Oracle Aktie: 638 Milliarden Dollar Aufträge
Veröffentlicht am: 19.07.2026 um 19:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Auftragspolster von 638 Milliarden Dollar. Ein Fixdeal mit OpenAI über 300 Milliarden Dollar. Und trotzdem verliert Oracle in wenigen Wochen fast ein Drittel seines Börsenwerts. Wie passt das zusammen?
Die Antwort liegt nicht in der Nachfrage. Die liegt im Geld, das Oracle braucht, um diese Nachfrage überhaupt bedienen zu können. Der Konzern verwandelt sich gerade von einem Softwarehaus mit stabilen Margen in einen Bauherren gigantischer Rechenzentren. Und dieser Umbau frisst Kapital in einem Tempo, das selbst gestandene Kreditgeber ins Schwitzen bringt.
Vom Softwarehaus zum Großbaustellen-Betreiber
Die Zahlen zeigen das Ausmaß der Wette. Im Geschäftsjahr 2025 gab Oracle noch 21,2 Milliarden Dollar für Infrastruktur aus. Im Jahr 2026 waren es bereits 55,7 Milliarden Dollar. Für das kommende Geschäftsjahr 2027 kündigt der Konzern Investitionen zwischen 90 und 95 Milliarden Dollar an – Geld für die "Stargate"-Großanlage in Texas und weitere Standorte in Wisconsin.
Diese Aufholjagd hat einen Preis. Die Ratingagentur S&P Global stufte Oracle am 9. Juli 2026 auf BBB- herab. Das ist nur noch eine Stufe über Ramschniveau. Parallel dazu kursieren Berichte, wonach selbst Großbanken wie JPMorgan Chase Schwierigkeiten haben, die nötigen Milliardenkredite für die KI-Baustellen zu syndizieren. Einzelne Institute stoßen schlicht an ihre Risikogrenzen.
Genau hier liegt der Kern der Geschichte. Ein Unternehmen kann noch so viele Aufträge in den Büchern haben – wenn die Finanzierung des Ausbaus ins Stocken gerät, nützt der schönste Backlog wenig. Die Kreditmärkte, nicht die Kundennachfrage, entscheiden derzeit über Oracles Kurs.
Ausverkauf trifft auf ausgereizte Charttechnik
Der Markt hat diese Zweifel längst eingepreist, und zwar brutal. Oracle schloss am Freitag bei 110,56 Euro, ein Tagesplus von 1,79 Prozent, das den größeren Trend kaum kaschiert. Auf Monatssicht steht ein Minus von 30,75 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es sogar 33,48 Prozent.
Die Aktie notiert damit nur noch 5,20 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 105,10 Euro, erreicht erst am 17. Juli 2026. Der 14-Tage-RSI von 29 signalisiert technisch überverkauftes Terrain. Für Analysten öffnet sich dadurch eine auffällige Lücke: Der Konsens-Kurszielwert liegt bei umgerechnet rund 254 Euro, was einem theoretischen Aufwärtspotenzial von etwa 130 Prozent entspräche – vorausgesetzt, Oracle löst seine Liquiditätsprobleme.
Diese Diskrepanz zwischen Kurszielen und Marktpreis ist selten so groß wie derzeit bei Oracle. Sie zeigt, wie unsicher selbst professionelle Beobachter über den Ausgang dieser Wette sind.
Die Woche der Wahrheit: Kredit statt Kurs
Für Oracle-Aktionäre bringt die neue Handelswoche zumindest einen greifbaren Termin: Am Freitag, den 24. Juli 2026, zahlt der Konzern seine Quartalsdividende von 0,50 US-Dollar je Aktie aus. Ein kleiner Trost in stürmischen Tagen, aber kein Signal, das die grundlegenden Fragen beantwortet.
Diese Fragen spielen sich derzeit nicht am Aktienmarkt ab, sondern am Kreditmarkt. Die Credit Default Swaps auf Oracle-Anleihen kletterten zuletzt auf Mehrjahreshochs – ein Indikator dafür, wie teuer sich der Konzern gegen einen Zahlungsausfall absichern muss. Jede Nachricht über eine erfolgreiche Kreditsyndizierung oder eine neue Anleiheemission dürfte in den kommenden Tagen mehr Kursbewegung auslösen als jede Software-Meldung.
Das Management verweist gerne auf die "außergewöhnliche Sichtbarkeit", die der gewaltige Auftragsbestand biete. Die eigentliche Frage aber lautet, ob sich dieser Berg an Aufträgen schnell genug in echten Cashflow verwandelt. Schnell genug, um die steigenden Schuldendienstkosten und den negativen freien Cashflow aus dem KI-Ausbau zu decken. Bis diese Frage eine klare Antwort findet, bleibt Oracle das Paradebeispiel dafür, dass ein Rekordauftragsbuch allein noch keine ruhigen Kurse garantiert.
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