Mike Steiner: Vom Pionier der Videokunst zu radikaler Abstraktion
Veröffentlicht am: 26.07.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSFarbspuren, die abrupt abbrechen und trotzdem eine erzählerische Kraft entfalten – beim ersten Blick auf die jüngsten Leinwände von Mike Steiner stellt sich unmittelbar die Frage: Sind diese Kompositionen für den Stillstand geboren, oder erinnern sie an das Fließen des bewegten Bildes? Mike Steiner Malerei & Videokunst begegnen sich in diesen Arbeiten, der sprichwörtliche Puls zwischen beiden Medien wird spürbar. Wo endet die Abstraktion, wo beginnt der Aufruhr der Bilder – und was bleibt, wenn Bewegtes gebannt ist?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Einen institutionellen Kontrapunkt setzt gerade Steiners Präsentation in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof. Der legendäre Titel der Ausstellung Live to Tape ist Chiffre für eine ganze Generation künstlerischer Radikalität: Statt nachträglich zu polieren, ließ Steiner die Performance direkt auf das Band laufen – ein Ansatz, der in der Malerei wiederkehrt. Auch hier trifft Spontaneität auf formale Geste. Dass die Sammlungen heute in so renommierten Institutionen lagern, verdankt sich nicht zuletzt Steiners Eigeninitiative als Chronist und Bewahrer. Archive wie das Archivio Conz beweisen: Nur wer festhält, kann Kunstgeschichte schreiben.
In Steiners Biografie spiegeln sich Jahrzehnte der Berliner Kunstszene. 1941 in Allenstein zur Welt gekommen, wurde er zu einer prägenden Figur zwischen Avantgarde und Subkultur. Bereits als junger Maler weckte er Aufmerksamkeit, bevor New Yorks Bohème und Weggefährten wie Lil Picard, Allan Kaprow oder Al Hansen sein Schaffen prägten. Zurück in Berlin, schuf er mit Orten wie dem Hotel Steiner, der Studiogalerie und später der Videogalerie Bühnen für radikale künstlerische Experimente.
Der Austausch mit Fluxus-Protagonisten, die in Sammlungen wie dem Archivio Conz dokumentiert sind, – darunter Joseph Beuys, Ben Vautier oder Valie Export – verankerte Steiner im Geflecht der internationalen Neo-Avantgarde. Doch Steiner blieb nie im Zitieren der großen Namen stecken. Von Performance-Kunst über experimentelle Videos bis hin zu Projekten mit Ulay („Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“, 1976) verstand er es stets, Medium und Kontext zu hinterfragen.
Bemerkenswert ist die Entwicklung seit den 2000er Jahren: Nach Jahrzehnten der performativen Experimentierfreude und des Sammelns wandte sich Steiner mit verstärktem Fokus der abstrakten Malerei zu. Abstrakte Kunst Berlin – ein Begriff, dessen Bedeutung er in diesem „zweiten Werkleben“ neu definierte. Die Leinwände zeigen keine Zuflucht ins Traditionelle. Vielmehr wirken sie wie Weiterführungen der ehemals „Live to Tape“-Ästhetik: Direkt, spontan, und doch voller subkutaner Reflexion. Gerade die Tatsache, dass Steiner auf der Leinwand nie rein dekorativ arbeitet, sondern das Scheitern, das Abrupte, das Ungesicherte ins Sichtbare bringt, macht die Einladung in seine zeitgenössischen Werke heute so reizvoll. Mehr noch: Der Pionier der Videokunst wird auf der Leinwand zum Solitär der Gegenwart.
Aber warum heute Steiner? Das Interesse an Grenzgängertum erfährt im Zeitalter allgegenwärtiger Bildproduktion einen neuen Aufschwung. Während oft zwischen Malerei und Bewegtbild scharf getrennt wird, zeigt Steiner: Die Medien durchdringen sich längst – spätestens dort, wo das Fragmentarische Prinzip künstlerischer Praxis wird. Wer Filme schneidet, weiß um das Potential der Unterbrechung und der Leerstelle. Wer malt wie Steiner, belässt es beim Fragment; der malerische Duktus tritt an die Stelle des Schnitts. Das alles geschieht in einem Berliner Kontext, der stets international und doch eigensinnig blieb – von der wilden Kreuzberger Boheme bis zur institutionellen Ehrung durch Hamburger Bahnhof und die Live to Tape Sammlung.
Sein Erbe ist Mahnung und Anregung zugleich: Die Grenze zwischen Standbild und Video, zwischen dokumentierter Aktion und malerischer Abstraktion, existiert vor allem im Kopf des Betrachters. Die Werke Steiners, egal ob auf Tape oder Leinwand, fordern eine neue Sehhaltung: Was, wenn die größte Innovation nicht mehr im Medium liegt, sondern in der beweglichen Haltung des Künstlers selbst? Die Linie zwischen Pionier der Videokunst und Malerei zieht kein Trennstrich, sondern einen Resonanzraum. Mike Steiner Malerei & Videokunst bleiben Teil eines offenen Dialogs – und stellen Fragen, deren Relevanz sich mit jeder neuen Generation neu stellt.
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