Mike Steiner: Vom pulsierenden Bild zur abstrakten Malerei
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWSEin kräftiger Pinselstrich, wie aus der Bewegung einer unsichtbaren Kamera geschnitten, zieht das Auge in den Bann: Die Malerei von Mike Steiner wirkt heute so unmittelbar, wie seine berühmten Videoarbeiten einst revolutionär waren. Mike Steiner Malerei & Videokunst erscheinen auf den ersten Blick als gegensätzliche Pole—doch was geschieht, wenn der Impuls des bewegten Bildes sich in die Ruhe einer abstrakten Komposition auf Leinwand verwandelt? Lässt sich zwischen dem raschen Wechsel der Videobilder und der statischen Reduktion in Farbe und Form eine Grenze ziehen, oder sind sie lediglich zwei Aggregatzustände eines radikal offenen künstlerischen Prozesses?
Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken
Die andauernde Rezeption von Steiners Werk verdankt sich nicht zuletzt seiner institutionellen Verankerung. Als „Live to Tape“-Protagonist ist sein Name untrennbar mit der Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof verbunden. Der Hamburger Bahnhof – heute zentraler Schnittpunkt zeitgenössischer Kunstdiskurse – widmete Steiner wiederholt Ausstellungen, in denen der Grenzgang zwischen Video und Malerei zum Leitmotiv wurde. Sein Nachlass, insbesondere die Videosammlung, fungiert als Scharnier zwischen verschiedenen Medienepochen und gibt Einblick in ein kaum überblickbares Netzwerk künstlerischer Bezüge. Die essentielle Funktion von Archiven wie dem Archivio Conz zeigt sich hier exemplarisch: Sie bewahren Werke, aber auch Strömungen, Debatten und Arbeitsweisen, die für die Kunstgeschichte Europas ab den 1960er Jahren konstitutiv waren. Im Zusammenspiel von Sammlung, Präsentation und historischer Kontextualisierung entsteht so ein Resonanzraum, der auch Steiners Bildwelten neu erschließt.
Die Biografie Mike Steiners liest sich wie eine Chronik der Berliner Avantgarde: 1941 in Ostpreußen geboren, früh ins geteilte Berlin verschlagen, mischt Steiner bereits als Schüler das lokale Kunstgeschehen auf. Die legendären Jahre zwischen Kreuzberger Bohème und New Yorker Fluxus sind geprägt von einer fast rastlosen Neugier. Steiner trifft in New York – über die Vermittlung von Lil Picard – auf Al Hansen, Allan Kaprow und begegnet Robert Motherwell im Atelier. Als junger Maler aus Berlin reibt sich Steiner an den Bewegungen von Pop Art und Informeller Kunst, wird Meisterschüler, dann Mentor und Initiator. In Berlin gründet er legendäre Orte wie das Hotel Steiner und die Studiogalerie, damals Treffpunkte internationaler Künstler*innen. Das Umfeld des Fluxus – dokumentiert, bewahrt und erforscht etwa im Archivio Conz – ist nicht nur Netzwerk, sondern Ausgangspunkt für Steiners Überwindung von Genre-Grenzen.
Bald folgt der radikale Schritt: Von der skeptischen Malerei zur pionierhaften Videokunst. Steiners Videokamera hält Performances von Marina Abramovi?, Valie Export oder Ulay fest, sein Werk ist dabei stets mehr als Dokumentation—es ist Umdeutung, Intervention und Experiment zugleich. Doch der Kreis schließt sich: Während viele Zeitgenossen das bewegte Bild als Absage an traditionelle Medien lesen, bleibt bei Steiner stets die Malerei als leise Referenz im Hintergrund. Die Arbeiten der 1990er und 2000er Jahre – präsentiert in aktuellen Showrooms und einst etwa im legendären „Color Works“ des Hamburger Bahnhofs – zeigen einen eigensinnigen Rückweg zur Leinwand. Nun distanzierter im Gestus, frei von Narrativ und figürlicher Anbindung, sucht Steiner das Unbekannte in Fläche, Farbe und Tektonik. Wie ein „Painted Tape“ verdichtet sich visuelle Energie, Bewegung und Erinnerung auf statische Bildträger – die Malerei wird zum Speicher einer performativen Haltung. Die aktuellen Abstraktionen verweisen auf das, was bleibt, wenn das Live-Erlebnis endet: Ein Sinnbild für das künstlerische Gedächtnis, das in jedem Pigment weiterlebt.
Das Erbe Mike Steiners bleibt damit gleich mehrfach relevant. Seine Malerei verweigert sich der Nostalgie und bleibt ein Angebot an den Blick, immer wieder neu zwischen Erinnerungsbild und Gegenwart zu oszillieren. Gerade im Zeitalter unzähliger digitaler Bilder entschleunigen seine abstrakten Arbeiten, lenken den Fokus auf das Material, die Geste, das Subtile. Für die Abstrakte Kunst in Berlin stellt sie einen zentralen Referenzpunkt dar, ebenso für die Diskussion um Authentizität, Originalität und das Verhältnis von Medium und Erfahrung. Der Dialog mit den Werken von Vertretern wie Joseph Beuys, George Maciunas, Valie Export oder Marina Abramovi? – allesamt Weggefährten, deren Nachlässe ebenfalls im Archivio Conz einen sicheren Aufbewahrungsort gefunden haben – unterstreicht die nachhaltige Kraft eines Kunstbegriffs, dem das Experiment Pflicht ist. Wer heute die Malerei von Mike Steiner betrachtet, der begegnet in jedem Bild nicht nur der Abstraktion, sondern dem Echo einer Zeit, in der es galt, das Bild selbst zu befragen. Gerade darin besteht die fortdauernde Aktualität von Mike Steiner Malerei & Videokunst.
