Putin bringt Altkanzler Schröder als Vermittler ins GesprÀch
10.05.2026 - 14:46:49 | dpa.de(neu: Weitere Reaktionen, Regierungskreise.)
MOSKAU (dpa-AFX) - Kremlchef Wladimir Putin hat den seit langem mit ihm befreundeten Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler im Krieg zwischen Russland und der Ukraine ins Spiel gebracht. Obwohl sich die USA um Vermittlung bemĂŒht hĂ€tten, könne er sich von europĂ€ischer Seite den frĂŒheren SPD-Chef als Vermittler vorstellen, sagte Putin am Abend bei einer auĂerordentlichen Pressekonferenz nach der Siegesparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Moskau. "Von allen europĂ€ischen Politikern wĂŒrde ich GesprĂ€che mit Schröder bevorzugen."
In der Bundesregierung stoĂen Putins ĂuĂerungen auf deutliche Skepsis. Aus Regierungskreisen in Berlin hieĂ es, man habe die ĂuĂerungen zur Kenntnis genommen. Sie reihten sich ein in eine Serie von Scheinangeboten und seien Teil der bekannten hybriden Strategie Russlands. "Deutschland und Europa lassen sich dadurch aber nicht spalten", hieĂ es weiter.
Russland habe seine Bedingungen nicht geĂ€ndert. Deswegen sei die Verhandlungsoption nicht glaubwĂŒrdig. "Ein erster Test der GlaubwĂŒrdigkeit wĂ€re es, wenn Russland die Waffenruhe verlĂ€ngert." Beide Seiten hatten sich unter Vermittlung von US-PrĂ€sident Donald Trump auf eine Waffenruhe bis Montag (11. Mai) geeinigt.
"Europa muss mit am Tisch sitzen"
Europa und die USA hĂ€tten eingespielte Verhandlungsteams, hieĂ es in Regierungskreisen weiter. Die Ukraine stehe gemeinsam mit der Gruppe der E3 - das sind Deutschland, Frankreich und GroĂbritannien - fĂŒr GesprĂ€che stets zur VerfĂŒgung. "Europa muss mit am Tisch sitzen. DafĂŒr mĂŒssen aber die Bedingungen stimmen." Zwischen Kiew und Moskau gab es Verhandlungen ĂŒber ein Ende des russischen Angriffskriegs bisher unter Vermittlung der USA, die EuropĂ€er saĂen nicht mit am Tisch - auch weil der Kreml das ablehnte.
SPD-AuĂenpolitiker fordern dagegen, dass der Vorschlag des Kreml nicht sofort abgelehnt wird. "Jedes Angebot muss ernsthaft geprĂŒft werden, wie verlĂ€sslich es ist", sagte der auĂenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetovic, dem "Spiegel". Ăhnlich Ă€uĂerte sich der SPD-AuĂenpolitiker Ralf Stegner. "Ich begrĂŒĂe jede Initiative, die den Krieg beenden könnte", sagte er dem "Spiegel". Bislang sei Europa nicht an den Verhandlungen beteiligt und könne keine VorschlĂ€ge machen. "Wenn das ĂŒber jemand wie Schröder gelingen wĂŒrde, wĂ€re es fahrlĂ€ssig, das auszuschlagen."
Das BĂŒro des Altkanzlers teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit, Schröder werde sich zu dieser Frage nicht Ă€uĂern. Putin hatte auch gesagt, es brauche jemanden als Vermittler, der bisher nicht mit Gemeinheiten gegenĂŒber Russland aufgefallen sei.
Putin betonte, dass eine friedliche Lösung des Konflikts Sache der Ukraine und Russlands sei. "Aber wenn jemand helfen möchte, sind wir dafĂŒr dankbar." Er sagte auch, er glaube, dass sich der Krieg dem Ende zuneige. Der russische PrĂ€sident hatte die groĂangelegte Invasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 befohlen - und seine Kriegsziele bisher nicht erreicht.
Schröder ist gegen Isolierung Russlands
Der mittlerweile 82 Jahre alte Sozialdemokrat Schröder, der von 1998 bis 2005 Kanzler war, steht seit Jahren wegen seiner Freundschaft zu Putin und TĂ€tigkeiten fĂŒr russische Ăl- und Gaskonzerne in der Kritik - auch innerhalb seiner eigenen Partei. Zuletzt hatte er Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine Ende Januar in einem Gastbeitrag fĂŒr die "Berliner Zeitung" als völkerrechtswidrig bezeichnet und zugleich nachgeschoben: "Ich bin aber auch gegen die DĂ€monisierung Russlands als ewiger Feind." Auch plĂ€dierte Schröder fĂŒr die Wiederaufnahme von Energielieferungen aus Russland.
Schröder war nach seinem Ausscheiden aus der Politik lange Jahre fĂŒr russische Energiekonzerne aktiv, unter anderem als PrĂ€sident des Verwaltungsrats der Nord Stream 2 AG, einer Tochtergesellschaft des russischen Energiekonzerns Gazprom. Die Pipeline wurde Ende 2021 fertiggestellt, ging aber wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 nicht in Betrieb - die Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Olaf Scholz (SPD) versagte die Betriebsgenehmigung.
Putin zu direkten GesprÀchen mit Selenskyj bereit - in Moskau
Putin machte in der Pressekonferenz erneut deutlich, er sei auch bereit zu direkten GesprĂ€chen mit dem ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj. "Wer sich mit mir treffen will, muss nach Moskau kommen", sagte Putin allerdings. Ein Treffen an einem anderen Ort sei auch möglich, "aber nur wenn zuvor eine langfristige Friedensvereinbarung getroffen wurde". Selenskyj schlieĂt eine Reise nach Moskau aus.
Siegesparade verlÀuft störungsfrei
Angesichts einer von US-PrĂ€sident Donald Trump vermittelten dreitĂ€gigen Waffenruhe konnte Putin seine MilitĂ€rparade am Samstag störungsfrei durchziehen. Die befĂŒrchteten Drohnenangriffe von ukrainischer Seite blieben aus. In seiner Rede vor Tausenden Soldaten und einigen internationalen GĂ€sten zeigte sich Putin sicher, dass Russlands Armee den Angriffskrieg gegen die Ukraine gewinnen werde.
Russland feiert am 9. Mai traditionell den Tag des Sieges der Sowjetunion ĂŒber Nazi-Deutschland. Wegen der gespannten Sicherheitslage - und möglicherweise auch wegen des kriegsbedingt reduzierten Arsenals - gab es diesmal nicht die ĂŒbliche Waffenschau mit Panzern, Raketen und anderer MilitĂ€rtechnik.
Bisher ist auch im fĂŒnften Jahr der Invasion nicht erkennbar, wie Putin seine Kriegsziele in der Ukraine erreichen will. Die abgespeckte MilitĂ€rparade gilt als Spiegelbild der Lage in seinem Krieg. Die russischen Truppen sind durch die Gegenwehr der vom Westen unterstĂŒtzten Ukraine zunehmend unter Druck.
Beide Seiten werfen sich VerstöĂe gegen Waffenruhe vor
Beide Seiten warfen sich VerstöĂe gegen die bis 11. Mai dauernde Waffenruhe vor. Das russische Verteidigungsministerium warf den ukrainischen StreitkrĂ€ften vor, diese hĂ€tten mit Drohnen und Artillerie russische Positionen und auch zivile Objekte angegriffen. Auch der ukrainische Generalstab beklagte nach Beginn der Waffenruhe Angriffe von russischer Seite vor allem in den umkĂ€mpften Regionen im Donbass.
ĂberprĂŒfbar sind die Angaben der Kriegsparteien von unabhĂ€ngiger Seite nicht. Auch bei allen bisherigen Waffenruhen haben sich Kiew und Moskau immer wieder massenhaft VerstöĂe vorgeworfen.
Sowohl die russischen als auch die ukrainischen StreitkrĂ€fte nutzen nach Angaben aus Kiew die aktuelle Feuerpause zum HeranfĂŒhren von VerstĂ€rkungen sowie zur Rotation ihrer Truppen. Daneben bringe der Feind auch neue Waffen und Munition an die Frontlinien heran, sagte der ukrainische Armee-Pressesprecher Viktor Trehubow im Fernsehen. Ăhnliches geschehe auch auf ukrainischer Seite.
Die Lage an der Front sei derzeit ruhig, sagte Trehubow. Zwar gebe es noch einzelne KĂ€mpfe, doch seien diese deutlich weniger intensiv. Es sei "eine Art Ruhetag" eingetreten.
Fico verteidigt Teilnahme an Weltkriegsgedenken in Moskau
Derweil verteidigte der slowakische MinisterprĂ€sident Robert Fico seine von anderen EU-LĂ€ndern kritisierte Teilnahme am Weltkriegsgedenken in Moskau und rief zur neuerlichen Zusammenarbeit Europas mit Russland auf. "Ich lehne einen neuen Eisernen Vorhang zwischen der EU und Russland ab", sagte der Linksnationalist in einem Facebook-Video auf dem RĂŒckflug aus Moskau nach Bratislava. Er und seine Regierung hĂ€tten "Interesse an normalen freundschaftlichen und gegenseitig vorteilhaften Beziehungen" zur GroĂmacht Russland ebenso wie zu allen anderen LĂ€ndern, die daran interessiert seien.
Fico war der einzige Gast aus der EuropĂ€ischen Union, der am Tag des Weltkriegsgedenkens im Kreml empfangen wurde. Putin sicherte ihm zu, dass Russland alles tun werde, um den Energiebedarf der Slowakei zu erfĂŒllen.
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