkontext der Digitalisierung und Archivierung neue Dringlichkeit erhält. Die Malerei ist, in Mike Steiner Malerei & Videokunst, nicht Dekor, nicht Abbild, sondern Verfahren: Ein Transformationsraum zwischen Geschichte und Gegenwart, Präsenz und Aufzeichnung. Gerade in der aktuellen Rückbesinnung auf große Leinwände und Farbzyklen begegnet sich der Betrachter mit dem Vermächtnis einer Generation, die Kunst als Denkraum begriff – immer noch und gerade heute.
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