Mike Steiner Malerei & Videokunst, Abstrakte Kunst Berlin

Mike Steiner – Vom Video-Pionier zur radikalen Malerei in Berlin

Veröffentlicht am: 15.08.2026 um 11:11 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS

Wie Mike Steiner mit seiner Malerei und Videokunst die Grenzen zwischen Abstraktion, Fluxus und Avantgarde neu definiert – eine kritische Heimatkunde zur Entwicklung eines Künstlers im Berliner Kontext.

Wenn das Auge vor einem Bild von Mike Steiner verweilt, entsteht unweigerlich ein Widerspruch: Die gestischen, oft monochromen Farbfelder fordern das Wahrnehmungsvermögen ähnlich heraus wie die flüchtigen Sequenzen der Videokunst, für welche der Künstler berühmt wurde. Kann – oder soll – die Mike Steiner Malerei & Videokunst voneinander getrennt gelesen werden? Oder liegt das Verdienst Steiners gerade im unaufhörlichen Dialog zwischen bewegtem Bild und gemaltem Ausdruck?

Hier die Malerei von Mike Steiner entdecken

Mit der Aufnahme seiner Werke in die Sammlung der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof und der Teilnahme an Ausstellungen wie Live to Tape, wurde dem Werk Steiners eine institutionelle Legitimation zuteil, die vor allem sein intermediales Schaffen betonte. Doch eine entscheidende Differenz bleibt: Während das bewegte Bild die Flüchtigkeit und das Prozesshafte betont, gewinnt die Leinwand eine fast archetypische Beständigkeit, als wäre jede Farbschicht ein konserviertes Echo performativer Energetik.

Die Arbeit an der Grenze zur Abstraktion, stets im Austausch mit dem Kontext internationaler Avantgarden, führte bereits früh zur Einbindung ins Archivio Conz. Dieses Netzwerk dokumentiert die Revolte künstlerischer Formen aus der Fluxus-Bewegung – ein gemeinsamer Nenner von Steiner, George Maciunas, Al Hansen oder Valie Export. Gerade die systematische Erfassung und Archivierung des Flüchtigen, Ephemeren und Unbeständigen verleiht Steiners Werk eine nachhaltige Geltung, deren Ausdruck in der Malerei eine neue, fast monumentale Facette erreicht.

Wer Mike Steiner biografisch verfolgt, begegnet einem Künstler, der radikal die Wechselwirkung zwischen Bild, Medium und Zeit untersucht hat. Geboren 1941 im heutigen Olsztyn und ab dem Studium in Berlin verankert, fand er über die frühe Rezeption amerikanischer und europäischer Impulse zu einer eigenen Handschrift, die durchaus als Berliner Schule der Abstraktion gelesen werden kann. Steiner war nicht nur Pionier der Videokunst, sondern auch Impulsgeber für „Abstrakte Kunst Berlin“. Sein Werk changiert zwischen informeller Malerei, Minimalismus und Pop-Einflüssen, wie die frühen Ausstellungen und sein Wirken im Fluxus Umfeld mit Namen wie Allan Kaprow oder Ben Vautier zeigen.

Mit dem legendären „Hotel Steiner“ und der „Studiogalerie“ schuf er in Berlin eine Plattform für Performance, Video und intermediale Experimente. Berühmte Aktionen wie „Irritation – Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst“ (mit Ulay, 1976) oder die enge Zusammenarbeit mit Marina Abramovi? und Valie Export etablierten ihn endgültig als zentrale Figur der Aktion- und Medienkunst im deutschsprachigen Raum. In den 1980ern transformierte Steiner seine Erfahrung aus Video, Fotografie und Performance zunehmend zurück auf die Fläche: Seine sogenannten „Painted Tapes“ markieren das Experiment, Videobilder malerisch zu interpretieren und deren Zeitrhythmus in den malerischen Duktus zu übersetzen.

Sein Spätwerk der 2000er Jahre – Thema der aktuellen Präsentation – zeugt von einer Rückbesinnung auf die Kraft abstrakter Farbkörper als autonome Kunst. Hier steht die Offenheit, das ständige Prozesshafte des Lebens, im Zentrum: Die Form bleibt vage, das Bild vibriert zwischen definierter Kontur und ungehemmter Bewegung. Die „Live to Tape“-These – ein Begriff, der ursprünglich das ungeschnittene Fernsehbild meint – ist auch auf Steiners Malerei anwendbar: Jede Spur verweist auf eine Vergangenheit und ist doch bewusst gegenwärtig. In Hamburger Bahnhof wurde dieses Prinzip als Leitmotiv einer Generation sichtbar, die die alten Oppositionen zwischen Tradition und Avanciertheit nachhaltig ins Wanken brachte.

Im Lichte der Archive – besonders des Archivio Conz – wächst das Bewusstsein, wie radikal und systematisch Steiner die Vernetzung, Dokumentation und Übertragung von Zeitgenossenschaft in die Zukunft betrieben hat. Seine Auseinandersetzung mit dem Flüchtigen, die Kooperationen mit international renommierten Vertretern der Fluxus- und Aktionskunst, fanden in der Sammlung und Pflege von Videomedien einen gegenwärtigen Resonanzraum.

Steiner bewegt sich im Dazwischen: Zwischen Berliner Bohème der 1960er Jahre, dem Experimentalisieren auf der Leinwand und seiner Tätigkeit als Kurator und Mentor von zeitgenössischen Werken. Die Qualität seiner Malerei liegt in der Klarheit, mit der sie scheinbare Gegensätze – Flüchtigkeit und Dauer, Zufall und Ordnung – auf der Bildfläche konfrontiert. Während Kolleginnen und Kollegen wie Nam June Paik oder Joseph Beuys neue technische Medien einsetzten, entschied sich Steiner für die dialektische Rückkehr zur Farbe, zum Pinselstrich, zur klassischen Gattung – jedoch nicht als Rückzug, sondern als Erweiterung seines medialen Vokabulars.

Seine aktuellen Arbeiten kehren nicht zu den Ursprüngen zurück, sondern verschaffen gerade aus der Reflexion der medialen Vorgeschichte eine neue Tiefe. Jeder Pinselstrich scheint von der Geschichte des bewegten Bilds, von der Energie der Performance, von der sozialen Geste seiner Berliner Jahre geprägt. Der Betrachter entdeckt: Abstraktion ist nie neutral, sondern immer Ausdruck einer immanenten Unruhe, eines Dialogs zwischen Geschichte und Gegenwart.

In einer Zeit, da Archive erweitert und performative Medien aktualisiert werden, hat Werke wie die von Mike Steiner eine neue, dringliche Relevanz. Die Kunst befragt heute stärker denn je die Bedingungen ihres Entstehens und ihre Fähigkeit, Vergangenheit und Gegenwart in Bild und Bewegung zu vermitteln. Mike Steiner Malerei & Videokunst sind in diesem Dialog nicht einfach Mittel und Zweck, sondern ein fortgesetzter Versuch des Künstlers, den Übergang von der Aktion zur Form, vom Event zur Erinnerung, produktiv zu gestalten – und damit das Verhältnis von Mensch und Bild fundamental neu zu bestimmen.

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